Business-Camper Wohnort Cebit-Parkplatz

Business-Camper genießen einen Standortvorteil der besonderen Art: Auf Zeit leben sie direkt vor den Toren der Messe. Das ist nicht immer schön, aber preiswert und praktisch - und nur ein kleines bisschen seltsam.
Von Mareike Müller

Früh morgens aufstehen, zur Bahn sprinten und sich in vollen Waggons neben schwitzende Menschen drängeln: Den Stress kann sich Thomas Veit sparen. Wenn andere Cebit-Aussteller schon auf dem Weg zum Messegelände sind, dreht sich der 39-jährige Geschäftsführer einer Netzwerkfirma noch einmal im Bett um, die Cebit-Hallen direkt in Sichtweite. Der Neuwiedener ist Business-Camper.

Auf der grünen Wiese direkt gegenüber des Messeeingangs West parkt sein Hymer-Mobil neben rund 280 anderen Wohnmobilen, Wohnwagen und Campingbussen - näher dran geht nicht.

Für diesen Standortvorteil nehmen die Messe-Aussteller, Besucher und Hostessen manchen Nachteil in Kauf, den das Campingleben mit sich bringt: Schuhe sinken im matschigen Boden ein, die sanitären Anlagen in giftgrünen Containern verbreiten innen den Charme von Jugendherberge und wer Pech hat, muss morgens beim Duschen schon mal Schlange stehen.

Doch Einbußen im Komfort sind Thomas Veits Sache nicht, sein Wohnmobil ist mit Notebook und GPS-Funkkarte, DVD, Sat-Anlage, Ceran-Kochfeld, Zentralheizung und eigener Dusche vergleichsweise komfortabel ausgestattet. Nach 20 Jahren Camping-Erfahrung betreibt er das mobile Wohnen auch während der Cebit nicht aus Pragmatismus, sondern aus Überzeugung: "Mir gefällt es bestens. Ich habe mit dem Wohnmobil immer mein eigenes Hotel dabei. Nach der Messe brauche ich abends nicht noch den Trubel im Hotel, sondern genieße hier einfach meine Ruhe."

Des Pudels Kern: Notwehr gegen Hannover

So reizvoll manche Job-Nomaden von heute das Business-Campen finden mögen, ursprünglich ist diese Form der Unterbringung aus der Not geboren. Bei Messeterminen führte das knappe Zimmerangebot Hannovers, der aus Touristensicht mäßig reizvollen Stadt, zu monatelang im Voraus ausgebuchten Unterkünften, saftigen Preisaufschlägen und geschäftstüchtigen Privatpersonen, die ihre Wohnungen an Messegänger untervermieteten.

Manchmal empfahlen die Zimmervermittler auch Hotels im 120 Kilometer weit entfernten Göttingen - per ICE genauso schnell zu erreichen wie solche in den nördlichen Stadtteilen Hannovers.

Zur Expo vor drei Jahren aber stockte Hannovers Hotellerie kräftig auf, mit 10.500 Betten gab es in der Stadt ein fast doppelt so großes Angebot wie noch im Jahr 1991. "Bis auf einzelne Zimmer ist zur Cebit 2003 wieder alles vermietet", sagt Siegfried Wacher vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. "Aber in diesem Jahr müssen kaum noch Messe-Gäste nach Bremen oder in den Harz ausweichen."

Die Bettenlage hat sich nicht zuletzt deshalb entspannt, weil im Vergleich zum Vorjahr gut 750 Aussteller der Computermesse fern geblieben sind. Auch der Wohnmobil-Platz vermeldete erst Anfang März "alles ausgebucht", was in den vergangenen Jahren mindestens zwei Monate früher galt.

Nichts ist umsonst

Zwischen 28,50 und 38,50 Euro Standmiete zahlen die Camper, dazu kommt die Leihgebühr für den Wagen. Denn die wenigsten auf dem Platz reisen mit eigenem Wohnmobil an, so auch Mike Enk aus Isselburg nicht. 700 Euro pro Woche kostet das Gefährt, das sich der 32-jährige Außendienstmitarbeiter die nächsten Tage mit zwei Kollegen teilen wird: "Vor zwei Wochen hätte ich in einem Vier-Sterne-Hotel noch ein Einzelzimmer bekommen können. Eine Woche für 4500 Euro - und jeden Tag eine Anreise von 30 Kilometern hin und zurück."

Zu teuer für seine Firma und zu nervig für ihn, deshalb campt jetzt Enk das vierte Jahr in Folge während der Cebit. Dass er das Wohnen auf sechs Meter Länge und knapp zwei Meter Breite genießt, kann er nicht behaupten: "Ich sehe es als reine Schlafmöglichkeit. Wie unbequem die Betten sind, merkt man nach den Standpartys am Abend zum Glück nicht mehr."

Mitunter erweist sich dann aber auch der Standortvorteil eines Business-Campers als Trugschluss: Enk erinnert sich noch gut an den Kollegen, der sich eines Abends verzweifelt per Handy meldete: Er fand partout nicht mehr zurück zum Wohnmobil.

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