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Campus Party Europe: Wenn Geeks eine Party feiern

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Internetfestival in Berlin Geeks feiern brave Campus Party

Europäische Jugendspiele: Auf der Campus Party in Berlin treffen sich Tausende Besucher, um über Technik und Gesellschaft nachzudenken - und sich in Computerspielen zu messen. Die Werbeveranstaltung für Geeks richtet sich längst nicht mehr an eine Minderheit.

Mit einem großen, schwarzen Hut sitzt Marcelino Coll Rovira vor seinem Notebook und spielt "Starcraft". Der 20-jährige Student ist dafür extra mit seinen Freunden von Barcelona nach Berlin gefahren, zur Campus Party Europe, einem Internet- und Technikfestival, das noch bis Samstag läuft. "Das ist riesig hier, ein Haufen interessanter Leute trifft sich", sagt er. Am Mittwochmittag forderte der 65-jährige Bestseller-Autor Paulo Coelho die Besucher auf, ihren Träumen zu folgen: "Wenn wir Inhalte teilen, können wir die Welt verändern."

Tausende Besucher wurden mit Freitickets aus Europa auf das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof gelockt. Das riesige, langgezogenes Gebäude mit Vordach ist extra nach außen hin abgeschirmt, mit übereinander gestapelten Schiffscontainern. Alle neun Bühnen sind in dieser einen improvisierten Halle aufgebaut, Rücken an Rücken. Es geht um freie Software, Internetprotokolle und das Gründen von Start-ups, um Web-Programmierung und mobile Apps.

Dazwischen stehen Reihen von Tischen, ausgestattet mit Strom- und vor allem Netzwerkanschluss. Unter einem hat Rovira geschlafen, gleich unter seinem Rechner, den er über Nacht nicht alleine lassen wollte. Gar nicht so ungemütlich sei das gewesen, sagt er zumindest und zeigt seinen Schlafsack. Dabei stehen für die Besucher 3000 blaue Igluzelte zum Übernachten auf dem Beton bereit. Der spanische Hauptsponsor wünscht schöne Träume.

Hardware-Hacker basteln an Robotern

Am einen Ende der Halle sitzen Profi-Computerspieler in roten und schwarz-orangen Trikots. Sie bewegen sich kaum, nur ihre Pupillen und Hände zucken. Ein Moderator beschreibt den Zuschauern in atemlosem Stakkato, was die Pixelkrieger, die sie auf der Leinwand sehen, gerade anstellen. Es hat mit Explosionen und Feuerbällen zu tun, so viel lässt sich sagen. Es dröhnt von allen Seiten, viele Vorträge sind nur schwer zu verstehen.

Friedlicher geht es auf der Socrates-Bühne zu, Jon Hall, der mit seinem weißen Bart an den Weihnachtsmann erinnert, erzählt, wie er einst das freie Betriebssystem Linux auf die Fidschi-Inseln brachte, auf CD, weil das Internet dort viel zu langsam war. Wie ein Gott habe er sich da gefühlt, sagt er und lacht. Ein paar Meter weiter riecht es nach Lötzinn, Hardware-Hacker basteln an kleinen Robotern.

So bunt und chaotisch die Campus Party Europe  auch ist, verglichen mit Veranstaltungen wie dem Szenetreffen re:publica oder dem Kongress des Chaos Computer Clubs geht es hier eher zu wie auf einem Kirchentag - alle sind willkommen und dürfen mitmachen. Viele der insgesamt 10.000 Tickets wurden verschenkt, Tausenden europäischen Studenten wurde auch die Anreise bezahlt. Vor allem eins wird deutlich: Hier trifft sich keine Minderheit, die mit ihrem Anderssein zu kämpfen hat, hier trifft sich der Mainstream, in dem die Geeks längst angekommen sind.

"Diese Menschen verändern die Welt"

Campus Party mag nach saufenden Erstsemestern klingen, das Gegenteil ist der Fall. Alkohol gibt es bis zum Wochenende auf dem Gelände nicht, alles ist schön geordnet, nicht zu wild, meist optimistisch - und offenbar bestens finanziert. Der allgegenwärtige Hauptsponsor Telefónica, sowie Google, Samsung und Microsoft machen es möglich, auch die EU-Kommission ist an Bord. Zu viel Dissens könnte nur die saubere Werbeatmosphäre stören. Am Ein- und Ausgang gibt es Taschenkontrollen, Ordner patrouillieren über das Gelände.

Das bemerkt auch der Informatiker Philipp Mahr. "Eigentlich gehört mehr Kultur zu so einem Internetfestival", sagt der 32-Jährige. Auch er hat seine Karte gewonnen. Der Gründer eines Start-ups, das an Geräten zur Messung von Stromverbrauch arbeitet, hat sich gerade einen Vortrag über Drupal angehört, ein Content-Management-System. Nun geht es weiter zu Super Mario. Anhand der Figur aus dem Spieleklassiker soll erklärt werden, wie sich Spielelemente in andere Lebensbereiche übertragen lassen.

Nebeneinander statt miteinander

Das Programm ist dicht gepackt, die Technik läuft - es fehlen die üblichen Verdächtigen der deutschen Szene, die Lobos, Knüwers und Fefes. Das mag verschmerzbar sein - weniger verzeihlich: Auch die Partystimmung fehlt. Getränke und Essen sind teuer, Orte für spontane Treffen kaum vorhanden. Es ist mehr ein Nebeneinander, kein Miteinander. Da hilft auch "TheBigThink" kaum, eine Werbekampagne der EU-Kommission für die "Digitale Agenda", bei der Ideen für die digitale Zukunft Europas gesammelt und prämiert werden.

"Diese Menschen verändern die Welt", hat einer der Gründer der Campus Party, Paco Ragageles, über die Besucher gesagt. Der Internet-Wanderzirkus, der 1997 als kleine Geek-Party in Spanien startete, ist mittlerweile eine Großveranstaltung, tourte durch Brasilien, Ecuador, Kolumbien, Chile und Mexiko, als nächstes soll es in die USA gehen.

Bis es in Berlin soweit ist mit der Weltveränderung, spielen einige lieber "Starcraft", andere lassen von Telefónica schnelles Internet über LTE vorführen, und wieder andere brechen auf, verlassen den saubergefegten Tempelhof, um lieber das bunte, chaotische und vielleicht ja sogar wilde Berlin zu entdecken.

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