CDU-"Wahlkreis 300" Wer falsch sät, erntet Ärger

Zum Cebit-Abschluss gab Angela Merkel den Startschuss für den Beta-Test von Wahlkreis300.de, einer Politiksimulation, mit der die CDU im Online-Wahlkampf punkten will. Doch das Projekt brachte der CDU bislang mehr Ärger als den erhofften Wählernachwuchs.

Von Meike Fries


"Wahlkreis 300": Gut gemacht - oder nur gut "abgekupfert"?

"Wahlkreis 300": Gut gemacht - oder nur gut "abgekupfert"?

Nur eine Null mehr und man könnte "Wahlkreis 300" für eine neue nervige Aktion des "Theaterterroristen" Christoph Schlingensief halten. Doch weit gefehlt: Beim Wahlkreis 300 handelt es sich um ein neues Wahlkampftool der CDU, ein Projekt, das Medienkompetenz und Zukunftsorientierung signalisieren soll und sich vor allem an Jungwähler richtet.

299 reale Wahlkreise gibt es bei der kommenden Bundestagswahl. Nummer 300 ist virtuell. Registrierte User sollen spielerisch Wahlkampf für simulierte Spitzenkandidaten aller relevanten Parteien betreiben. Die schablonenhaften Charaktere allerdings hat allein ein Redaktionsteam der CDU entworfen. Das merkt man.

Ärger auf Parteienebene: Von wegen "neutral"

Gleichzeitig aber sollte Wahlkreis300.de wie eine neutrale und offene Plattform wirken. Die gegnerischen Parteien stießen sich vor allem an der offensichtlichen Diskrepanz zwischen Darstellung und Inhalt: Ungefragt hatte die CDU die offiziellen Partei-Logos der Konkurrenz eingebunden. Nun prangt in jedem Parteilogo ein kleines "300", und die SPD sparte sich die angedrohten rechtlichen Schritte. So viel zum Ärger aus den Reihen der Politik.

Die zweite Ärger-Welle rollte etwas langsamer an, dafür aber gewaltig und aus einer anderen Richtung, mit der die CDU-Verantwortlichen wohl gar nicht gerechnet hatten: von "unten".

Ist das pfiffige CDU-Konzept ein Plagiat?

Die Mitglieder der großen unabhängigen Politik-Community "Dol2day", die gerade ihren zweiten Geburtstag feierte, dürften beim Anblick des virtuellen Wahlkreises nicht schlecht gestaunt haben. Die grafischen und funktionalen Parallelen zwischen den beiden Politiksimulationen sind nicht zu übersehen. Schnell wurde der Plagiatsvorwurf laut, und einige "Doler" gründeten eine Initiative gegen die CDU-Community, mit dem Ziel, diese zu unterwandern.

Als versierte Spieler drangen die Doler schnell in die Machtpositionen der virtuellen Parteien vor, ein Update der Spielregeln hin zu mehr Demokratie kam ihnen hierbei natürlich nur gelegen.

Über die Besatzungspolitik ist man sich innerhalb der Dol2day-Community nicht wirklich einig. Die einen rufen dazu auf, Wahlkreis 300 "zuzumüllen" und zu "blockieren, wo es nur geht", andere wiederum finden genau diese Vorgehensweise "undemokratisch".

Im Chat mit dol2day schlägt das Wahlkreis300-Redaktionsteam versöhnliche Töne an, aber ergreift nun doch konkrete Maßnahmen gegen die Manipulation der Doler. Mitte April wurden 58 zuvor als "Dummies" identifizierte Accounts gesperrt.

Das ist verständlich; ein zweifelhaftes Vorgehen aber ist es, Mitglieder aus den Parteien auszuschließen, die sich "nicht linientreu" verhalten: "Die fünf virtuellen Parteien stehen in Anlehnung an die im Bundestag vertretenen Parteien für eher christdemokratische, sozialdemokratische, liberale, grüne oder sozialistische Inhalte", heißt es in den Spielregeln. "Eine Unterwanderung der virtuellen Parteien durch Einstellung von der Grundüberzeugung gegensätzlich und in keinster Weise entsprechenden Inhalten führt zum Parteiausschluss und Punkteverlust."

Da es aber noch kein parteiinternes Verfahren dafür gibt, übernimmt dies derzeit noch die Redaktion persönlich - und muss sich den Vorwurf der User gefallen lassen, undemokratisch zu handeln.

Spätestens Mitte April hätte der Beta-Test abgeschlossen sein sollen. Bis in den Mai hinein wird er noch weiterlaufen, so die CDU-Pressestelle gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Versuch läuft, Ziel verfehlt?

Das eigentliche Ansinnen der CDU jedenfalls dürfte durch die Aktion der Doler in der Beta-Phase fehlgeschlagen sein: Die Gewinnung von Marktdaten.

Wer sich durch die Registrierung klickt, stellt schnell fest, dass er vielfältige Möglichkeiten hat, sich als Marktforschungsobjekt zur Verfügung zu stellen: Geburtsdatum, Familienstand, Beruf, Ausbildung und Konfession, reihenweise Felder zu Hobbys, Interessen und präferierten Politikfeldern. Wer möchte, kann einen ganzen Lebenslauf eingeben.

Die Fragen, auf die sich die CDU Antworten erhoffte, sind: Wofür interessieren sich junge Wähler, mit welchen Argumenten kann ich sie ansprechen, an welchen Politikfeldern sind sie interessiert, wie reagieren sie auf gegnerische Argumentationen, und wie kann ich von meinen Argumenten überzeugen? Es geht um eine Topografie der Generation@, um politische Inhalte besser auf diese abstimmen zu können. Diese angeblich alles freudig konsumierende Generation@ entpuppt sich allerdings als sensibel, clever und vor allem medienkompetent - und sie weiß, mit solchen Versuchen umzugehen: Wer aufdringlich schnüffelt, bekommt einen Nasenstüber.



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