Netz-Kontrolle Wenn Chinas Zensoren Pause machen

Geregelte Arbeitszeiten bei Chinas Zensoren: US-Informatiker haben die chinesische Online-Zensur analysiert. Allein mit der Überwachung von Sina Weibo sind demnach Tausende Mitarbeiter beschäftigt. Die Daten zeigen auch, wann die Kontrolleure pausieren: zu den Abendnachrichten.

Weibo-Nutzerin in Peking: Zensoren sehen gerne Abendnachrichten
AFP

Weibo-Nutzerin in Peking: Zensoren sehen gerne Abendnachrichten


Hamburg/Peking - Tausenden Zensoren durchkämmen im Auftrag der chinesischen Machthaber das Twitter-Pendant Sina Weibo nach unerlaubten Inhalten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Wissenschaftlern der texanischen Rice University und weiteren Forschern (PDF).

Die Autoren der Studie haben analysiert, wie schnell nach Veröffentlichung wie viele Nachrichten bei Sina Weibo wieder verschwinden. Solche Eingriffe werten sie als Zensuraktivität. Aus der Menge der gelöschten Einträge ziehen sie Rückschlüsse auf die Menge der dazu wohl nötigen Netz-Reinigungskräfte. Zwar werde die meiste Arbeit durch automatische Filterlisten erledigt, oftmals werde jedoch die Überprüfung durch ein menschliches Auge erforderlich. Unterm Strich kamen die Wissenschaftler zur Erkenntnis, dass mindestens 4000 Zensoren damit beschäftigt seien, die Tweets der 500 Millionen Weibo-Nutzer zu überwachen.

Wenn die Hauptnachrichten laufen, sinkt die Löschquote

Darunter seien 3500 Weibo-Nutzer, die sich der besonderen Aufmerksamkeit der Zensoren erfreuten. In der Studie machten die Forscher auf die beeindruckende Effizienz der Überwachungskräfte aufmerksam. 90 Prozent der Löschungen erfolgten innerhalb von 24 Stunden nach Publikation. Originalbeiträge würden strenger als Retweets beaufsichtigt, hier erfolgten die meisten Löschungen bereits innerhalb von fünf bis 30 Minuten nach ihrem Erscheinen.

Die Zensurmannschaften sind allem Anschein nach 24 Stunden am Tag im Einsatz. Naturgemäß sinkt ihre Aktivität in den frühen Morgenstunden (nach Pekinger Zeit), wenn auch die meisten Regierungskritiker im Bett liegen. Hier verzeichnen die statistischen Auswertungen ein deutliches Absinken der Aktivitäten, die ab ungefähr 7 Uhr allerdings wieder zu Normalwerten zurückkehren. Es gibt allerdings noch einen weiteren Zeitpunkt, an dem die Zensoren etwas weniger löschen - jeden Abend gegen 19 Uhr Pekinger Zeit, wenn im Fernsehen die Hauptnachrichten laufen.

Die Verlaufskurve der gelöschten Beiträge weist zu dieser Zeit eine Delle auf. Vielleicht sind hier also die Chancen etwas größer, unbemerkt ein paar kritische Töne an der Zensur vorbeizuschmuggeln. Angesichts all dieser Zahlen stellt The Register eine simple Frage: Wieso blockiert das Filtersystem potentiell verdächtige Posts nicht bereits vor ihrem Erscheinen, was technisch ohne weiteres möglich wäre?

meu



insgesamt 2 Beiträge
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Abbuzze 07.03.2013
1.
---Zitat--- Angesichts all dieser Zahlen stellt "The Register" eine simple Frage: Wieso blockiert das Filtersystem potentiell verdächtige Posts nicht bereits vor ihrem Erscheinen, was technisch ohne weiteres möglich sei? ---Zitatende--- Weil solche System zumindest im deutschen und englischen vergleichsweise dämlich agieren, CaFETISCH (sehen wir hier mal von der Schreibweise ab) und mARSCHall und auch eine englische Gurke sind da schon mal anstößig oder ehrverletzend
thorstenb78 23.05.2013
2. Keine Betonköpfe
Trotz Negativschlagzeilen verhelfen u.a. Social-Media-Dienste zu mehr Meinungsfreiheit in China. Ein interessanter Artikel zum Thema: http://www.business-on.de/saarlorlux/meinungsfreiheit-experte-tobias-busch-china-will-keine-betonkopf-politik-_id16294.html
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