Anzeige

Chaos Communication Camp

Die LAN-Lust

Die Hacker im Sommercamp des Chaos Computer Clubs haben sich ein eigenes Gigabit-Internet aufgebaut - in einem Landstrich Brandenburgs, wo die Breitbandversorgung noch Jahre dauern wird. Wie geht so etwas?

Von

Patrick Beuth / SPIEGEL ONLINE

Schnelles Internet und eine Rakete auf dem Land: Das Chaos Communication Camp

Donnerstag, 22.08.2019   17:30 Uhr

Anzeige

Der Breitbandausbau in Zehdenick ist geradezu ein Musterbeispiel für die Probleme der Bundesregierung, die digitale Infrastruktur des Landes zukunftsfähig zu machen. In wenigen Wochen sollen 1900 Haushalte im Kerngebiet der brandenburgischen Stadt neue Internetanschlüsse der Deutschen Telekom nutzen können, mit Downloadraten von bis zu 250 Megabit pro Sekunde (Mbit/s).

Aber Zehdenick besteht aus mehreren Ortsteilen mit insgesamt etwa 6600 Haushalten, und selbst der für die nächsten drei Jahre geplante Ausbau wird nicht alle von ihnen erreichen, wie Dirk Wendland von der Stadtverwaltung dem SPIEGEL am Telefon sagt: "Es wird aufgrund unserer Siedlungsstruktur weiterhin Gebiete geben, die problematisch sind".

Anzeige

Normalerweise gehört auch der Ziegeleipark Mildenberg zu diesen Gebieten. "Wir haben notgedrungen eine LTE-Antenne mit entsprechend geringer Leistungsfähigkeit auf dem Dach", sagt Philipp Ingel, der dort in einem Gasthof arbeitet. "Alternativen gibt es nicht." Dass es 60 Kilometer von der Hauptstadt entfernt nicht möglich scheint, im Jahr 2019 einen Breitbandanschluss zu bekommen, ist für ihn ein echtes Problem: "Wir würden unseren Gästen gerne ein WLAN anbieten, das gehört heute einfach dazu."

Zehdenick oder CCCdenick

In diesen Tagen ist der Kontrast zu dem, was technisch möglich wäre, besonders groß. Denn auf dem alten Industriegelände, nur ein paar Schritte vom Gasthof entfernt, findet diese Woche das Chaos Communication Camp statt. Und der Chaos Computer Club (CCC) hat sich hier, wie auch schon 2015, ein eigenes Internet aufgebaut: Genauer: Ein Gigabit-Netz für mindestens 4500 Menschen.

Anzeige

Zehdenick, das sind bestenfalls 250 Mbit/s für diejenigen, die es sich leisten wollen - und gar kein Anschluss für einige andere. CCCdenick, das ist ein Gigabit pro Sekunde für alle.

Einer derer, die das ermöglicht haben, ist Kay Rechthien. Zusammen mit einem Team aus rund 40 Freiwilligen hat der 27-Jährige das Camp-Netz mit aufgebaut.

Fast ein halbes Jahr Vorbereitung steckt darin, der eigentliche Aufbau aber war eine Sache von wenigen Tagen. Von zentraler Bedeutung ist die Glasfaser, die Rechthien und sein Team verlegt haben. "Wir arbeiten mit dem lokalen Energieversorger zusammen", sagt er. Dessen Hochspannungsleitung trage auch eine Glasfaser, und die durfte das Team sozusagen anzapfen und bis in den Ziegeleipark legen.

"Wir haben vom Hochspannungsmast bis ins Camp etwa 2,5 Kilometer Kabel verlegt", sagt Rechthien, der im Alltag als Netzwerk-Architekt für einen großen Internetdienstleister arbeitet. 20 Gigabit pro Sekunde kommen durch das Kabel - doppelt so viel wie noch 2015.

Im Camp führt die Leitung vom zentralen Verteiler über insgesamt 9,4 Kilometer stahlummantelte Glasfaser zu knapp 60 Datenklos. Das sind Dixieklos, in denen die nötige Hardware steckt, damit sich die Camp-Teilnehmer direkt per Ethernetkabel damit verbinden können. Wenn ihr jeweiliges Endgerät es unterstützt, sollte bei jedem von ihnen ein Gigabit ankommen.

Hinzu kommen rund 100 Access Points für das Camp-WLAN. Selbst am Duschzelt hängt einer - "falls man mal warten muss, bis man an der Reihe ist", sagt Rechthien. Selbst das Drahtlosnetz ermögliche 300 bis 500 Mbit/s.

Plan B gegen Nagetiere: Richtfunk mit bis zu 500 Mbit/s

Das Camp hat sogar noch eine Notfalllösung - "falls ein Eichhörnchen die Glasfaser durchnagt", wie Rechthien sagt. 2015 waren es vermutlich Marder, die auf diese Weise die Lebensader des Camps kurz vor der offiziellen Eröffnung durchtrennt und beim Netzwerkteam für schlaflose Nächte gesorgt hatten. Der Plan B heißt in diesem Jahr Richtfunk. "Den brauchten wir eigentlich erst mal nur zum Aufbau des Camp-Netzes, denn hier gibt es keinen stabilen LTE-Empfang", so Rechthien. Aber dann funktionierte die von der Firma serve-u eingerichtete und von der Deutsche Funkturm unterstützte Verbindung so gut, dass niemand sie wieder abbauen mochte.

Patrick Beuth / SPIEGEL ONLINE

Das Rechenzentrum im Chaos Communication Camp

Das Signal kommt vom Fernsehturm in Berlin, aus knapp 60 Kilometern Entfernung. "Da fallen 400 bis 500 Mbit/s raus", sagt Rechthien, "das hat erst mal gereicht. Aber wir haben das noch erweitert, nachdem die Telekom wie versprochen einen Port im nahe gelegenen Ort Gransee zur Verfügung gestellt hat. Darüber haben wir per Richtfunk je nach Wetterlage sogar acht bis zehn Gigabit pro Sekunde". Auch diese Verbindung hat serve-u eingerichtet.

Ein direkter Vergleich zwischen Zehdenick und CCCdenick ist natürlich unfair. Die Glasfaserkabel sowohl zum Camp als auch innerhalb des Camps liegen auf dem Boden, denn sie zu vergraben, wie es ein Provider für eine Dauerlösung tun müsste, ist für Rechthiens Team unmöglich. Einen Teil des Materials für das Camp-Netz haben Firmen gespendet, der Rest ist eine Leihgabe von Bekannten oder zu günstigen Konditionen "für einen guten Zweck" eingekauft.

Es ist ein nicht-kommerzielles Projekt von Freiwilligen, das nur fünf Sommertage lang funktionieren muss. Aber weil es funktioniert, ist es eben auch ein besonders starkes Signal an den Bund, frei nach William Gibson: Die Gigabit-Gesellschaft ist schon da, sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Telekom habe ein Richtfunksignal zur Verfügung gestellt. Richtig ist, dass sie einen 10-Gigabit-Port zur Verfügung gestellt hat. Die Antennenplätze hat die Deutsche Funkturm GmbH bereitgestellt, die Verbindung eingerichtet hat die Firma serve-u.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung