Buchmarkt Online lesen erlaubt

Die amerikanischen Großverlage Random House und HarperCollins geben ihre Online-Zurückhaltung auf: Ab sofort erlauben sie es, online in Büchern zu blättern. Und nicht etwa via Google oder Amazon - sie machen es selbst. Ein Trend?

Bereits seit gut vier Jahren erlaubt der Buchversender Amazon seinen Kunden, vor dem Kauf einen Blick in Bücher zu werfen. Allerdings nicht in alle, denn etliche Verlage wehren sich vehement gegen die Online-Blätter-Features. Wer etwa "Natural Born Charmer", die neueste Schmonzette von Susan Elizabeth Phillips beim weltgrößten Buchversender erstehen will, muss sich dort auf die Informationen des Klappentextes, Auszüge aus Rezensionen und die beliebten Beurteilungen durch andere Kunden verlassen.

Dass der 584-Seiten-Wälzer leicht lesbar und pickepacke-voll mit Sex und Romantik ist, erfahren wir also durchaus, wenn auch nicht aus erster Hand.

Das ist nur beim Verlag selbst möglich, und das auch erst seit zwei Tagen: Überraschend gaben Ende Februar die Großverlage Random House  (Bertelsmann) und HarperCollins  (News Corp) ihre Verweigerungshaltung gegenüber der Abbildung eingescannter Buchinhalte auf und zeigen sie selbst auf ihren Webseiten. Mehr noch, frei nach dem Motto "Wenn schon, dann aber richtig" bieten beide Verlage auch die Möglichkeit an, die Buchinhalte in Social-Networking-Seiten wie etwa MySpace einzubinden. Auf dass der Kunde sich zum besten Werber für das Produkt entwickele.

Ähnlich fallen auch die technischen Lösungen der Verlage aus. Random House setzt auf ein kleines Programm namens Insight, über das eine Auswahl von Seiten im originalen Umbruch anzusehen und zu durchsuchen ist. Random House begrenzt diesen Buchausschnitt auf 16 bis 30 Seiten, die man sich auch als Miniatur-Übersicht darstellen lassen kann. Die Software verfügt auch über eine Shop-Funktion, die den direkten Kauf ermöglicht, und gibt einen Script-Link bekannt, den man in eigene Webseiten (Blogs, MySpace-Seiten etc.) einbinden kann.

Auch in Deutschland, bestätigt ein Sprecher von Random House auf Anfrage, werde das Insight-Feature "im Laufe der nächsten Wochen" eingeführt.

Mutiger geht's kaum

Erheblich üppiger, geradezu mutig fällt das alles bei HarperCollins aus. Denn die Buchfirma des seit einigen Jahren zum Internet-Fan bekehrten Medienmoguls Rupert Murdoch schreckt nicht davor zurück, beispielsweise das Sex-und-Liebe-Konvolut von Frau Phillips fast vollständig im Web zu zeigen. Zu lesen bekommt man alles bis auf das letzte Kapitel: Nur wenn man wissen will, wie genau am Ende die Liebe siegt, muss man das Buch kaufen.

Die Flash-basierte "Browse Inside"-Software des Verlages erlaubt zahlreiche Einstellungen und Auswahlmöglichkeiten: Da kann man nicht nur Vor- und Zurückblättern, sondern auch spezifische Seiten oder Kapitel auswählen und bestimmen, in welcher Zahl und Größe man die Seiten sehen will. Bereits auf der Ebene der Online-Katalogseiten bietet HarperCollins ein "Put this Book on your Side"-Feature an, wie man es von MySpace (ebenfalls eine News-Corp-Webseite) oder YouTube kennt: Auch hier reicht es, einen sogenannten "Embedded Link" auf der Seite zu hinterlegen, um die Software dort einzubinden.

Im Klartext heißt das, dass man sich das Kaufen des Buches fast sparen könnte: Das Produkt lässt sich von der ersten bis zum vorletzten Kapitel Online lesen. Aber Hand aufs Herz: Wer tut das schon? Bei HarperCollins ist man augenscheinlich bereit, das Risiko einzugehen. Der Verlag verspricht sich von der großzügigen Präsentation seiner Waren größere werbliche Effekte als potentielle Schäden.

Ein Trend?

Eine beeindruckende Kehrtwende, denn bisher sind solche Online-Veröffentlichungen in der Verlagslandschaft ein Angstthema. Auch wenn der Schluss des Buches fehlt, würde der Service die Raubkopie des Buches doch erheblich erleichtern. Und vor der zittern alle Branchen mit Produkten, die sich digital vervielfältigen und verbreiten lassen.

Gegen Googles 2005 verkündete Ambitionen, auch Buchquellen per Scan Volltext-indiziert online zugänglich zu machen, laufen zahlreiche Verlage weiterhin Sturm. Nach einer ganzen Welle von Klagen unterbrach Google seine Scanning-Unternehmung beim Library-Projekt nicht nur mehrere Male, sondern machte Ende Januar auch deutliche Friedensangebote. Im Rahmen des Google-Print-Projektes, bei dem die Suchmaschine mit Verlagen kooperiert, beschränkt sich Google darauf, Suchanfragen nach Büchern mit Auszügen aus den gesuchten Produkten zu verknüpfen - und das auch nur bei Büchern aus Verlagen, mit denen entsprechende Vereinbarungen existieren.

Doch auch in Deutschland schwindet der grundsätzliche Widerstand gegen solche Buchdigitalisierungen im Web. Auf der letzten Buchmesse in Frankfurt kündete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels an, in Kooperation mit rund 40 Verlagen bis zum Februar 2007 eine "Volltextsuche online" (vto)  an den Start bringen zu wollen. Das Projekt läuft, wie eine Sprecherin des Börsenvereins auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigt: Seit Mitte Februar fließen die Daten. Bis allerdings Tausende von Büchern gescannt und indexiert sind, dürften noch einige Monate vergehen.

Bis also in Deutschland Buchinteressierte bei ihren Web-Recherchen über entsprechende Angebote stolpern werden, braucht es Zeit. Viel mehr als einen Start des vto-Service für Endkunden "im Laufe des Jahres" will der Börsenverein nicht versprechen - kein Wunder, das Aufspielen der Produkte habe gerade erst begonnen. Mathias Schindler, der Ende Februar einen vto-Workshop besuchte, bezweifelt allerdings, dass das Projekt einmal erfolgreich abheben wird: Seiner Schilderung im Blog "Zentralbüro für Informationsüberflutung"  nach ist bisher herzlich wenig geschehen, über eine Datenbasis verfüge vto noch gar nicht.

Schneller wären da Verlagsinterne Lösungen umzusetzen, wie sie nun etwa Random House auch in Deutschland anstrebt (siehe oben). Die Verlagsgruppe setzt auf ihre eigene Lösung und will sich am vto-Projekt "nicht direkt beteiligen". "Die Resultate", so ein Sprecher der Verlagsgruppe gegenüber SPIEGEL ONLINE, "werden wohl aber ähnlich aussehen" wie die bei vto angedachten. Sprich: Digitalisierte Teilzugänge zu Buchinhalten, wie sie auch Googles Buchsuche bereits anbietet.

Ob solche kostenfreien Zugänge zu digital verbreitbaren Waren für das Geschäft eher schädlich oder nützlich sind, ist seit Jahren heiß umstritten. Auch in der Musikindustrie, eigentlich Paradebeispiel für einen extrem harten Kurs im Umgang mit der digitalen Distribution von Waren, wird seit langem mit kostenlosen Web-Veröffentlichungen experimentiert. Die meisten Künstler verschenken inzwischen über ihre Webseiten Auszüge aus aktuellen CDs oder leisten sich, wie beispielsweise der irische Melancholie-Barde Damien Rice, ähnlich wie der Verlag HarperCollins einen Flash-basierten Audioplayer, über den sich das aktuelle Album komplett und kostenfrei anhören lässt. 

Verlag wie Plattenfirma setzen dabei auf das gleiche Kalkül: Weder Buch- noch Musikfreund müsste das Produkt noch kaufen, so lange er es am Rechner sitzend nutzt. Melancholische Musik wie Bücher genießen die meisten Kunden aber gern in Bett, Wanne oder Ohrensessel, in der Straßenbahn oder am Strand. Verschenke es online, verkaufe es offline: Ein Modell mit Zukunft?

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