Datenspuren im Netz "Auch Menschen ohne Facebook-Konto haben ein Problem"

Suzanne Grieger-Langer arbeitet als Onlineprofilerin: Sie spürt Menschen im Netz nach. Hier verrät sie, wie sie verdächtige Daten ihrer Zielpersonen findet - und wie man sich schützen kann.
Von Marie Illner
Suzanne Grieger-Langer

Suzanne Grieger-Langer

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Der Datenskandal um Facebook und die Aktivitäten der Analysefirma Cambridge Analytica hat das soziale Netzwerk nicht nur in den USA in schwere Bedrängnis gebracht. Aussagen von Firmenchef Mark Zuckerberg zufolge war die Hashtagaktion #DeleteFacebook zwar ohne große Auswirkungen auf die Plattform mit weltweit rund zwei Milliarden Nutzern - viele dürfte der Fall zumindest aber zum Nachdenken gebracht haben, welche persönlichen Daten Facebook von ihnen kennt - und was Dritte damit anstellen könnten.

Zur Person
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Suzanne Grieger-Langer berät als Charakter-Profilerin auf Grundlage von Datensammlungen große Unternehmen bei der Einstellung neuer Bewerber. Sie ist Vorstandsmitglied beim Deutschen Managerverband. Im Interview spricht sie über manipulierte Daten und erklärt, wie sie arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Frau Grieger-Langer, wie sehen Sie den Skandal um Cambridge Analytica?

Suzanne Grieger-Langer: Der eigentliche Skandal ist, sich darüber überhaupt aufzuregen. Datenanalyse ist das Kerngeschäft von Cambridge Analytica und nun heißt es: "Die betrügen uns!" Dabei haben wir selbst unsere Daten ins Netz gebracht. Über Politiker und Royals wollen wir alles erfahren, sind aber irritiert, wenn man über uns auch alles erfahren kann. Das ist wie bei einem kleinen Kind, das sich die Augen zuhält und ruft "Such mich". Der Fall kann ein guter Lernprozess für die Gesellschaft sein, um erwachsener zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Was können wir lernen?

Grieger-Langer: Es würde uns guttun, runterzukommen und zu prüfen: Was wussten wir nicht und wo haben wir nur weggeschaut? Die Vorfälle bei Facebook sind schnell emotionalisiert worden. Wir müssen lernen, mit dem Einfluss umzugehen, den unsere Daten auf unser Leben haben können - nicht nur wegen Cambridge Analytica. Alles, was diese Firma kann, können Nachrichtendienste auch.

SPIEGEL ONLINE: Cambridge Analytica ermittelt mit psychometrischen Methoden den Persönlichkeitstyp von Nutzern, die Effektivität ist strittig. Für wie mächtig halten Sie solche Verfahren überhaupt?

Grieger-Langer: So, wie Cambridge Analytica psychometrische Methoden einsetzt, sind sie sehr mächtig. Die Nutzer müssten eigentlich wissen, was sie mit ihren Daten preisgeben. Sie wollen es aber nicht wissen und verhalten sich online so, als wären ihnen alle wohlgesonnen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Einsatz solcher Methoden nicht problematisch?

Grieger-Langer: Nicht die Methode an sich ist problematisch, sondern ein missbräuchlicher Einsatz. Jede neue Technik bringt neue Herausforderungen, nehmen wir das Beispiel eines Messers: Man kann damit Brot schneiden, oder jemanden erstechen. Beim richtigen Umgang sind die psychometrischen Verfahren aber ein Geschenk, auch für den Nutzer. Erst einmal ist die Methode zum Verkaufen von Produkten da - egal, ob das ein Wahlprogramm ist oder etwas anderes. Im Idealfall bekomme ich das, was ich brauche.

SPIEGEL ONLINE: Sie beraten große Unternehmen bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter. Welche Rolle spielen Facebook-Profile in Ihrer Arbeit?

Grieger-Langer: Eine marginale. Neben den Daten, die ein Kandidat mit der Bewerbung abliefert, holen wir Daten aus dem offenen Internet. Vieles ist frei und ohne Passwortschutz zugänglich, auch auf Plattformen wie Facebook. Die Menschen sollten sorgsamer mit Daten umgehen. Auch Menschen ohne Facebook-Konto haben ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Grieger-Langer: Ich werde nicht weniger angreifbar, indem ich es unterlasse, mein Onlineprofil selbst zu steuern. Im Gegenteil: Dann regieren alle, die etwas über mich ins Internet setzen. Man muss sein Profil in gewisser Weise manipulieren. Sich morgens zu schminken ist auch Manipulation. Wir sollten unser Datenprofil nicht zur Unkenntlichkeit frisieren, aber darauf einwirken, was man sieht.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht wirkungsvoller, sich konsequent aus dem Netz zurückzuziehen?

Grieger-Langer: Nein. Es gilt, draußen persönlich zu sein, aber nicht privat. Das ist wie beim Small Talk: Ich erzähle etwa, dass ich schokoladensüchtig bin und welche Filme ich mag. Privates über meine Familie oder meine Gesundheit erzähle ich aber nicht. Über unverfängliche persönliche Informationen schütze ich also das Private. Wenn ich gar nichts preisgebe von mir, beginnen Neugierige erst zu graben. Wer gräbt, findet immer.

SPIEGEL ONLINE: Wie graben Sie?

Grieger-Langer: Relevant für uns sind Datenmenge und -reinheit, wie an einem Tatort. Es gab einmal den Fall, bei dem eine angebliche Serienkillerin an den verschiedensten Tatorten auftauchte. Nach Jahren stellte man fest, dass die Packhilfe Datenträger verunreinigt hatte. Wir arbeiten deshalb mit einer Methoden-Triangulation. Das heißt: Verschiedene Analysten checken sich gegenseitig. Für eine saubere Probe ist eine gewisse Datenmenge erforderlich, dafür nehmen wir alles aus dem öffentlichen Internet. Je länger etwas existiert, desto weniger vergisst es das Internet. Mit guten Kenntnissen, wie Google arbeitet, kann man einiges ans Tageslicht befördern. Unsere Kunst liegt aber nicht darin, Daten zu finden, sondern die relevanten Daten zu lesen.

SPIEGEL ONLINE: Könnten wir unser Gegenüber mit einer falschen Datenspur auch austricksen?

Grieger-Langer: Daten können kein Eigenleben entwickeln. Algorithmen können aber schlecht berechnet sein und Relevantes auslassen, sodass die Maschine nur scheinbar ein Ergebnis liefert. Bei Beurteilungsverfahren in Assessment-Centern etwa wird oft gesagt, die Technik biete ein mogelfreies Verfahren. Aber die Maschine rechnet nicht damit, dass der Mensch über die Technik hinausdenkt und überlegt: "Der Arbeitgeber wünscht Teamfähigkeit. Ich bin nicht teamfähig, weiß aber, wie sie sich ausdrückt. Also klicke ich die Antwort an, die ein teamfähiger Mensch auswählen würde."

SPIEGEL ONLINE: Wer ist besser in der Beurteilung von Daten: Mensch oder Maschine?

Grieger-Langer: Wenn es darum geht, die Vorlieben eines Mitmenschen einzuschätzen, urteilen wir nicht besonders kompetent. Das hat zwei Gründe: Entweder hören die Menschen nicht genau zu, oder das Gegenüber kommuniziert nicht, was ihn wirklich interessiert. Bei sexuellen Gelüsten wird beispielsweise häufig nur gesagt, was sozial konform ist. Dem Internet vertrauen die Nutzer solche pikanten Informationen schon eher an, es entsteht eine Datenspur. Ein Mensch merkt andererseits, wenn er geblendet wird, versteht Humor und Ironie. Mimik kann im Bruchteil einer Sekunde verraten, dass jemand von einer Frage angepisst ist. Wir brauchen daher eine Kombination aus Mensch und Maschine.

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