Digitale Köder Wie Chatbots Freiern eine Falle stellen

In den USA setzen Ermittler Chatbots als Köder ein: Männer glauben, mit Prostituierten Nachrichten auszutauschen - doch stattdessen antworten automatisierte Systeme, im Dienst der Polizei.

Sie klingen wie Prostituierte, chatten mit Freiern und verhandeln über sexuelle Dienstleistungen - doch hinter den Gesprächen stecken Chatbots, die potenzielle Kunden über Zwangsprostitution aufklären und abschrecken sollen. Mehr als ein Dutzend Polizeieinheiten in den USA ködern Freier mittlerweile mit digitalen Attrappen.

Fake-Anzeigen mit einer Telefonnummer werden dafür in Suchmaschinen, auf Onlineplattformen wie Foren und in sozialen Netzwerken platziert - dort, wo auch echte Prostituierte um Kundschaft werben.

In den USA ist Prostitution bis auf einige wenige Ausnahmen im Bundesstaat Nevada illegal. Während Sexarbeiterinnen sich für eine Legalisierung einsetzen, wird die Debatte kontrovers geführt  - auch darüber, ob eine Legalisierung den Opfern von Zwangsprostitution helfen oder schaden würde. Jährlich werden in den USA Zehntausende von Menschen im Zusammenhang mit Prostitution verhaftet, vor allem Prostituierte. Erst seit wenigen Jahren wird stärker gegen Freier  ermittelt.

"Viele Käufer von sexuellen Dienstleistungen gehen einfach online, finden eine Telefonnummer, von der sie nicht wissen, wem sie gehört, und senden eine Nachricht", sagt Robert Beiser von der NGO Seattle Against Slavery dem SPIEGEL. "Die Person, mit der sie sich treffen wollen, könnte ein Opfer von Zwangsprostitution sein oder sich prostituieren, um zu überleben - aber dem Kunden ist das eher egal." Die US-Organisation, die sich gegen Zwangsprostitution und Zwangsarbeit einsetzt, hat ein Chatbot-System entwickelt, das digital gegen Ausbeutung kämpft.

Die NGO arbeitet mit Partnern wie Regierungen, Polizeieinheiten und anderen Strafverfolgungsbehörden zusammen. Die Partner schalten die Fake-Anzeigen und passen das Chatsystem an ihre Ziele an. Sie können der Projektwebseite zufolge  verschiedene Persönlichkeiten auswählen, darunter Minderjährige, die dem Freier gegenüber im Chat ihr Alter preisgeben, unerfahrene oder erfahrene Prostituierte, auch vermeintliche Gesprächspartnerinnen, die in gebrochenem Englisch chatten.

Einfache Dialoge statt künstlicher Intelligenz

Die Experten und Entwickler von Seattle Against Slavery haben mit ehemaligen Zwangsprostituierten zusammengearbeitet, um authentisch wirkende Onlineanzeigen sowie Dialoge zu entwickeln. Ins Repertoire des Chatbots sind auch von Strafverfolgungsbehörden dokumentierte Gesprächsprotokolle von Männern eingeflossen, die Sex von Minderjährigen gekauft haben.

Die Dramaturgie der Gespräche ist eher simpel aufgebaut: "In 90 Prozent der Fälle sind die Gespräche sehr einseitig, deswegen muss der Chatbot nicht besonders komplex sein - die Käufer stellen immer wieder dieselben Fragen", sagt Robert Beiser. "Der Bot kann mit relativ wenigen Optionen zu dem Punkt navigieren, wo der Käufer Sex von einem potenziellen Opfer von Zwangsprostitution kaufen möchte."

In dem Moment, in dem der Freier einen Deal abschließen will, kann er von einer automatisierten Warnbotschaft überrascht werden - wenn die Ermittler es zuvor so bestimmt haben. Die Polizeieinheiten, die das System nutzen, legen fest, ob der Chatbot nur Daten über den Vorgang sammeln soll - oder sich auf bestimmte Schlüsselbegriffe hin als Falle zu erkennen gibt.

"Im Idealfall geben sie es freiwillig auf"

Die Nachrichten informieren die Freier dann etwa, dass die Polizei hinter dem Bot steckt, sie klären über Zwangsprostitution auf und drohen mit rechtlichen Konsequenzen. Die Transaktionen geben der Polizei auch Einblicke in den Schwarzmarkt: "Mit den erhobenen Daten lässt sich etwa kartieren, wie viel Nachfrage in einer bestimmten Region nach Prostitution besteht", so Beiser.

Das Chatsystem hat den Angaben der NGO bereits in 17.000 Fällen in Onlinekaufversuche eingegriffen, das System wird mittlerweile in 13 Städten in den USA eingesetzt. All die potenziellen Freier strafrechtlich zu verfolgen, sei unmöglich, sagt Beiser. Doch in manchen Fällen prüft die Polizei, ob Männer, die etwa nach Kinderprostituierten suchen, in der Vergangenheit bereits als Straftäter registriert worden sind.

"Die Plattform kann bei Verhaftungen und Ermittlungen unterstützen, aber es geht vor allem darum, Leute zu stören, die gerade Sex kaufen wollen", sagt Robert Beiser. "Im Idealfall geben sie es freiwillig auf, was günstiger ist und sich leichter erreichen lässt als eine Verhaftung."

Wütend auf den Chatbot

Die Männer reagieren unterschiedlich auf die Enthüllungen des Undercover-Bots. "Viele Käufer nehmen die Informationen ernst und schreiben, sie hätten nicht gewusst, dass sie das Risiko eingehen, Zwangsprostitution zu unterstützen", beobachtet Beiser. Sie würden auch versprechen, es nie wieder zu tun.

Andere wiederum leugnen, dass sie sich auf einen Deal eingelassen hätten, selbst in offensichtlichen Fällen. "Und manche werden richtig sauer und versuchen, mit dem Chatbot zu diskutieren", so Beiser. "Aber das stört den Bot ja nicht. In jedem Fall wird ihnen bewusster, was sie tun und dass es Konsequenzen haben könnte."

Das Schwierige: In vielen Fällen unterscheiden sich die Anzeigen von Sexarbeiterinnern, die ihre Dienste freiwillig anbieten, kaum von Werbungen, die Zwangsprostituierte aufsetzen müssen. So wissen auch Käufer sexueller Dienstleistungen oft nichts über den Hintergrund der Anbieterinnen - diese Tatsache sei ihnen Beiser zufolge aber oft nicht bewusst. Oder sie wollen sich dies nicht bewusst machen.

"Es gibt eine komische Lücke im Denken: Es gibt Hunderttausende Opfer von Zwangsprostitution, aber niemand von den Männern, die Sex kaufen, wollen die sein, die Sex von Zwangsprostituierten kaufen", sagt Beiser. "Es ist ein Verbrechen, bei dem es eine Art imaginären Täter gibt - der keiner sein will." Dabei könne jede Person, die online Sex von einem Fremden kaufen will, dieser Täter sein.

Zuhälter mit ihren Waffen schlagen

Die NGO will nicht nur abschrecken. Viele Käufer fühlten sich nicht gut mit ihrer Gewohnheit, sich Sex zu kaufen, glaubt Beiser - ihnen bietet die Organisation weiterführende Informationen zur Unterstützung an. Programme wie "Stopping Sexual Exploitation" und "Men Engaging Men to End Violence" sollen Männer zu Komplizen im Kampf gegen die Ausbeutung von Zwangsprostituierten machen. "Unsere Programme zur Verantwortlichkeit von Männern zielen darauf ab, Männer dazu anzuhalten, in einer Atmosphäre, die frei von Schuldzuweisung ist, die kulturellen Faktoren und Verhaltensweisen zu diskutieren, die zu geschlechtsspezifischer Gewalt und sexueller Ausbeutung führen", heißt es auf der Webseite.

Vor allem aber unterstützt die 2009 gegründete NGO Zwangsprostituierte beim Ausstieg. Sie können dort erreicht werden, wo sie zunehmend unterwegs sind: im Internet. "In der Vergangenheit hat unser Freiwilligennetzwerk das persönlich gemacht, oder Materialien verteilt - jetzt nutzen wir eben Technologie", sagt Beiser. So können die Ausbeuter mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden.

Wie die NGO von Aussteigerinnen erfahren hat, sind es oft Zwangsprostituierte selbst, die ihre Dienste online posten. Die Zuhälter zwingen sie dazu, damit sie selbst Arbeit sparen und keine Risiken eingehen. "Auf diese Art und Weise können sie viele Opfer zur gleichen Zeit ausbeuten, ohne digitale Fingerabdrücke zu hinterlassen", so Beiser. "Es ist aber auch ein Vorteil für uns, weil wir Betroffene direkt erreichen."

Bots schreiben dann Nummern an, die in Sexanzeigen als Kontakt stehen - und chatten mit den Prostituierten. Hier geht es um ganz andere Deals als mit den Freiern: Der Bot gibt Hinweise, wo sie - falls sie es wollen - therapeutische Hilfe finden, und Unterstützung dabei, eine Wohnung zu finden und ein neues Leben.