Breitbandausbau Die Netzlücke wird immer größer

Deutsche Internetanschlüsse sind heute doppelt so schnell wie noch vor drei Jahren - im Durchschnitt. Im Osten und in ländlichen Regionen sieht es einer Studie zufolge ganz anders aus.
In vielen Gegenden noch ein seltenes Bild: Ein Arbeiter beim Verlegen von Glasfaserkabeln für schnelles Internet

In vielen Gegenden noch ein seltenes Bild: Ein Arbeiter beim Verlegen von Glasfaserkabeln für schnelles Internet

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / Oliver Berg/dpa

Bei der Vernetzung Deutschlands klafft eine immer größere Lücke zwischen ländlichen Regionen und den Städten. Während das Tempo der Internetleitungen in den Metropolen in den vergangenen drei Jahren deutlich gestiegen ist, können die Internetanbieter auf dem Land kaum vergleichbare Angebote machen. Das zeigt eine Studie des Online-Vergleichsportals Verivox, die dem SPIEGEL vorliegt.

Die gute Nachricht: Das Tempo der Internetanschlüsse in Deutschland hat sich in den vergangenen drei Jahren insgesamt verdoppelt. Das geht aus dem "Verbraucher-Atlas"  von Verivox hervor, für den ausgewertet wurde, welche Internetanschlüsse in den Jahren 2016 und 2019 jeweils von Januar bis Oktober über das Vergleichsportal gebucht wurden.

Eines der Ergebnisse: Vor allem Nutzer im Südwesten sind flott unterwegs: Mannheim, Stuttgart und Karlsruhe belegen die ersten drei Plätze, dort liegen die bestellten Bandbreiten durchschnittlich bei 144, 140 und 136 Megabit pro Sekunde (MBit/s).

Im Osten ist das anders. Auch in großen Städten hinkt der Breitbandausbau hinterher, das Internet ist dort um mehr als 40 Prozent langsamer als bei den Spitzenreitern im Südwesten. Die Großstädte mit dem höchsten Temporückstand sind Potsdam und Erfurt, wo die Einwohner im Schnitt mit 84 Mbit/s surfen sowie Magdeburg mit 85 Mbit/s und Dresden mit 87 Mbit/s.

So schnell ist das Netz in Deutschlands Großstädten

Stadt 2019 (Mbit/s) 2016 (Mbit/s) Zuwachs (Mbit/s) Zuwachs (Prozent)
1 Mannheim 144 69 75 109
2 Stuttgart 140 66 75 114
3 Karlsruhe 136 71 65 92
4 Düsseldorf 132 68 64 94
5 Wiesbaden 130 69 62 90
6 Frankfurt 130 67 62 93
7 Essen 123 56 67 119
8 Dortmund 118 59 60 101
9 Saarbrücken 111 46 65 142
10 Köln 110 60 50 83
11 Rostock 104 43 61 143
12 Hamburg 102 48 54 111
13 Leipzig 101 46 55 121
14 Kiel 100 48 53 111
15 Hannover 100 44 56 127
16 Berlin 99 46 52 113
17 Bremen 96 43 53 123
18 Augsburg 96 44 52 118
19 Mainz 94 45 50 111
20 Nürnberg 89 40 48 120
21 München 88 41 47 113
22 Dresden 87 41 46 113
23 Magdeburg 85 37 48 132
24 Potsdam 84 41 43 103
25 Erfurt 84 39 44 113
D Deutschland* 104 47 57 121
Stand 12.12.2019. Datenbasis Januar bis Oktober 2016 sowie 2019. *Der Wert für Deutschland bezieht sich auf die Gesamtzahl aller in Deutschland abgeschlossenen Verträge. Quelle: Verivox. Alle Angaben ohne Gewähr.

In den ländlichen Regionen sieht es im Osten noch düsterer aus. In Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern surfen Bewohner von Mecklenburg-Vorpommern im Durchschnitt über Leitungen mit 80 MBit/s, in Sachsen sind es nur 65 MBit/s. Das ist nahezu halb so schnell wie in Baden-Württemberg.

Verivox-Telekommunikationsexperte Eugen Ensinger sagt: "Die Kluft zwischen gut ausgebauten Großstädten und schlechter versorgten ländlichen Regionen sollte geringer werden und nicht größer." Zudem seien die Anschlüsse auf dem Land nicht nur langsamer, sondern auch noch teurer. "Das Ziel der Bundesregierung, bis 2025 flächendeckend eine gigabitfähige Infrastruktur zu schaffen, ist angesichts der nach wie vor großen Versorgungsunterschiede mehr als ambitioniert."

Auf Anfrage des SPIEGEL räumte ein Sprecher des Verkehrsministeriums am Freitag ein, dass es bei der Breitbandversorgung ein Gefälle zwischen Stadt und Land gebe. Während in der Stadt 97,4 Prozent der Haushalte auf mindestens eine 30-MBit-Leitung zugreifen könnten, seien es auf dem Land nur 75,1 Prozent.

Beim Breitbandausbau sei aber gerade in ländlichen Regionen eine "große Ausbaudynamik erkennbar". Die Bundesregierung treibe den Ausbau gigabitfähiger Netze mit Blick auf das Ziel einer möglichst flächendeckenden Gigabit-Versorgung im Jahr 2025 "mit höchster Priorität voran". Das Ziel der Regierung sei es, Glasfaser in jeder Region und jeder Gemeinde möglichst direkt bis zum Haus zu legen. "Die weißen und zukünftig auch die grauen Flecken werden im Rahmen der Förderung des Bundes unmittelbar mit Gigabitnetzen erschlossen werden", sagte der Sprecher.

Die Provider investieren

Vodafone wehrt sich vehement gegen die Vorwürfe, der Ausbau auf dem Land würde zu langsam vorangehen. "Vodafone treibt den Breitband-Ausbau in ganz Deutschland mit Hochdruck voran", sagt ein Sprecher. Bis 2022 wolle man nahezu die gesamte Kabel-Infrastruktur für 25 Millionen Haushalte in Ballungsgebieten und im ländlichen Raum auf Gigabit-Geschwindigkeit bringen. "Ein schleppender Breitband-Ausbau würde vermutlich anders aussehen."

Eine Sprecherin der Telekom teilt mit, dass man "gerade im ländlichen Raum sehr viel für den Breitband-Ausbau" leiste. Mehr als 31 Millionen Haushalte seien an das DSL-Netz der Telekom angeschlossen. Mit einem glasfaserbasierten Netz habe man die Breitbandstruktur für Millionen Haushalte gebaut, gerade auf dem Land.

Die Angaben der Verivox-Studie müssen ohnehin als theoretische Werte betrachtet werden. Das tatsächliche Tempo eines Internetanschlusses ist oft deutlich geringer als gebucht. Mehr als zwei Drittel der Anschlüsse sind sogar nur halb so schnell wie angegeben. Denn lediglich Glasfaser liefert in der Regel die versprochene Internetgeschwindigkeit. Die Bandbreite von Kabel- und DSL-Anschlüssen liegt oft unter dem theoretisch möglichen Maximum, wenn viele Nutzer gleichzeitig große Datenmengen abrufen, etwa durch Videostreaming.

Laut einem Bericht des britischen Vergleichsportals "Cable.co.uk " liegt Deutschland mit einer durchschnittlichen Downloadrate von 25 MBit/s im weltweiten Vergleich weit abgeschlagen auf Platz 27. In Dänemark und Schweden surfen die Nutzer demnach doppelt so schnell, im erstplatzierten Taiwan erreichen die Werte sogar mehr als 85 MBit/s.