Beleidigungen gegen K-Pop-Band Wie ein bayerischer Radiosender in einen weltweiten Proteststurm geriet

Ein Radiomoderator beschimpft in seiner Sendung eine beliebte Band aus Südkorea – und plötzlich steht Bayern 3 weltweit in der Kritik, auf Twitter empören sich Hunderttausende. Was ist da passiert?
Boyband BTS: Ihr aktueller Song ist ein Cover des Coldplay-Songs »Fix You«

Boyband BTS: Ihr aktueller Song ist ein Cover des Coldplay-Songs »Fix You«

Foto: YouTube-Kanal MTV UK

Auf dem Twitteraccount des Radiosenders Bayern 3 geht es normalerweise gemächlich zu. Der aktuellste Post am Freitagmittag stammt vom Dienstag, zelebriert wurde der »Tag des Bananenbrots«. In den Tagen davor bekamen die 27.000 Follower des Accounts unter anderem eine »süße Aktion« der Polizei Penzberg in einem Video präsentiert, ebenso das »kleinste Reptil der Welt«.

Große Wellen schlugen solche Posts nicht – bis jetzt. Plötzlich gibt es Tausende Interaktionen mit den banalen Bayern-3-Tweets, und viele Antworten enthalten ähnliche Botschaften, die sich gegen den Sender richten, nicht gegen das gepostete Bananenbrot: Sätze wie »Racism is not an opinion«, Rassismus ist keine Meinung. Was ist da passiert?

Wer die Aufregung verstehen will, muss drei Dinge kennen:

Ein Schwall an Beschimpfungen

Matthias Matuschik dagegen hat es mit BTS, das musikalisch, aber auch in Sachen Inszenierung und Umsätze ein viel beachtetes Phänomen ist, nicht so. In seiner Sendung »Matuschke – der etwas andere Abend« ärgerte sich der Moderator diese Woche über eine Coverversion der Band. »Und dann geben diese kleinen Pisser auch noch damit an, dass sie von Coldplay ›Fix You‹ gecovert haben«, sagte Matuschik on air.

Zuvor verglich er laut einer Twitter-Nutzerin, die seine Moderation mitschnitt und ins Netz stellte , den Bandnamen BTS mit »irgendeinem Scheißvirus«, gegen das es »hoffentlich bald ebenfalls eine Impfung« gebe. Im Video der Nutzerin ist nur die Hälfte dieser Äußerung zu hören. (Nachtrag: In einem anderen Clip ist die Äußerung in Gänze zu hören, wörtlich sagte Matuschik zum Bandnamen: »BTS ist so wie Sars. Das ist so eine Abkürzung für irgendein Scheißvirus...«)

Dokumentiert ist im Video der Twitter-Nutzerin dagegen, wie Matuschik sagt, für ihre Coverversion werde die Band die nächsten 20 Jahre in Nordkorea »Urlaub machen«. Ein Schwall an Beschimpfungen, der witzig sein sollte, sich vom Stil her aber irgendwo zwischen Bierzeltrhetorik und dem Gepöbel von Berufspolterern wie Alex Jones bewegt.

Nachdem der Radiomitschnitt – in Videoform – den Weg ins Netz fand, begann eine Art Social-Media-Beben. Die Nutzerin, die das Video hochlud, fragte online um Hilfe der »Fanbase« und »anderer Fanbases« – und schon bald fand man auch auf Englisch eine sehr knappe Zusammenfassung des Gesagten . Später kursierte im Netz sogar eine englischsprachige Anleitung dazu , wie man Beschwerdemails an Bayern 3 und den Bayerischen Rundfunk (BR) schreibt, zu dem der Sender gehört. Mit Copy-and-paste gegen Rassimus im deutschen Radio, so kam die Kampagne daher.

Hunderttausende Nutzerinnen und Nutzer aus aller Welt, naheliegenderweise vor allem BTS-Fans, empörten sich so gemeinsam über Radio-Comedy, die sich in den Zeiten vor den sozialen Medien mutmaßlich einfach in Bayern versendet hätte. Nun befeuerten sich Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer aus verschiedenen Ländern, bald schon war der Proteststurm auch bei Menschen angekommen, die gar nichts mit K-Pop verbindet.

Am Freitag zählte das englischsprachige Hashtag #Bayern3Racist, rassistisches Bayern 3, mit über 1,4 Millionen Tweets zu den meistbenutzten Schlagwörtern weltweit. Auch andere Hashtags wie #RacismIsNotAnOpinion, #RacismBayern3 und #Bayern3Apologize, die in den Twitter-Trends auftauchten, waren Reaktionen auf die Radiosendung. Der BR sagte dem SPIEGEL am Freitagnachmittag, Bayern 3 erhalte derzeit auf allen Kanälen »sehr viele Reaktionen« und nehme das Thema »sehr ernst«.

Die Szene ist für ihre Aktionen bekannt

Es ist bereits öfter vorgekommen, dass Aktionen von Gruppen wie der selbst ernannten »BTS Army«, also Aktionen aus den Reihen der globalen K-Pop-Fangemeinschaft, weit über die eigene Szene hinaus Eindruck hinterließen. So hatten K-Pop-Fans zum Beispiel im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste in den USA gegen jene Bewegung gerichtete Hashtags wie #WhiteLivesMatter oder #BlueLivesMatter, unter denen Rassistisches gepostet wurde, gekapert und mit BTS-Material geflutet. Die Band selbst hatte sich im Juni 2020  klar gegen Diskriminierung und Gewalt ausgesprochen und ihre Solidarität mit Black Lives Matter bekundet.

»K-Pop-Fans zeichnen sich durch die kollektive Identität und auch kollektive Aktionskultur aus«, sagte der K-Pop-Experte Sung Un Gang im Sommer dem »Deutschlandfunk« . Bei den Aktionen der Szene gehe es einerseits darum, die Berühmtheit und Sichtbarkeit der K-Pop-Stars in der Medienwelt zu erhöhen, andererseits ums Stärken der eigenen Identität als Gruppe.

Am Freitag retweetete Experte Sung Un Gang auf Twitter eine Übersicht , wo überall auf der Welt BTS-Fans Wohltätigkeitsprojekte unterstützen. Tue Gutes und sprich darüber, dieses uralte Motto scheint die von Millennials und der Generation Z geprägte Community zu beherzigen. Und genauso, wie man zusammen spendet, wendet man sich auch kollektiv gegen alles, was man als Community für problematisch hält.

Die Aufregung geht weit über Deutschland hinaus

Bayern 3 wirkte zunächst nicht, als wäre es der massiven Onlinegegenrede, die jetzt übers Netz auf den Sender einprasselt, kommunikativ gewachsen. Auf dem Twitteraccount grüßt weiter nur der vielfach als Beschwerdeforum genutzte Bananenbrot-Post, eine Stellungnahme auf der Website des Senders war am Donnerstag ausschließlich auf Deutsch erschienen .

In jener Stellungnahme zu Matuschiks Moderation bat Bayern 3 um Entschuldigung dafür, dass »viele von euch seine Äußerungen als verletzend oder rassistisch empfunden haben« – ein Sorry, das sich nicht auf die Aussagen selbst bezog. Dazu erklärte der Sender, es sei »der Charakter dieser Sendung und auch des Moderators, seine Meinung klar, offen und ungeschminkt zu äußern«. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus jedoch liege Matuschick in jeder Form fern, betonte Bayern 3.

Am Freitagnachmittag erschienen dann weitere Statements, offenbar auch als Reaktion auf Kritik aus dem Netz an der ersten Entschuldigung. Sie sollen nun auch auf Englisch verbreitet werden, wie der BR dem SPIEGEL mitteilt.

Bayern 3 schreibt nun, es sei »nicht akzeptabel«, mit welchen Worten sich der Moderator über BTS geäußert habe. »Und sowohl er selbst als auch wir von Bayern 3 wissen, dass es nicht ausreicht, wenn man Dinge eigentlich anders gemeint hat. Wenn Aussagen von vielen Menschen als beleidigend oder rassistisch empfunden werden, dann waren sie es auch.« Wie Matuschick distanziere sich auch Bayern 3 »ausdrücklich und entschieden von jeder Form von Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung«.

»I am really sorry«

Matthias Matuschik, der gegenüber »Buzzfeed«  nach seiner Sendung noch davon sprach, dass gegen ihn nun die »momentan sehr beliebte Rassismuskeule« ausgepackt werde, wird mittlerweile offenbar selbst vielfach beschimpft. Bayern 3 teilt mit, der Moderator und seine Familie würden »inzwischen massiv bedroht«. Man bitte daher »bei allem Verständnis für die Empörung« darum, dass die Diskussion auf einer inhaltlichen Ebene bleibe.

Vom Moderator selbst heißt es am Freitagnachmittag, er möchte sich aufrichtig entschuldigen. »In meiner Moderation habe ich mich in erster Linie über die Tatsache geärgert, dass die Boyband BTS den von mir sehr geschätzten Song ›Fix You‹ von Coldplay gecovert hat. Die Nationalität der sieben Jungs sollte dabei keine Rolle spielen – sie zu erwähnen und den Zusammenhang mit einem Virus herzustellen, war komplett daneben.«

»Ich habe mir in den vergangenen Stunden viele Gedanken gemacht und verstehe und akzeptiere, dass ich viele von euch, insbesondere die asiatische Community, durch meine Worte rassistisch beleidigt haben könnte«, schreibt Matuschik weiter. »Das war niemals meine Absicht, aber mir ist bewusst, dass am Ende zählt, wie die Worte bei den Empfängern ankommen – und nicht, wie sie gemeint waren.«

Seine Äußerung endet mit einem Satz, den wohl die meisten K-Pop-Fans weltweit verstehen werden: »I am really sorry.«

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