Britisches Kunstprojekt E-Mails per Schnecke verschicken - mit 0,05 km/h

Das ist die echte Schneckenpost: Britische Künstler lassen die Kriecher Austin, Cecil und Muriel E-Mails auf einem Minichip durchs Terrarium schleppen, von einem Sendemast zum nächsten. Die Zustelldauer beim Schnecken-Webmailer: Mindestens zwei Tage - wahrscheinlich aber ein paar Jahrhunderte.

Austin ist schnell - für eine Schnecke. Er verschickt E-Mails fixer als jeder seiner Mitbewohner in einer Schnecken-WG am Computerkunst-Institut der britischen Bournemouth-Universität. Nur knapp zwei Tage brauchte Austin, um eine über den Schnecken-Webmail-Dienst  verschickte Nachricht zuzustellen. Zehn hat er schon abgearbeitet in den vorigen Wochen. Mitbewohner Cecil bringt es auf nur vier Nachrichten (durchschnittliche Zustellzeit: 3,26 Tage), Kollegin Muriel hat noch keine einzige E-Mail zugestellt.

Die drei Schnecken sind Protagonisten einer Installation der Künstler Vicky Isley und Paul Smith. "Real Snail Mail" heißt das Projekt und ist so charmant und lehrreich wie unnütz: Die Künstler haben ihren drei Schnecken Austin, Cecil und Muriel Miniaturschaltkreise und einen Funkchip (RFID) an den Panzer geschnallt. In der Schnecken-WG stehen zwei Lesegeräte, die den Funkchip aktivieren, auslesen und beschreiben können.

Über die Web-Seite des Schneckenpost-Projekts kann jedermann eine E-Mail mit beliebigem Empfänger, Absender, Text und Betreff senden. Die Nachricht kommt in die Warteschlange für den Schneckentransport: Kriecht eine Schnecke näher als drei Zentimeter an einem der Lesegeräte vorbei, schreibt das Gerät die gerade anstehende E-Mail auf den Chip am Schneckenhaus. Kommt die Schnecke dann am anderen Lesegerät vorbei, liest dieses die Nachricht aus und versendet sie ganz herkömmlich übers Internet an die angegebene Adresse.

Schnecke Muriel verweigert den Mailtransport

Die Folge: Wenn eine E-Mail einmal unterwegs ist, kommt sie mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 0,05 Stundenkilometern voran, hat die BBC  ausgerechnet. Wenn die Nachricht denn ankommt - Mailtransport-Schnecke Muriel zumindest hat noch keine E-Mail abgeliefert, sie kroch einfach noch nicht in die Nähe eines Lesegeräts.

Einen Prototyp dieser aberwitzigen Konstruktion haben die Künstler diese Woche an der Bournemouth-Universität vorgestellt. Ein Probelauf für die Präsentation der Schneckenpostinstallation auf der renommierten US-Fachmesse für Animation und Computergrafik Siggraph  im August.

Den ersten Besuchern der Seite gefällt die Ironie des Projekts offenbar - einige Kommentare aus dem Blog der Künstler :

  • "Großartige Idee, so lange keine Schnecken zu Schaden kommen. Aber sie sehen sehr glücklich aus."
  • "Wie oft habe ich von 'Schneckenpost' gesprochen, ohne die offensichtliche Anwendung zu erkennen!"
  • "Süß! Ich habe mit meinem Mitbewohner gestern diskutiert, welche Internet-Anbindung in unserem Viertel wohl die schnellste wäre. Und am nächsten Tag erwische ich mich dabei, ihm eine Nachricht mit dem wohl langsamsten Web-Dienst überhaupt zu schicken. Ob er sie bekommt?"

Natürlich geht es Vicky Isley und Paul Smith nicht darum, dass die Nachrichten in absehbarer Zeit zugestellt werden. Smith beschreibt die Schneckenpostanlage im Gespräch mit der BBC als Gegenentwurf zur allgegenwärtigen "Besessenheit von Unmittelbarkeit". Technik verspreche immer "Geschwindigkeit, Beschleunigung, mehr von allem in weniger Zeit".

Künstler: "Wir rechnen in Jahrhunderten"

Die Schneckenpost verspricht das Gegenteil. Schöpferin Vicky Isley kündigt im Schneckenblog eine Berechnung der erwarteten Zustellzeit an. Beim aktuellen Nachrichtenaufkommen könnte das "in die Jahrhunderte gehen". Isleys Kommentar: "Die Ingenieure, mit denen wir arbeiten, haben viele Methoden erdacht, um die Effizienz des Systems zu erhöhen. Wir haben sie davon abgebracht, auch nur eine einzige davon umzusetzen."

Weil die Macher angesichts des E-Mail-Aufkommens schon in Jahrhunderten denken, stellen Besucher die Frage: Wie lange wird die Schneckenpostinstallation bestehen? Isleys Antwort: "Wir werden den Dienst anbieten, so lange wir können."

Denn, so die Künstlerin: "Wir wissen, dass das ein sehr umkämpfter Markt ist und wir eine kleine, noch nicht erschlossene Nische besetzt haben. Aber ich denke, dass die Mitbewerber jetzt gerade Konkurrenzdienste entwickeln."

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