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21. März 2018, 12:33 Uhr

Fall Cambridge Analytica

Der eigentliche Skandal liegt im System Facebook

Eine Kolumne von

Facebook befindet sich in der schwersten Krise seit seiner Gründung. Nach dem Cambridge-Analytica-Skandal wird zu Recht auf das soziale Netzwerk eingedroschen - doch aus teilweise falschen Gründen.

Facebook sei eine Gefahr für die Demokratie, dieses Bild hat sich in den vergangenen Tagen durch die Debatte über den Cambridge-Analytica-Skandal in Teilen der Öffentlichkeit festgesetzt. Das ist zwar nicht völlig falsch, jedoch aus anderen Gründen als oft vermutet wird. Und weil aus den Vorwürfen von heute die Regulierung von morgen gestaltet wird, ergibt sich hier die Pflicht zur Differenzierung, zur Aufdeckung der Missverständnisse.

Facebook ist eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste Unternehmen der Welt, was den Einfluss auf Wahrnehmung und Sozialverhalten sowie Reichweite angeht. Und Facebook hat mehrfach bewiesen, dass es bisher nicht in der Lage ist, diese Macht angemessen zu kontrollieren. Deshalb geht es um die tatsächlichen und nicht die gefühlten Verfehlungen.

Das wahre Problem

Das Getöse, das jetzt um Wählerbeeinflussung zu hören ist, war meiner Ansicht nach kein Missbrauch von Facebook - sondern ein Gebrauch. "Facebook wurde gekidnappt", sagt der Whistleblower des "Guardian", aber eigentlich wurde Facebook bloß angewendet.

Facebook hat zu Werbezwecken die machtvollste Überzeugungsmaschine der Welt konstruiert, jetzt ist sie eben für Propaganda verwendet worden, also für politische Werbung ohne ethischen Ballast. Der Cambridge-Analytica-Kronzeuge des "Guardian" behauptet, er hätte "Steve Bannons Mindfuck-Maschine für psychologische Kriegsführung" enthüllt. Tatsächlich hat er neben der Übertreibung der eigenen Rolle die Funktionsweise von Facebook offengelegt. Und nebenbei bewiesen, was schon oft kritisiert wurde: Facebook kümmerte sich bis mindestens Ende 2016 einen gequirlten Quark um die Nebeneffekte seines wirtschaftlichen Erfolges.

Das erste Missverständnis: die Datengewinnung

Es beginnt mit den Begriffen "Datenklau" und "Data Breach" (etwa: Datenleck), die nicht nur unpräzise sind, sondern irreführend. Die fraglichen Daten ließen sich bis 2014 regulär gewinnen. Das "Datenleck" kann auch heute noch jeder selbst nachvollziehen: Man gehe auf ein beliebiges Facebook-Profil - bei den entsprechenden Privatsphäre-Einstellungen lassen sich zum Beispiel die Likes von außen erkennen, ob man befreundet ist oder nicht. Voilà, fertig ist der persönliche Datenbruch.

Wenn im Moment von 50 Millionen geklauten Datensätzen die Rede ist, ist das der Hintergrund. Der Unterschied ist die Automatisierung, und dafür bot Facebook einen Spezialzugang für Wissenschaftler. Im vorliegenden Fall leitete ein Forscher die Daten an Cambridge Analytica weiter. Ein Bruch der Vereinbarung mit Facebook und vielleicht illegal, aber eben kein "Datenklau".

Der Unterschied ist essenziell, denn das Gerede von Datenklau verschiebt die Verantwortung weg von Facebooks Maschinerie hin zu irgendwelchen Kriminellen. Es gibt diese Kriminellen natürlich trotzdem. Jeden Tag tauchen neue Beweise für die kriminelle Schmierlappigkeit von Cambrigde Analytica auf, die perfekt zur allgemeinen Schmierlappigkeit des Trump-Umfelds passt. Die Frage, warum Cambridge Analytica trotz seiner angeblichen Manipulationsmacht mit Wahlbeeinflussung durch Erpressung prahlt, bleibt unbeantwortet.

Das zweite Missverständnis: das superneue Instrument

Sowohl Wirkmacht wie politische Einordnung der "50 Millionen Datensätze" werden meiner Einschätzung nach falsch dargestellt. "Durch die Synchronisation unterschiedlicher Datensätze - öffentliche Wählerverzeichnisse, Facebook-Likes oder Bonuskarten - entstanden kleinteilige Wählerprofile, in denen selbst die bevorzugte Biersorte, die Automarke oder Startseite im Browser verzeichnet waren. Bei manchen Bürgern sollen es bis zu 500 Einzelinformationen gewesen sein." Das ist ein Zitat der "Süddeutschen Zeitung" aus dem Artikel "Der Großmeister der Wählerdurchleuchtung". Und zwar von 2015, als die SPD einen Mann namens Jim Messina engagierte. Der hatte auf die beschriebene Weise Obama 2012 zur Wiederwahl verholfen.

Damals gefeierte Datenwissenschaft - und heute unerhörter Missbrauch? Tatsächlich verfügen die beiden großen US-Parteien seit vielen Jahren über umfangreiche Daten über die Wähler. Der konkrete Nutzwert einer Like-basierten Momentaufnahme von 2013 ist geringer als derzeit öffentlich dargestellt, jedenfalls für die Wahlkampfmaschine von Trump selbst. Warum hätte man diese Daten auch verwenden sollen? Facebook hat längst bestätigt, "eng mit Trumps Wahlkampfteam zusammengearbeitet" zu haben.

Das dritte Missverständnis: die Wirkweise der Manipulation

Auf die Frage, warum der Whistleblower von "Manipulation" spreche und nicht von Überzeugung, sagt er nur: "Ich war dabei." Von diesem Ruch der Manipulation hat Cambridge Analytica bisher profitiert. Wenn man Wahlbeeinflussung verkauft, gibt es nichts Besseres als einen schlechten Ruf.

Die öffentliche Wahrnehmung des Facebook-Skandals beruht auf diesem Nimbus der dunklen Verführungskunst, zusammen mit der Hoffnung vieler liberal gesonnener Menschen, es möge doch eine magische Erklärung für den Trump-Sieg geben. Dass also nicht die Mehrheit einen faschistoiden Narzissten gewählt habe, sondern dass ein Zauber die zuvor Vernünftigen verhexte. In der Channel-4-Reportage zur Enthüllung sagt der Sprecher, es gehe nicht nur darum, "Gedanken zu lesen, sondern sie zu ändern".

Dieses Herzstück des Skandals ist meiner Ansicht nach sensationalistischer Unfug. Die gelikten Seiten wurden ausgewertet mit einer Methode, die auf dem "OCEAN"-Modell basiert. Dabei geht man von fünf wesentlichen Dimensionen der Persönlichkeit aus: Aufgeschlossenheit, Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit, Empathie und emotionale Labilität. Das funktioniert etwas vereinfacht über eine Gruppenzuschreibung: Wer Beyoncé gelikt hat, ist wahrscheinlich aufgeschlossener als der Durchschnitt.

Auf diese Weise lassen sich über jede Person, deren Likes man kennt, Annahmen über ihre Persönlichkeit und präferierte Werbemotive treffen. Wohlgemerkt: Annahmen. Natürlich gibt es auch völlig unaufgeschlossene Beyoncé-Fans. Aber das ist egal, denn es geht allein um den Durchschnitt. Diese Daten werden nämlich nicht dazu verwendet, auf magische Weise eine Person so zu manipulieren, dass sie eben noch Clinton wählen wollte und jetzt schon ferngelenkt ein Kreuz bei Trump macht.

In Wahrheit geht es darum herauszufinden, welche Gruppen für welche Botschaften empfänglicher sein könnten. Und so diesen Leuten eine Zusatzmotivation zu geben, mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit zu tun, was sie vielleicht sowieso machen wollten. Also die Funktion von Werbung seit ungefähr immer.

Dafür ist das OCEAN-Modell geeignet, dahinter stehen ernsthafte wissenschaftliche Erkenntnisse - aber von der fundierten Persönlichkeitseinschätzung zur Massenumpolung ist ein weiter Weg. Ein zu weiter. Es gibt keine Facebook-Zauberanzeige, die Menschen umzupolen vermag.

Die bittere Wahrheit: Wenn nicht die Hälfte der Amerikaner ohnehin offen gewesen wäre für die Wahl von Trump - Cambridge Analytica hätte sich die Daten in die Haare schmieren können.

Die Quintessenz

Also alles nicht so wild? Doch, sogar noch wilder. Die Realität ist profaner, aber weitreichender. Denn sie stellt Facebook insgesamt in Frage. Weil datenbasierte Kommunikation eine Wirkung hat, weil Medien eine Wirkung haben, und weil die Öffentlichkeit wenig darüber weiß, wie diese Wirkungen im Fall von Facebook zu bewerten sind.

Genau genommen weiß nicht einmal Facebook selbst, wie Facebook wirkt. Und das ist die Gefahr, die das soziale Netzwerk für die Demokratie darstellt, das große Versäumnis, das man Facebook ankreiden muss. Die Menschen-Megamaschine wurde unglaublich perfektioniert, was Werbung angeht - aber alles andere inklusive der sozialen Wirkung auf die Welt war nachrangig.

In den zehn Jahren von 2007 bis 2017 hat Facebook seine Werbeeinnahmen verzweihunderfünfundsechzigfacht - auf 40 Milliarden Dollar im Jahr. Sämtliche deutschen Medien zusammengenommen kommen nicht mal auf die Hälfte. Dieses Wachstum ließ sich nur mit der aggressiven Strategie erreichen, die Werbemöglichkeiten zu perfektionieren - und dabei fast jede mögliche Form von Missbrauch als normalen Gebrauch zu betrachten.

Konkreter: Bis ins Jahr 2017 hinein konnte man problemlos werben, ohne als Absender erkennbar zu sein, also anonyme Propaganda betreiben. Ebenso ermöglichte Facebook zum Beispiel, gezielt Antisemiten anzusprechen oder schwarze Menschen auszuschließen. Facebook kümmerte sich eher um grafische Proportionen von Foto und Schrift bei Anzeigen als um möglicherweise problematische Inhalte wie Verleumdungen, Lügen und Hetze.

Und es ist problemlos möglich, einzelne Personen zum Werbeziel spezifischer Ansprache zu machen, wenn man deren E-Mail-Adresse oder Handynummer hat. Facebooks Überzeugungsmaschinerie war ein offenes Scheunentor für alle, die zum Beispiel von Russland aus versuchen wollten, die Wahl zu beeinflussen. Ganz ohne Hack, ganz unabhängig von Cambridge Analytica.

Das ist das Vergehen von Facebook: dem Umsatz jede Vorsicht bei der gesellschaftlichen Wirkung sozialer Medien zu opfern. Von Fake News über Hetze bis zu Propaganda - Facebook hat es über Jahre nicht ernsthaft interessiert, was auf seiner Plattform geschah, solange ausreichend Werbung geschaltet wurde.

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