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Digitalkiosk: Blendle startet in Deutschland

Foto: Leonard Fäustle

Digitalkiosk Blendle Schlechter Text? Dann gibt's das Geld zurück

Einzelne Zeitungsartikel für Cent-Beträge, samt Rückgabeoption: Ein Niederländer will den Digitalkiosk neu erfinden. Mit viel Selbstbewusstsein und namhaften Partnern bringt er seinen Dienst Blendle jetzt nach Deutschland.

Einen Beleg dafür, dass Marten Blankesteijns Firma Blendle groß geworden ist, erbrachte ausgerechnet seine Freundin. Sie ist Nachrichtensprecherin bei einem niederländischen Fernsehsender und hatte an einem Herbsttag im vergangenen Jahr Frühschicht. Kurz zuvor wurde bekannt, dass der Axel-Springer-Verlag und die "New York Times" in das Unternehmen ihres Freundes investieren werden. Sie las die Nachricht in der Sendung vor, ein Foto ihres Freundes war lebensgroß hinter ihr auf einer Studiokulisse zu sehen.

Ein paar Monate zuvor sah es noch so aus, als würde Blendle sterben, bevor es wirklich an den Start gegangen ist. Das Geld war alle, ein Investor nicht in Sicht.

Blendle-Gründer Blankesteijn ist 28 Jahre alt. Er studierte Journalistik, schrieb für Tageszeitungen. Er liebt Papier. In seiner Wohnung in der Innenstadt von Utrecht, gut 40 Kilometer von Amsterdam entfernt, stapeln sich Magazine und Tageszeitungen. Doch seine Freunde wollten für seine Texte nicht bezahlen und klickten sich stattdessen lieber gratis durchs Netz.

Keine Lust auf Formulare

Blankesteijn glaubt, dass das eher an technischen Hindernissen liegt: "Den meisten Menschen ist klar, dass guter Journalismus Geld kostet", sagt er. "Doch keiner hat Lust, sich durch Formulare zu arbeiten, alle möglichen Angaben zu machen, nur um am Ende einen Text lesen zu können."

Wie wäre es, wenn der Kauf eines Zeitungsartikels so einfach ist, wie in Apples iTunes-Software mit Musik, dachte sich Blankesteijn und gründete gemeinsam mit einem Freund Blendle . "Ich kann nur Journalismus und nichts anderes. Irgendwie muss ich das bis zur Rente durchhalten und da schien mir Blendle ein guter Weg", sagt er.

Blendle ist zunächst einmal nichts anderes als eine Onlineplattform, auf der Artikel aus Tageszeitungen und Magazinen einzeln gekauft werden können. Die Preise können die Verlage festlegen. Ein Text kostet meist 25 Cent, manches Blatt verlangt auch einen Euro. 30 Prozent fließen an Blendle, der Rest an den Verlag.

Gefällt dem Leser die Geschichte nicht, kann er 24 Stunden lang den Artikel zurückgeben: Das Geld wird dann zurückerstattet. Retourniert man zu oft, wird diese Funktion vorübergehend gesperrt. Es heißt, nur fünf Prozent der Nutzer würden die Texte häufiger nicht bezahlen wollen.

Die teuerste Art, Journalismus zu konsumieren

Nun will Blankesteijn in Deutschland starten. Seit Dienstag können sich Interessenten für eine Beta-Testphase registrieren, richtig losgehen wird es wohl im Spätsommer. Mehrere große Tageszeitungen und Magazine werden dabei sein, darunter die "Süddeutsche Zeitung" und das zu Bertelsmann gehörende Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr ("Stern", "Brigitte"). Auch der SPIEGEL wird mitmachen.

Blendle auf einem iPad: Der Dienst startet in Deutschland mit namhaften Partnern

Blendle auf einem iPad: Der Dienst startet in Deutschland mit namhaften Partnern

Foto: Blendle

Springer ("Bild", "Welt") ist ohnehin von Anfang an dabei, die Berliner haben gemeinsam mit der "New York Times" drei Millionen Euro in Blendle gesteckt. Springer-Chef Mathias Döpfner sei sogar persönlich nach Utrecht gekommen. Es gehe ihm nicht ums Geldverdienen, sondern um die Gesellschaft, habe er damals gesagt, erinnert sich Blankensteijn. Er glaubt Döpfner.

Woran Blankensteijn nicht glaubt, ist Döpfners Ansatz, wenn es ums Bezahlen im Netz geht. "Das sogenannte Metered Model  ist kein echtes Bezahlsystem, sondern eigentlich nach wie vor frei zugänglicher Journalismus. Ich glaube nicht daran, dass man Sachen verschenkt und nur wer zu viel will, muss bezahlen."

Die Zahlen der "New York Times", die auch auf das Metered Model setzt, bei dem einige Texte frei abrufbar sind, sind für ihn der Beleg seiner These: Das Wachstum sei überschaubar, mit "New York Times Now" wurde zusätzlich ein Gratisangebot gestartet.

Vielkäufer bekommen das ganze Magazin

Bei einer harten Paywall liege die Conversion-Rate, also die Zahl der Menschen, die wirklich ihre Kreditkarte zücken, bei unter einem Prozent - auch das ist aus Sicht von Blankensteijn keine Lösung. Blendle sei am Ende zwar die teuerste Art, Journalismus zu konsumieren, aber genau deshalb für die Verlage so interessant.

"Es ist wie im Restaurant", sagt Blankensteijn: "Kauft man eine Flasche Wein ist das günstiger, als für jedes Glas zu bezahlen." Deshalb hat Blendle eine besondere Funktion: Erreicht man durch den Kauf einzelner Artikel die Gesamtsumme für die Zeitung oder das Magazin, werden automatisch alle Texte freigeschaltet.

Verändert der Einzelverkauf von Artikeln, wie ihn Blendle praktiziert, den Journalismus? Das kann durchaus sein, spätestens dann, wenn Verlage mehr und mehr Blendle-tauglichen Journalismus produzieren. Nicht alles dürfte im Einzelverkauf gut laufen, es wird kaum eine auskömmliche Zahl von Lesern geben, die für besonders teure Texte, etwa Hintergrundberichte aus entlegenen Kriegsgebieten, bezahlen.

Derzeit werden solche Artikel meistens quersubventioniert: Der Leser bezahlt die Zeitung und bekommt die Texte einfach geliefert - egal, ob er sie liest oder nicht. Besonders erfolgreich beim Einzelverkauf von Texten ist in Deutschland die Stiftung Warentest. Für ein Dossier über Waschmaschinen oder Krankenversicherungen zahlen Leser mal eben einige Euro. Artikel mit direktem Nutzwert scheinen anzukommen.

Es gibt bereits Alternativen

Ganz allein ist Blendle mittlerweile nicht mehr auf dem Markt. Firmen wie das schwedische Start-up Readly greifen an. Anders als Blendle setzt Readly nicht auf einen Einzelverkauf, sondern auf das von Spotify bekannte Flatrate-Modell. Für einen Pauschalpreis von zehn Euro monatlich bekommt man Zugriff auf eine Zeitschriften-Auswahl.

In Deutschland sind derzeit vor allem bunte Blättchen wie "Closer", die "Neue Post" oder "Frau im Spiegel" erhältlich, weshalb der Dienst hierzulande kaum bekannt ist. Ebenso versucht sich die Hamburger Firma Pocketstory an einem ähnlichen Geschäftsmodell wie Blendle.

Blankensteijn sieht in Readly oder Pocketstory keine Wettbewerber: "Man hat das Gefühl, das iPhone erfunden zu haben und die anderen vergleichen einen mit Huawei."

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