Britischer Humor Die Rebellion des Zaunkönigs

Weil er sich an einem Fahrrad-Verbotsschild stört, hat ein Londoner Geschäftsmann einen Privatkrieg angezettelt. Seine skurrilen Protestaktionen dokumentiert er im Internet.

Von Martin Paetsch


Am Zaun befestigter Stofftiger: Nicht ausdrücklich verboten

Am Zaun befestigter Stofftiger: Nicht ausdrücklich verboten

Manchen Briten sollte man besser nicht mit Verbotsschildern kommen. Einer von ihnen ist der "Fencemaster", der aus Angst vor Racheaktionen lieber anonym bleiben möchte. Verständlich, denn seit einigen Monaten befindet sich der Geschäftsmann im Kriegszustand. Sein Schlachtfeld ist eine Straße in der Londoner City, sein Gegner eine Tafel, die das Anschließen von Zweirädern untersagt.

Alles begann, so schreibt der "Fencemaster" auf seiner Webseite, am 5. Februar diesen Jahres. Schon seit einiger Zeit musste der nicht mehr ganz junge Mann wegen der schlechten Bahnverbindung 20 Kilometer zu seinem Arbeitsplatz im Stadtzentrum radeln. Wie immer wollte er auch an diesem Tag sein Fahrrad an einem gusseisernen Zaun in der Nähe anschließen.

Doch diesmal war daran eine pompöse Tafel befestigt: "Zweiräder, die an diesem Zaun abgestellt oder festgekettet sind, werden ohne Vorwarnung entfernt", stand darauf. Das Haus hinter dem Gitter, so stellte sich heraus, gehört der Familie Howard de Walden, die zu den reichsten Großgrundbesitzern Londons zählt.

Das Verbot machte den "Fencemaster" nach eigenem Bekunden "ziemlich wütend". Denn der 5. Februar war ausgerechnet der Tag, an dem die Londoner U-Bahn-Fahrer streikten. Zudem war der Brite der Einzige, der sein Rad regelmäßig - und das auch nur während der Bürozeiten - an dem Zaun anschloss. Und schließlich, so betont er, ist weder das Anwesen dahinter besonders schön, noch wird der Blick aus dem Haus von einem angeketteten Fahrrad verstellt.

Weil das Schild deshalb schwer zu tolerieren und offenbar sogar persönlich gemeint war, bekämpft es der "Fencemaster" seither wie Don Quijote die Windmühlen. Doch im Gegensatz zum spanischen Ritter, der sich mit einer rostigen Lanze begnügen musste, hat der "Fencemaster" schärfere Waffen: seinen britischen Humor und das Internet.

An manchen Tagen steht der "Fencemaster" früher auf als gewöhnlich - und schließt statt des Fahrrads andere Gegenstände an den Zaun, die das "verflixte Schild" nicht ausdrücklich verbietet. Bislang hat der hartnäckige Brite unter anderem eine Teekanne, einen Stofftiger, ein Kinderdreirad und sogar eine grüne Metalltür an das Gitter gekettet. Die gehörte zum Kühlschrank von "Mrs Fencemaster", die ihrem Mann mittlerweile untersagt hat, das Wort "Zaun" in ihrer Gegenwart in den Mund zu nehmen.

Seine seltsame Obsession dokumentiert der "Fencemaster" penibel in Wort und Bild auf seiner Homepage Whatshouldiputonthefence.com ("Was soll ich am Zaun befestigen"). Inzwischen besuchen jeden Tag mehrere Tausend Surfer die Seiten, um die Entwicklung des Londoner Privatkrieges zu verfolgen. Der Brite erhielt hunderte solidarische E-Mails mit Anregungen, welche Gegenstände noch angekettet werden könnten.

Zu den von ihm favorisierten Leservorschlägen zählen ein Rasenmäher, ein Grill und eine Spüle. Ein Objekt jedoch hat es dem "Fencemaster" besonders angetan: ein zweiter Zaun. "Das macht wirklich Sinn", kommentierte er den Einfall. "Ich schließe an den Zaun einen weiteren Zaun und kette mein Fahrrad daran."



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.