Boktai Spieler, zur Sonne!

Irgendwann, fürchtet so manche Mutter, verwächst der videospielende Nachwuchs mit dem Schreibtischstuhl, erbleicht von PC-Gelb zu Kalkweiß, verliert die Bewegungsfähigkeit und reagiert allergisch auf Sauerstoff. Doch Rettung naht: Konami bringt "Boktai" auf den Markt, das Spiel, das Daddler an die Sonne zwingt.

Der Spieler in seiner Gameboy-Variante: Ein in der Regel noch nicht ausgewachsenes Exemplar der Gattung Mensch, das über ungeheure Fähigkeiten und Reflexe verfügt - wenn auch nur in den Daumen. Ansonsten kauert diese Version des Homo ludens gern im Dämmerlicht, weil da der mikroskopische Bildschirm am Besten zu sehen ist.

An solche Exemplare muss der in Sachen Technik und Computer nach eigener Auskunft völlig ahnungslose Franz Beckenbauer gedacht haben, als er auf die Frage, was er denn von PC-Spielen halte, sagte: "Dös find i überhaupt nicht guat. Die sollen draußen spualn".

Ob dieses denkwürdige Statement je ins Japanische übersetzt wurde, ist nicht bekannt. Trotzdem scheint es, als habe der Spieleentwickler Hideo Kojima sich das zu Herzen genommen: Sein in dieser Woche in Amerika veröffentlichtes Spiel "Boktai" zwingt den Gameboy-Spieler an die frische Luft.

Denn innerhalb eines Hauses ist das Spiel nicht zu gewinnen: Es geht um Vampire und Vampirjäger. Der Spieler gehört zur letzteren Gruppe, und die hat ihre Stärken bekanntlich im Sonnenlicht - je greller, desto besser. Wehe jedoch dem Nachwuchs-Van-Helsing, der sich im Dunklen an den Feind traut: Im Schutz der Nacht ist dem Vampir kaum etwas zu wollen.

Der Unterschied: Eine echte Idee, kein Rezept

Umgesetzt hat Kojimas Idee die Spielefirma Konami auf so einfache wie geniale Weise: Sie verbaute im oberen Teil der Spiele-Cartridge, die beim Gameboy stets aus dem Apparat lugt, einen Lichtsensor. Je mehr Sonnenlicht der registriert, desto stärker wird der Held. Manche Monster kann man überhaupt nur mit Lichtwaffen erlegen, und zu allem Überfluss passt sich das Spiel auch noch der jeweiligen Tageszeit an. Pfiffig in einem Markt, in dem vierte, fünfte und sechste Teile weit häufiger als Innovationen sind.

Kojima hatte weder mütterliche Sorgen noch beckenbäuerliche Vorurteile im Sinn, als er ans Spieledesign ging. Ein "Moment des Zufalls" habe er in das Spiel einbringen wollen, zudem eine "Verbindung zwischen Welt und Spiel". Jetzt, stellt er sich vor, ist der Ausgang des Spiels nicht mehr allein von Geschick und Routine des Spielers abhängig, sondern auch vom Wetter. Knallt die Sonne, braucht der Spieler Sonnencreme und seine virtuellen Vampir-Gegner sehr viel Glück, um mit dem Unleben davon zu kommen. Ist es bewölkt, wird die Sache schwer. Im Dunklen sind die Feinde übermächtig.

Ein kleiner Nervenkitzel, der dann durch die Umwelt des Spielers noch verstärkt wird.

Japans Gameboy-Spieler sonnen sich bereits seit dem Frühjahr, amerikanischen Zockern traut Konami anscheinend zu, dem Spiel vornehmlich im Süden nachzugehen. Das jedenfalls kann man aus der Begründung schließen, warum das Spiel in Europa erst ab Anfang nächsten Jahres verkauft wird: Man habe europäischen Spielern nicht zumuten wollen, draußen sitzen zu müssen, wenn es kalt ist. Winterfeste wie anglophile Daddler, die es trotzdem gar nicht abwarten können, werden ab sofort bei Versand- und Auktionshäusern im Web fündig.

Der Preis für das Lichtspiel: 35 US-Dollar, in Auktionen ab 30 Dollar.

Frank Patalong

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