Chips for Children Implantate gegen die Angst

Der Kybernetiker Kevin Warwick ist Kult: Seit Jahren arbeitet er daran, die menschliche Evolution Richtung Cyborg, Mensch-Maschine, voranzutreiben. So richtig ernst nahm ihn kaum jemand - doch ein grausamer Doppelmord macht ihn und seine Chip-Implantate plötzlich zum gefragten Experten.

Kevin Warwick, 48, sieht sich selbst gerne als "führenden Propheten des Roboter-Zeitalters". Keine fünf Jahre ist es her, dass der Professor für Kybernetik an der Universität Reading weltweit auf sich aufmerksam machte, als er sich einen Siliziumchip in den linken Arm implantieren ließ. Per Computer sollte so festgestellt werden, wo im Uni-Gebäude sich Warwick aufhält. Für Warwick waren solche Selbstversuche erste Schritte hin zur Evolution zum Cyborg, zur Mensch-Maschine - für Warwick der einzig logische nächste Schritt.

Denn erst in der Kombination von Fleisch und digitaler Technik ließe sich höhere Perfektion denken. Warwick ging es dabei nie darum, Funktionen des menschlichen Körpers zu ersetzen: Implantate, Prothesen und sonstige Lebenshilfen zählen für ihn darum nicht. Cyborg werde Mensch erst dadurch, dass er durch Verschmelzung mit Maschinenbestandteilen seine Fähigkeiten verbessere oder neue hinzu gewinne. Der Chip in seinem Arm etwa hat es für Warwick überflüssig gemacht, die Knöpfe der elektrisch betriebenen Schiebetüren in seinem Institut drücken zu müssen: Sie gleiten vor ihm auf - Enterprise lässt grüßen.

Warwick haben solche publikumswirksamen Publicity-Stunts zum (Pop-) Star gemacht - und sie haben ihn in der wissenschaftlichen Gemeinde zunehmend isoliert. Und weil "digitale" Themen mit Abebben der Dotcom-Euphorie viel von ihrem Sex-Appeal verloren, war es in den letzten Jahren ruhig geworden um den realitätsfeindlichen Doktor. Die grausame Ermordung der zwei Schülerinnen Jessica Chapman (10) und Holly Wells in England lässt ihn nun wieder auf der Bildfläche erscheinen - als gefragten Experten.

Mindestens sechs Elternpaare, so Warwick, hätten sich bei ihm nach der Entführung und Ermordung der beiden 10-jährigen Mädchen gemeldet und sich für seine Chip-Implantate interessiert. Denn Warwick hat entdeckt, dass sich die noch für ganz andere Dinge nutzen lassen, als nur Türen zu öffnen: Ein Mobilfunknetz solle die Signale der Chips übertragen und dieses mit dem "Global positioning system" (GPS) verbinden. Der unter die Haut eines Kindes eingesetzte Mikrochip solle so den Eltern stets mitteilen können, wo sich der Sohn oder die Tochter aufhalte. Kinder, weltweit ortbar: Umgehend entbrannte die Diskussion um Sinn und Unsinn solcher Ansätze.

Warwick selbst nahm die stärkste Kritik vieler Kriminal-Experten vorweg: Der Chip, so Warwick, könne Kindesentführungen natürlich nicht verhindern, jedoch Eltern und Polizei sehr gute Chancen geben, ein entführtes Kind noch lebend zu finden.

Genau das aber bezweifeln Verbrechens-Experten. Abschreckend könne der Chip allenfalls dann wirken, wenn äußerlich sichtbar sei, dass das Kind einen solchen trage. Ansonsten könnte die Technologie sogar gegenteilige Effekte zeitigen: Im ungünstigsten Falle erhöhe die sofortige Ortbarkeit den Druck auf einen potenziellen Entführer so sehr, dass dies sich sogar negativ für das entführte Kind auswirken könne.

Der Nutzen von Kinder-Ortungssystemen zur Verhinderung von Gewaltverbrechen ist nach Meinung von Experten dagegen sehr begrenzt. Auf den Punkt brachte dies der deutsche Kriminologe Peter Wetzels in einem SPIEGEL-Interview: "Der Chip führt vielleicht dazu, dass man das getötete Kind schneller findet, aber nicht dazu, dass es überlebt".

Bedenken meldeten sofort auch Datenschützer an: Warwicks Szenario einer Welt völlig kontrollierter Kinder gemahnt sie zu sehr an orwellsche Visionen.

Warwick selbst trägt dazu bei. Schon denkt er laut und öffentlich darüber nach, in Zukunft auch älteren, verwirrten Menschen, die keinen Orientierungssinn mehr haben, ein paar Chips ins Fleisch drücken. Kostengünstig sei das auch noch: Die Implantation der zwei bis drei Zentimeter langen Chips soll 30 US-Dollar kosten.

Doch so schnell Warwick nach dem Doppelmord von Cambridge mit seinen Vorschlägen dabei war, so lang werden die interessierten Eltern auf die Chip-Implantate für ihre Kinder warten müssen. Technik-Experten merken zu Recht an, dass Warwicks Konzept auf absehbare Zeit reine Science Fiction bliebe: Seinen mit GPS- und Mobilfunk-Kapazitäten bewaffneten Mikrochips ginge in der Praxis schlicht und schnell der Saft aus. Der neuerliche Wirbel um Warwick entpuppt sich also anscheinend einmal mehr als geschickte Publicity - aber darauf kommt es letztlich gar nicht an.

Denn erstmals hätten - Machbarkeit vorausgesetzt - Warwicks Visionen tatsächlich Chancen, Realität zu werden: Stärker als die Furcht vor einer zunehmend überwachten Welt ist - im Eindruck des grausamen Doppelmordes von Cambridge - die Angst vor einer immer grausameren, für Kinder gefährlicheren Welt.

Diktatur der Angst

Schon einmal hatte der Mord an einem Kind einen ganz ähnlichen Trend eingeleitet: 1993 entführten zwei zehnjährige Jungen den zweijährigen James Bulger aus einem Liverpooler Einkaufszentrum, um ihn auf einem nahe gelegenen Bahngelände zu Tode zu foltern. Die Täter wurden gefasst, weil die Entführung des Kleinen zufällig von einer automatischen Überwachungskamera festgehalten worden war. Der Fall Bulger bereitete den Grund dafür, Großbritannien zum heute weltweit bestüberwachten Land der Erde zu machen: Nirgendwo gibt es mehr Überwachungskameras als hier. Dass Statistiken zeigen, dass sich dadurch das Verbrechen allenfalls örtlich verlagert hat, kann die Befürworter der Überwachungssysteme nicht irritieren: Ein breiter öffentlicher Konsens stützt sie zudem.

Entsprechend leicht fällt britischen Eltern nun anscheinend der Schritt hin zur Vollüberwachung der Kindheit. Paul und Wendy Duval wollen, dass ihre elfjährige Tochter Danielle einen von Warwicks schnell als "Anti-Kidnap-Chip" neu benannten Funkchips implantiert bekommt. Das Einverständnis der Tochter Danielle habe man natürlich eingeholt. Die findet das alles offenbar richtig cool: "Ich bin sehr froh, so einen Chip zu bekommen".

Wirklich neu ist das alles nicht. Der Wunsch von Eltern, den Aufenthaltsort ihrer Kinder permanent zu kennen, ist nicht nur ein britisches Phänomen. Auch in den USA und Deutschland wurden entsprechende Überlegungen angestellt. Ebenfalls als Reaktion auf Kindesmorde und Entführungen, haben in der Vergangenheit immer mehr besorgte Eltern in den USA ihre Kinder mit "Warnarmbändern" ausgerüstet, die GPS-unterstützt funktionieren. Gegen eine Monatsgebühr von 25 US-Dollar können die Kinder so per PC und Satellit geortet werden - ein Service, wie er unter anderem auch für Autos angeboten wird.

In Deutschland fanden die Bemühungen um mehr GPS-gestützte Sicherheit für Kinder im Sommer letzten Jahres ein jähes Ende. Siemens Information and Communication Mobile arbeiteten 18 Monate daran, einen GPS-gestützten Sender auf den Markt zu bringen, der Eltern die Möglichkeit geben sollte, ihre Kinder ausfindig zu machen. Das Vorhaben scheiterte, als Siemens dem Projekt "Mobile Family Services" den Geldhahn abdrehte. Über die Gesellschaft in Deutschland sagt das letztlich etwas positives: Das britische Beispiel zeigt, dass es zur Durchsetzung solcher Technologien nur eines einzigen Faktors bedarf - Angst.

Mathias Sauermann, Frank Patalong

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