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Patrick Beuth

Blockchain-Analyse Überraschung: Bitcoin ist kein reines Gangstergeld

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt noch gute Nachrichten, sogar rund um Bitcoin.

Klar, ohne Fusionsreaktor ist das Schürfen von Kryptowährungen eigentlich nicht mehr zu verantworten, und Zahlungsmittel, deren Wert direkt vom Dopaminspiegel eines einzelnen Twitternutzers abhängig zu sein scheinen, sind möglicherweise nicht die Zukunft des Geldes. Aber immerhin ist der Anteil an (strafrechtlich) kriminellen Aktivitäten am gesamten Transaktionsvolumen aller Kryptowährungen gesunken. Anders ausgedrückt: Bitcoin und Co. werden nur zu einem sehr kleinen Teil von Gangstern benutzt. So jedenfalls steht es im diesjährigen »Crypto Crime Report«  von Chainalysis.

Das Unternehmen hat sich eine faszinierende Nische gesucht und ist darin zu einem der bekanntesten Namen der Branche geworden: die Analyse von Blockchain-Transaktionen als Service. Zum Beispiel für Strafverfolger, Finanzinstitute, Versicherungen und IT-Sicherheitsunternehmen. Eine der zentralen Tätigkeiten von Chainalysis ist die Beobachtung von Transaktionen zu und von Adressen, die Kriminellen zugeschrieben werden, etwa weil sie bei Ransomware-Angriffen in den Lösegeldforderungen genannt sind.

Im Jahresbericht steht wenig zur Methodik, dafür aber viel zu den Ergebnissen. Zum Beispiel geht Chainalysis davon aus, dass 2020 nur 0,34 Prozent aller Transaktionen mit Kryptowährungen einen kriminellen Hintergrund hatten. Im Vorjahr waren es noch 2,1 Prozent. In Dollar umgerechnet waren es zehn Milliarden statt 21,4 Milliarden, wobei nicht klar ist, welcher Wechselkurs dieser Berechnung zugrunde gelegt wurde.

»Alles, was Sie tun müssen, ist sich zurückzulehnen und zu entspannen« – so klingt Betrug mit Bitcoin

»Alles, was Sie tun müssen, ist sich zurückzulehnen und zu entspannen« – so klingt Betrug mit Bitcoin

Foto: DADO RUVIC / REUTERS

Wenn es kriminell wurde, dann ging es meistens um Anlagebetrug, den Handel auf Darknet-Marktplätzen und an dritter Stelle um Erpressung mit Ransomware.

Letzteres habe stark zugenommen, heißt es im Bericht, nämlich um 311 Prozent im Vergleich zu 2019. Die Gesamtsumme, die in den Wallets der Täter gelandet ist, beläuft sich auf umgerechnet knapp 350 Millionen Dollar. Die Zahl ist möglicherweise nicht ganz korrekt, weil Chainalysis nicht alle Ransomware-Wallets kennt und das auch selbst einräumt. Aber sie gibt einen guten Eindruck von der Größe dieser kriminellen Branche.

Die zuletzt 37 aktiven Darknet-Marktplätze wiederum haben 2020 umgerechnet 1,7 Milliarden Dollar umgesetzt, mehr als je zuvor. Doch das Wachstum gehe praktisch auf einen einzigen Anbieter zurück: Hydra. So heißt der größte Darknet-Marktplatz der Welt, auf dem neben Drogen wohl auch Falschgeld und Hacking-Dienste verkauft werden, alles ausschließlich in russischer Sprache.

In Russland verortet Chainalysis dann auch die meisten empfangenen und gesendeten Kryptowährungen im Bereich des Drogenhandels, gefolgt von den USA, der Ukraine und China. Deutschland landet auf Platz zehn, mit Kryptowährungen im Wert von 23 Millionen Dollar, die an Darknet-Märkte gesendet wurden, und umgerechnet 18 Millionen Dollar, die von dort nach Deutschland geschickt wurden.

Der größte Anlagebetrug des Jahres war der Fall Mirror Trading International (MIT). Der Anbieter versprach seiner Kundschaft, ihre Einlagen in Kryptowährungen mithilfe von künstlicher Intelligenz so anzulegen, dass sie jeden Tag 0,5 Prozent Zinsgewinne machen könnten. »Alles, was Sie tun müssen, ist sich zurückzulehnen und zu entspannen«, warb die Firma auf ihrer Website – als sie noch existierte und ihr Chef noch nicht nach Südafrika abgehauen war.

Schon erstaunlich, dass Menschen auf so etwas hereinfallen. Aber manche haben ja auch Dogecoin gekauft, nur weil ein Mann, der den Mars kolonisieren will, darüber getwittert hat.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • »NASA's Dr. Lori Glaze Debunks Mars Myths«  (Video, 8:28 Minuten, Englisch)
    Apropos Mars: Gibt es dort Leben? Stammen wir von ihm ab? Und wie ist das Wetter? Diese Fragen beantwortet Nasa-Wissenschaftlerin Lori Glaze im »Wired«-Video.

  • »404 – Arbeitsblatt not found«  (5 Leseminuten)
    Warum funktionieren die Lernplattformen der deutschen Schulen nicht? Unter anderen darum, schreibt »Zeit Online«: »Wir haben damals Lasttests gemacht und simuliert, dass ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler in Bayern gleichzeitig auf das System zugreift. Und wir haben gedacht: Das ist völlig utopisch, das wird nie passieren.«

  • »Facebook Meets Apple in Clash of the Tech Titans«  (Englisch, 6 Leseminuten)
    »Wir müssen ihnen Schmerzen zufügen«, soll Facebook-CEO Mark Zuckerberg über Apple gesagt haben. Das »Wall Street Journal« rekapituliert den Streit zwischen den beiden Unternehmen und garniert ihn mit einigen bemerkenswerten Zitaten.

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Ihr Patrick Beuth

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