Cory Doctorow beim virtuellen CCC-Kongress Der Netzprediger

Der Autor und Aktivist Cory Doctorow ist der Stargast beim virtuellen Kongress des Chaos Computer Clubs – und die perfekte Besetzung für eine Veranstaltung unter widrigen Umständen.
Ein Porträt von Patrick Beuth
Cory Doctorow

Cory Doctorow

Foto: CommonLens / imago images

Cory Doctorow hatte schon immer viel zu sagen. Mein erstes Interview mit ihm, es muss fast zehn Jahre her sein, begann der Netzaktivist, Autor und gelegentliche Comicheld  mit einer Warnung: »Wir haben nur 20 Minuten, aber ich kann sehr viele Wörter in 20 Minuten unterbringen«. Es wurden 35 Minuten und wirklich extrem viele Wörter.

Bis heute ist das Mitteilungsbedürfnis des 49-jährigen Kanadiers ungebrochen. Doctorow berät die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF), er schreibt Bücher , Essays, Blogposts, sein Twitteraccount  steht praktisch nie still, allein im Dezember war er in mehreren Podcasts zu Gast, und trotzdem hat er vor Kurzem binnen 40 Minuten auf eine E-Mail von mir geantwortet. Ich hatte ihn um seine Meinung zu Apples Ökosystem gebeten, er antwortete mit einem Entwurf für einen thematisch passenden Aufsatz, ich solle mich einfach daraus bedienen. Der Aufsatz war mehr als sechs Seiten lang und ich hätte am liebsten jeden zweiten Satz daraus genommen.

»Wenn ich gestresst und unglücklich bin, arbeite ich einfach«, sagte Doctorow kürzlich in einem Podcast-Interview . »Deshalb war 2020 ein außergewöhnlich produktives Jahr, aus nicht sonderlich erfreulichen Gründen. Aber mittlerweile fühle ich mich wie ein Lachs, der endlich sein Laichgebiet erreicht hat, mit nur noch einer Flosse und einem halben Auge.«

Cory Doctorow hält nichts von Optimismus

Eigentlich wollte Doctorow in diesen Tagen eine Internetauszeit nehmen. Er leide unter chronischen Schmerzen und sei zuletzt sogar am Stock gegangen, schreibt er in seinem Blog . Aber für den Chaos Computer Club (CCC) macht er eine Ausnahme. Der erste virtuelle Jahreskongress des CCC, die »remote Chaos Experience«, kurz rC3, hat am Sonntag begonnen, Doctorow ist am Abend der Keynote-Speaker, anschließend liest er aus seinem jüngsten Roman und stellt sich den Fragen des Publikums. Sein Auftritt wird im kostenlosen Stream auf https://media.ccc.de  zu sehen sein, auch ohne Ticket für die Veranstaltung.

Der Titel seiner Rede lautet übersetzt »Wo die Cyberoptimisten falsch lagen und was jetzt zu tun ist«. Doctorow wird – wie schon bei seiner Rede auf dem CCC-Kongress im Jahr 2011  – der Frage nachgehen, ob Technologie »eine Macht des Guten« ist oder es jemals sein kann.

Das klingt düster, aber der 49-Jährige hält nichts von Optimismus, »denn das ist der Glaube daran, dass Dinge besser werden, egal was wir tun«. Er habe vielmehr die Hoffnung, dass jeder noch so kleine Schritt vorwärts »den Blick auf weiteres Terrain öffnet, das man auf dem Weg zu seinem Ziel durchqueren kann«.

rC3: Viele Gelegenheiten zum Scheitern

Natürlich ist ein Auftritt von Cory Doctorow beim CCC-Kongress ein »preaching to the choir« in Reinform. Er wird der Hacker-Community wenig sagen können, was sie nicht schon weiß. Aber eines von Doctorows Talenten ist es, die an sich ewig gleichen Konflikte der digitalen Welt in immer neuen, wuchtigen Metaphern zu erklären: Wo bleiben die Endnutzer, wenn der Staat die Kommunikation kontrolliert, das Silicon Valley die Hardware und Software und Rechteverwerter die Inhalte? Wem gehören unsere Computer wirklich? Und was kann man dagegen tun?

Der virtuelle Kongress, für den sich Hackerspaces in ganz Deutschland ein gemeinsames Programm ausgedacht haben, kann sich die erprobte physische Versammlung von 17.000 Nerds in den Leipziger Messehallen nicht zum Vorbild nehmen. Er dürfte auch kaum zum leuchtenden, oder besser: blinkenden Vorbild werden für alles, was im teil digitalisierten Deutschland möglich ist, wenn man nur wirklich will. An solchen Ansprüchen kann die Veranstaltung nur scheitern.

Die rC3 kann also nur ein Experiment in dezentraler, kollaborativer Community-Pflege sein, mit reichlich Gelegenheiten zum lehrreichen Zusammenbrechen und Ausfallen. So sahen die ersten Stunden am Sonntag aus: Die geplante Chatplattform lief noch gar nicht, die Streams von den Vorträgen – vom Gespräch mit dem Kryptografie-Experten Bruce Schneier  über tiefe Einblicke in die Technik hinter der Corona-Warn-App  bis zur Einführung in die rätselhaften Hieroglyphen auf der Rückseite aller Netzteile von Elektroartikeln  – liefen arg ruckelig, und unter »Infos« stand nur »Text noch unfertig. Techniker ist informiert!« Im Pandemiejahr ist Cory Doctorow mit seiner »Aufgeben-gilt-nicht«-Haltung deshalb vielleicht die perfekte Besetzung.