Sascha Lobo

Verschwörungstheorien Der Säbelzahntiger an der Elbe

Verschwörungstheorien im Netz haben eine neue Dimension erreicht. Sichtbar wird diese in einem absurden YouTube-Video über angebliche "Chemtrails".
Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen: Nebel in Hamburg

Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen: Nebel in Hamburg

Foto: imago/ Christian Ohde

Am Montag, den 12. März 2018 veröffentlicht ein junger Mann ein Video, offenbar ganz spontan an der nebligen Elbe aufgenommen. "Das kann mir keiner sagen, dass das normaler 'Nebel' sein soll.… Informiert euch über die Chemie, die hier in der Luft ist, informiert euch über die Chemtrails.… Warum ist zum Beispiel auf Mallorca ständig blauer Himmel und Sonnenschein? Weil dort die Eliten wohnen!" Er schließt mit dem Aufruf, bei Kondensstreifen am Himmel nur mit Atemmaske rauszugehen, mehr Beweise als dieses Nebel-Video könne er nicht liefern.

Der Mann ist Simon Unge , hat über zwei Millionen YouTube-Abonnenten und ebensoviele Twitter-Follower, die meisten dürften sehr jung sein. Das Video ist wahrscheinlich eine Mischung aus absurder Verschwörungstheorie, Hoax und PR-Stunt. Kurz zuvor war Unge als überzeugter Veganer ins Schussfeld geraten, weil er Massentierhaltung mit dem Holocaust verglich  - eine antisemitisch gefärbte Verharmlosung der Shoa. Unge hat nun vermutlich einen "Trump aufgestellt", einen Skandal mit einem scheinbar größeren, absurderen und daher lauteren Medienereignis überdeckt. Es gibt zwar eine Restchance, dass er an Chemtrails glaubt. Aber egal, ob ernst gemeint oder nicht, hat Unge eine neue, problematische Dimension der Verschwörungstheorie reproduziert: die schillernde, mehrdeutige Halbsatire .

Die Renaissance der Verschwörungstheorie

Dieses Netzphänomen ist eine direkte Folge der Wirkweise sozialer Medien. Denn so wird die Aufmerksamkeit maximiert: indem man dem Publikum ermöglicht, sich auszusuchen, ob es an die Verschwörung glauben möchte - oder eine Trollerei, einen Gag darin sieht. Beides führt zu weiterer Verbreitung. Diese vermeintlich unterhaltsame Ambivalenz hat aber einen ernsten, politischen Hintergrund, und der hängt zusammen mit der Renaissance der Verschwörungstheorie durch mächtige Männer wie Trump oder Erdogan.

Denn Verschwörungstheorien müssen neben der psychologischen und sozialen Dimension auch als Propagandainstrument begriffen werden, mit dem absichtsvoll politisch wirksame Stimmungen erzeugt werden. Vorgebliche Satire und eben auch Halbsatire werden dabei häufig angewendet. Verschwörungstheorien zum Beispiel, die Deutschland als "kurz vor dem völligen Zusammenbruch" darstellen, erzeugen die Illusion eines Macht- und Kontrollvakuums. Das geneigte Publikum ist dann eher zu einem grundsätzlichen Wechsel bereit und sogar zu undemokratischen Maßnahmen. Damit bloß wieder eine Ordnung hergestellt wird. Daher haben so viele Verschwörungstheorien einen rechtsautoritären Hintergrund: Sie erzeugen die Bereitschaft, ausgrenzende, autoritäre, aggressive Maßnahmen zu akzeptieren. Erst recht, wenn die Verschwörungstheorie auch Schuldige anbietet.

Durch soziale Medien haben Verschwörungstheorien einen Turbo zugeschaltet bekommen. Vieles, was in den letzten Jahren unter "Fake News" diskutiert wurde, muss als Mosaiksteinchen eines größeren Ganzen betrachtet werden, der Verschwörungstheorie. Die Wechselwirkungen zwischen Netz und Verschwörungstheorie sind nicht leicht zu erforschen, soziale Medien verändern sich und damit ihre Wirkung schnell. Trotzdem lassen sich jüngere wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem möglichen Erklärungsansatz verbinden, weshalb soziale Medien gegenwärtig so verschwörungsaffin sind.

Ein Weg, mit der komplexen Welt umzugehen

Ein im September 2017 veröffentlichtes Paper  der Freien Universität Amsterdam deutet darauf hin, dass Verschwörungstheorien im Kern wild gewordene (illusionäre) Mustererkennungen sind. Mustererkennung ist ein uraltes, evolutionäres Konzept, um Wahrnehmungen in einen sinnvollen Zusammenhang zu stellen.

Vereinfacht gesagt werden dabei verschiedene Reize - Knacken im Geäst, etwas Fell im Gebüsch, ein Raubtierschnaufen - im Gehirn zusammengesetzt zu einem Säbelzahntiger. Naheliegend, dass eine anhand von Kleinigkeiten funktionierende Mustererkennung das Überleben sicherte und eine übervorsichtige, eher zu Schnellschüssen neigende Musterkennung überlebensgünstiger war als eine zu laxe. Das weist darauf hin, dass Verschwörungstheoretiker eben nicht "irre" sind, jedenfalls nicht in der Regel. Bei ihnen funktioniert bloß ein evolutionärer Mechanismus der Reizverarbeitung etwas zu gut.

Schon länger ist aber bekannt,  dass "illusionäre Mustererkennung" umso wahrscheinlicher ist, je weniger Kontrolle man zu haben glaubt. Hier lässt sich eine direkte Linie zu sozialen und klassischen Medien ziehen: Der konstante, sensationalisierende Nachrichtenstrom, die ständige Konfrontation mit der geballten, zugespitzten Schlimmheit der Welt erzeugt das Gefühl des Kontrollverlustes. Es erscheint dann als natürliche Reaktion, sich verzweifelt um einen Sinn dahinter zu bemühen. Verschwörungstheorien sind ein Weg, mit der Komplexität der Welt umzugehen und mit der daraus resultierenden Ohnmacht. Leider ist dieser Weg instrumentalisierbar - Verschwörungstheorien als Machtinstrument. Mit YouTube als problematischer Weltzentrale, wie die Technosoziologin Zeynep Tufekci kürzlich ausführte .

In einem 2016 veröffentlichten Paper  der Universität Princeton findet sich auch eine Erklärung, weshalb einige Leute dafür anfälliger sind. Danach erhöht das Gefühl, ausgeschlossen oder einsam zu sein, die Chance, an Verschwörungstheorien zu glauben. Die Sinnsuche führt dann eben zu Angeboten, die schnell und einfach einen Sinn anbieten. Und womöglich sogar eine überraschende, so große und weltumspannende Erklärung, dass die Ausgeschlossenheit im Vergleich kleiner, erträglicher wirkt.

Verschwörung trifft Verschworenheit

Die eigene Ohnmacht stellt so keine Schande mehr dar und man trägt selbst keine Schuld. Ein Teufelskreis, denn offen geäußerte Verschwörungstheorien können zur weiteren Distanzierung des sozialen Umfelds führen, das Gefühl der Ausgeschlossenheit wird verstärkt. Auch hier sind soziale Medien hochwirksam: Sie schaffen rasch Verbindungen zwischen Ausgeschlossenen, die an Verschwörungstheorien glauben.

Es ergibt sich ein selbstverstärkendes soziales Umfeld, gleichgesinnte Ex-Ausgeschlossene, Verschwörung trifft Verschworenheit. Der Psychiater Jan Kalbitzer glaubt, dass dann der Weg zurück "doppelt blockiert ist: Ein Zurück bedeutet nicht nur die Rückkehr in einen als demütigend empfundenen Zustand, er fügt auch noch die zusätzliche Demütigung hinzu, eingestehen zu müssen, Verschwörungstheoretiker gewesen zu sein." Das erklärt, weshalb die Diskussion mit Verschwörungstheoretikern so schwierig ist, sie wird immer auch als Angriff auf das Selbstwertgefühl empfunden.

Simon Unge hat unterdessen auf Twitter angedeutet, dass alles bloß ein (schwer erkennbarer) Scherz sein könnte. Die Funktionsweise von Verschwörungstheorien würde aber sogar eine Auflösung durch Unge selbst kaum wirksam machen. Der öffentliche Widerruf wird von Verschwörungstheoretikern oft als Zwang durch "dunkle Mächte" interpretiert und verstärkt so die ursprüngliche Botschaft noch. Es fragt sich ohnehin, was die Auflösung eines "Streichs" von einem Mann wie Unge wert wäre, der vor ein paar Tagen glaubte, entdeckt zu haben, dass jedes Speiseöl Gift sei . "Ich hab mir ganz viele Studien dazu angeguckt, Videos, und dann ist es mir einfach klar geworden." Klar.