Science-Fiction-Autor Bruce Sterling Drei Tipps, um die Zukunft vorherzusagen

Tech-Chefs wie Mark Zuckerberg schwärmen stets von der Zukunft. Doch was, wenn alles gar nicht so toll wird? Science-Fiction-Autor Bruce Sterling verrät, wie sich heute gut über das Morgen reflektieren lässt.
Autor Bruce Sterling

Autor Bruce Sterling

Foto: Vincenzo Lombardo/ Getty Images for Italians Festiv

Wenn es um die Zukunft geht, hat Bruce Sterling markante Ansagen parat. Das Silicon Valley? Ist in zehn Jahren das nächste Detroit. Cybercrime, Cyberwar, organisierter Online-Hass? Wird alles mehr, aber die Leute werden sich dran gewöhnt haben. Apples imposante neue Firmenzentrale? Bis 2027 ein riesiges Mausoleum. Ein Grabmal für "Moore's Law", einen langjährigen Leitsatz der Techbranche.

Der Science-Fiction-Autor klingt ganz anders als ein Mark Zuckerberg, zuletzt sprach er unter anderem im September auf der "Next"-Konferenz in Hamburg . Er verzichtet auf den Technik-Enthusiasmus, den Brechstangen-Optimismus der Silicon-Valley-Größen, der dem Zuhörer sonst kaum eine Wahl lässt, als die Zukunft herbeizusehnen. Sterling sieht sich explizit nicht als professioneller Stimmungsaufheller. Als Science-Fiction-Autor und Journalist will er schließlich auch keine Dienste oder Gadgets bewerben.

Bei ernst gemeinten Zukunftsprognosen sei es der größte Fehler, Leuten Mut machen zu wollen, meint Bruce Sterling und zählt Sprüche auf, die sonst auf Branchentreffen fallen: "Nach oben sind keine Grenzen gesetzt", "Das wird großartig", "Jeder wird viel Geld machen". Historiker, die sich mit Technik und Wissenschaft auskennen, würden nie so über Technologien reden, sagt Sterling.

Als Autor und Journalist einen Namen gemacht

Bruce Sterling hat wohl mehr über die Zukunft von Technik und Gesellschaft reflektiert als die meisten anderen Menschen. Der Texaner gilt als Mitbegründer des Cyberpunk-Genres. Seit 1977 konfrontiert er seine Leser in Romanen wie "Inseln im Netz" und "Heiliges Feuer" mit Szenarien aus der Zukunft und alternativen Welten. Dabei entdeckte er früh den Klimawandel als Thema. Für "Wired" bloggt Sterling zudem über reale Techniktrends .

"Wenn mir etwas Futuristisches passiert, frage ich mich meistens, warum das so lang gedauert hat", sagt Sterling heute, mit 63 Jahren. Doch nicht alles kommt, wie es sich Sterling gewünscht hätte. Gern schon erlebt hätte der Autor zum Beispiel ein "grünes Internet" oder eine "revolutionär saubere Industrie, die die alten, umweltverschmutzenden untergräbt".

Über seine Arbeit als Autor sagt Sterling, es gehe ihm bei seinen Science-Fiction-Szenarien weniger um realistische Vorhersagen, obwohl einige Ideen aus den Romanen der Achtzigerjahre tatsächlich umgesetzt worden seien . Er schreibe vor allem Fantasien, sagt Sterling, Unmögliches. "Wenn ich heute ein junger Autor wäre, würde ich das 22. Jahrhundert zu einem meiner Themen machen. Das 22. Jahrhundert ist bislang kaum behandelt worden, darüber lassen sich frische Dinge sagen."

Drei Tipps für gute Vorhersagen

Wer selbst versuchen will, realistische Prognosen über die Zukunft aufzustellen, dem rät Sterling unter anderem Folgendes:

  • Schau dir auch an, wie andere Gesellschaften aussehen, wie andere Menschen leben. "Besuch Mumbai, geh an einen Ort, wo die Leute wirklich leiden", empfiehlt Sterling. Sein Mentor Brian Aldiss, der im August mit 92 Jahren starb , habe ihm als jungen Mann etwas Wichtiges gesagt: "Science-Fiction-Autoren zögern nicht davor, sich den Mars vorzustellen, aber sie waren nie in Malaysia oder Indonesien." Sterling hat danach Reisen in viele Länder gemacht.

  • Bleibe an Themen dran. "Du brauchst dieses Gespür für kleine Trends", sagt Sterling. "Du musst bereit sein, Zeug jede Menge Aufmerksamkeit zu schenken, das für eine lange Zeit unwichtig bleiben wird." Er bezeichne das als "Auftauchen im Februar": "An Weihnachten beschenkt jeder die Armen, im Februar ist es nur kalt, und sie bekommen nichts", sagt Sterling. "Du musst der Typ sein, der im Februar vorbeikommt. Geh an die Orte, wo die Leute im Dezember waren und an denen sie dann das Interesse verloren haben und frag dort nach, wie es aussieht."

  • Reflektiere dich selbst. "Wenn du älter wirst, wirst du weiser, aber auch weniger wagemutig", sagt Sterling. "Du bist dann wohl besser darin, die nahe Zukunft als die ferne vorherzusagen." Was langfristig geschehe, darüber würden vor allem die 24-Jährigen entscheiden: "Was die jetzt wollen, ist das, was in 20 Jahren wichtig ist, wenn sie alle wichtigen Entscheidungen treffen."
    Es könne also nicht schaden, Zeit mit jungen Menschen zu verbringen, sie zu fragen, was sie cool finden und wofür sie ihr Geld ausgeben würden. Gut darin, selbst die Zukunft vorherzusagen, seien 24-Jährige aber nicht unbedingt, sagt Sterling: "Sie sind sehr gut darin, die Zukunft zu sein."

Zwei Fachgebiete als Grundlage

Sterling sagt, er kenne durchaus ein paar Menschen, die gute Visionäre seien: Diese Leute hätten meist ein sehr breites Spektrum an Interessen, hätten mit vielen verschiedenen Menschen zu tun.

"Und meistens haben sie zwei Fachgebiete, die nichts miteinander zu tun haben", erzählt der Autor, etwa Mathe und griechische Mythologie. "Wenn du einen solchen Typen triffst, der einerseits Universalgelehrter ist und andererseits in mancher Hinsicht Branchenexperte, kann er dir wirklich nützliche Dinge erzählen."

Gefragt, wann er selbst im Rückblick mal mit Einschätzungen daneben lag, sagt Sterling, er hätte vielleicht Rauschgiften wie LSD kritischer gegenüberstehen sollen: "Vielleicht war ich in frühen Jahren zu sehr pro Droge." Eine Erklärung dafür, warum ihn Rauschgifte faszinierten, hat Sterling aber auch: "Ich mag es, sie zu verklären", sagt er, "weil Science-Fiction-Autoren auf Traumzustände stehen."

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