Raw-Fotos optimieren So funktioniert Bildbearbeitung mit System

Wer seine Bilder im Raw-Format bearbeitet, nutzt dafür häufig Photoshops Camera Raw - oder Lightroom. Das Magazin "Docma" erklärt das beste Vorgehen und erläutert Vor- und Nachteile beider Programme.

Bearbeitetes Foto einer Eisformation
Docma/ Foto: Lea Künne

Bearbeitetes Foto einer Eisformation

Von "Docma"-Autor Olaf Giermann


Sie benutzen Photoshops Camera Raw oder Lightroom? Und kennen die Basisfunktionen beider Angebote für die Raw-Entwicklung? Dann könnte diese Anleitung etwas für Sie sein. Sie richtet sich an fortgeschrittene Einsteiger, die sich trotz erster Vorkenntnisse einen roten Faden für die Raw-Entwicklung im Umgang mit Camera Raw und Lightroom wünschen.

Lassen Sie sich dabei nicht verwirren: In diesem Artikel werden Sie mal Screenshots der Oberfläche von Camera Raw und mal welche von Lightroom sehen. Im Detail sehen die Bedienoberflächen beider Programme manchmal unterschiedlich aus. Manche Regler wurden von Adobe sogar unterschiedlich benannt. Die Funktionen sind aber in beiden Programmen - bezogen auf das Resultat - völlig identisch. Wo es Unterschiede gibt, weisen wir Sie darauf hin.

Gefunden in

Camera Raw und/oder Lightroom?

Photoshops Camera Raw (aus Adobe Bridge heraus mit "Strg/Cmd-R" für ausgewählte Fotos gestartet) und Lightroom greifen auf dieselben Raw-Entwicklungsalgorithmen zurück. Es ist deshalb - auf das Ergebnis bezogen - egal, welches Programm Sie verwenden. Es gibt aber eine Reihe von Unterschieden im täglichen Einsatz, bei denen jeder persönlich die Vor- und Nachteile beider Varianten abwägen muss.

Lightroom
Docma

Lightroom

Lightroom kann sehr vieles besser als Camera Raw - wenn auch nicht alles. Es hat ein ausgefeilteres Crop-Tool inklusive verschiedener Rasterüberlagerungen (Drittelraster, Goldener Schnitt… ...), seine virtuellen Kopien sind extrem praktisch, Vorher-Nachher-Vergleiche einzelner Korrekturen sind deutlich intuitiver als in Camera Raw.

Es gibt eine Bearbeitungshistorie ("Protokoll") inklusive schrittweisem "Zurück". Gespeicherte Vorgaben, Schnappschüsse und der jeweilige Protokoll-Status zeigen beim Mouse-Over den aktuellen Bearbeitungsstand im "Navigator"-Fenster an. Auch auf den Ein-Klick-Zoom mag man nach kurzer Zeit nicht mehr verzichten. In Lightroom kann man im "HSL"-Bereich praktischerweise alle Regler gleichzeitig einblenden.

Camera Raw
Docma

Camera Raw

Von Nachteil ist dagegen, dass Lightroom oft etwas behäbiger als die Kombination aus Camera Raw und Bridge agiert. Für Wacom-Anwender ist es außerdem sehr nervig, die Pinselspitzengröße in Lightroom nur über ein Mausrad ändern zu können und nicht wie in Camera Raw per "Rechtsklick"-Ziehen beziehungsweise "Ctrl-Klick"-Ziehen, wie man es mit dem Wacom-Stift und in Photoshop gewohnt ist.

Derzeit der einzige Workaround: Legen Sie sich mithilfe des Wacom-Treibers das Ändern der Pinselgröße auf den Scroll- beziehungsweise Rockerring des Wacom.

Nötige Software

Dieser Workshop richtet sich an Fotografen, die Lightroom und Photoshop in der Version CS6 und höher einsetzen, beide Programme grundsätzlich schon verstehen, aber bislang einen roten Faden vermissten, in welchen Fällen Lightroom oder Camera Raw die bessere Wahl wäre.

Relativ neue Funktionen wie "Dunst entfernen" und "Upright mit Hilfslinien" gibt es erst in Lightroom CC und Photoshop CC.

Die beste Bearbeitungsreihenfolge

Falls Sie Ihre Bilder ausschließlich mit Camera Raw oder in Lightroom bearbeiten, spielt die Anwendungsreihenfolge der einzelnen Werkzeuge und Regler im Grunde für das fertige Foto überhaupt keine Rolle.

Die beste Reihenfolge ist daher die, mit der Sie möglichst gezielt zu dem gewünschten Ergebnis kommen - und Ihrem Rechner dabei so wenig Anzeige- und Rechner-Performance wie möglich abverlangen. Gerade wenn Sie die originale Farb- und Lichtstimmung bewahren möchten, bringt das planlose Ziehen an den Reglern nicht viel. Einige Korrekturen verlangsamen gar die anschließende Bearbeitung. Verlagern Sie deshalb zum Beispiel perspektivische und lokale Korrekturen - zum Beispiel Retuschen, Objektivkorrekturen, "Verlaufs-Filter", "Radialfilter" - nach Möglichkeit ans Ende Ihrer Bearbeitungen.

So optimieren Sie die Ausgangsfarben

Auch wenn Sie später vorhaben, das Foto farblich zu stilisieren, sollten Sie zu Beginn der Bearbeitung für korrekte Farben sorgen. Ein optimaler Weißabgleich und das gewählte Kameraprofil beeinflussen und erleichtern alle folgenden Korrekturen.

Fotostrecke

5  Bilder
Raw-Spezial: Weißabgleich

Kamerakalibrierung

Manche Anwender sind mit den von Camera Raw oder Lightroom standardmäßig erzeugten Farben nicht ganz zufrieden. Doch bevor Sie nach erfolgtem Weißabgleich die Farben einzeln und aufwendig mit den "HSL"-Reglern anpassen, sollten Sie einen Blick in den Reiter "Kamerakalibrierung" werfen. Dort ist unter "Kameraprofil" normalerweise "Adobe Standard" eingestellt. Bei verschiedenen Kameraherstellern finden Sie hier aber auch weitere - den in der Kamera verfügbaren Vorgaben nachempfundene - Profile. Je nach Motiv und Aufnahmesituation bewirken diese oft deutlich bessere Farben und Kontraste.

Fotostrecke

4  Bilder
Raw-Spezial: Kamerakalibrierung

So optimieren Sie Kontrast und Schärfe

Im Bereich "Grundeinstellungen" stimmen Sie die allgemeine Helligkeit und den Gesamtkontrast des Bildes ab. Für das Verstärken der lokalen Kontraste finden Sie hier auch den Regler "Klarheit". Beim Schärfen im Reiter "Details" ist Vorsicht geboten.

Fotostrecke

4  Bilder
Raw-Spezial: Kontrast und Schärfe

Bei extremen Änderungen der "Tiefen" und "Lichter" erhalten Sie vor allem in Kombination mit verstärkter "Klarheit" mitunter deutlich sichtbare Säume entlang von Kanten mit hohem Kontrast. Setzen Sie deshalb vor allem die "Belichtung" zur grundlegenden Bildabstimmung ein, um solche Säume zu vermeiden. Da Sie hier mit Raw-Daten arbeiten, können Sie das Bild zunächst etwas abdunkeln, dann die Tiefen und Lichter subtil angleichen, um dem Bild anschließend mit einer Tonwertspreizung einen knackigen Kontrast zu geben.

Gehen Sie bitte niemals auf dieselbe Weise vor, wenn Sie mit Rasterbildern in 16 oder gar nur 8 Bit Farbtiefe pro Kanal arbeiten, um Tonwertabrisse zu vermeiden. Versuchen Sie, das Ergebnis mit möglichst wenigen Einstellungsebenen zu erreichen.

Halten Sie die "Alt"-Taste gedrückt, um beim Ändern von "Belichtung", "Lichter", "Tiefen", "Weiß" und "Schwarz" eine Vorschau der Bereiche zu erhalten, die durch die vorgenommene Änderung rein weiß beziehungsweise schwarz werden.

Klarheit, Weichheit, HDR-Effekt

Mit dem Regler "Klarheit" lassen sich Strukturen und Motiv-Plastizität verstärken oder auch abschwächen. Da er bei höheren Werten schnell die Tiefen zulaufen und die Lichter überstrahlen lässt, sollten Sie ihn mit dem Aufhellen der "Tiefen" und dem Abdunkeln der "Lichter" kombinieren.

Docma

Wenn Sie den Wert für "Klarheit" reduzieren, glätten Sie flächige Bereiche. Durch Erhöhen der "Klarheit" verstärken Sie die lokalen Kontraste im Bild, verlieren aber mitunter Detailzeichnung.

Docma

Indem Sie parallel zum Verstärken der "Klarheit" die "Lichter" abdunkeln und die "Tiefen" aufhellen, vermeiden Sie den Detailverlust. Das Resultat ist eine Art HDR-Effekt.

Schärfen in Camera Raw und Lightroom

Im Reiter "Details" haben Sie die Möglichkeit, Ihr Foto zu schärfen. Hierbei handelt es sich aber nur um eine Vorschärfung, mit der Sie die durch Tiefpassfilter und Objektivunzulänglichkeiten entstandenen Unschärfen reduzieren. Versuchen Sie in Camera Raw oder Lightroom also nicht, Mikrodetails oder Formen zu verstärken: Bei größeren Radien und hoher Stärke erhalten Sie dann vor allem nur sehr auffällige und unschöne Pixelstrukturen.

Beim Schärfen in Camera Raw oder Lightroom ist die "Alt"-Taste Ihr Freund: Halten Sie sie gedrückt, um beim Ändern von "Radius", "Detail" und "Maskieren" genau zu sehen, was Sie gerade ändern.

Docma

Eine gezielte Vorschärfung in Camera Raw oder Lightroom ermöglicht Ihnen, in der anschließenden Bildbearbeitung das Beste aus Ihren Bildern herauszuarbeiten. Nutzen Sie zur Beurteilung die 100-prozentige Ansicht. Gerade für großformatige Drucke sollten Sie hier möglichst genau arbeiten - und es nicht übertreiben.

Die Ausgabeschärfe legen Sie im Speichern- beziehungsweise Export-Dialog von Camera Raw oder Lightroom fest, falls Sie keine weiteren Optimierungen in Photoshop vornehmen. Es gibt nur drei Vorgaben mit jeweils drei verschiedenen Stärken - ohne Vorschau. Ausprobieren ist Pflicht.

Mehr zum Thema finden im Heft Sie im Docma 78 5/2017



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
isa4711 16.09.2017
1. Workaround "Wacom"
Auf einen der beiden Taster "Verschieben/Bildlauf..." legen und mit aufgesetzter Stiftspitze komfortabel die Pinselgröße in LR ändern ist eine einfache Variante und steht der Nutzung des klassischen Scrollrads in nichts nach.
inverts 16.09.2017
2. Alternativen ausgeblendet
Es gibt Alternativen zu den Adobe-Abzocker Programme. Vor allem Affinity Photo und auch Aurora von MacPhun. Beide zum einmaligen Kauf, nicht Miete, und haben mindestens ebenbürtige Fähigkeiten.
inverts 16.09.2017
3. Korrektur Aurora -> Luminar
Muss einen Fehler korrigieren. Das MacPhun Program für RAW ist Luminar (Aurora is für HDR).
apg 16.09.2017
4. Und wenn man Qualität will
geht man direkt auf Capture One. Das ist in meinen Augen der beste Raw-Konverter. Hier kann man eine Vollversion kaufen oder mieten. 98% meiner Bildbearbeitung mache ich in diesem Programm. Der intuitivste Rawkonverter kam von Apple, hiess Aperture und wurde unverschämterweise eingestellt und die Kundschaft verprellt. Wo es geht, vermeide ich Adobe-Produkte. Als Softwaretrainer schule ich allerdings die Programme des Monopolisten Adobe seit 91.
Steinway 16.09.2017
5. Capture One
Zitat von apggeht man direkt auf Capture One. Das ist in meinen Augen der beste Raw-Konverter. Hier kann man eine Vollversion kaufen oder mieten. 98% meiner Bildbearbeitung mache ich in diesem Programm. Der intuitivste Rawkonverter kam von Apple, hiess Aperture und wurde unverschämterweise eingestellt und die Kundschaft verprellt. Wo es geht, vermeide ich Adobe-Produkte. Als Softwaretrainer schule ich allerdings die Programme des Monopolisten Adobe seit 91.
... sehe ich ebenfalls als besten RAW Konverter und würde nicht tauschen. Es ist wie immer, man rennt dem Marktführer hinterher obwohl es bessere Alternativen gibt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.