Clearview AI Gesichtserkennungsfirma will bei der Überwachung von Mitarbeitern helfen

Das auf Gesichtserkennung spezialisierte New Yorker Start-up-Unternehmen Clearview mag offenbar nicht mehr nur mit der Polizei zusammenarbeiten. Es setzt darauf, dass Überwachungswerkzeuge auch Firmen interessieren dürften.
Gesichtserkennung (Symbolbild): Sicherstellen, dass »fast jeder Mensch identifizierbar sein wird«

Gesichtserkennung (Symbolbild): Sicherstellen, dass »fast jeder Mensch identifizierbar sein wird«

Foto: obs/ Dermalog Identification System

Eine »Plattform für Strafverfolger« soll die Datenbank der umstrittenen New Yorker Gesichtserkennungsfirma Clearview AI sein, so steht es bis heute auf deren Website. Doch das reicht dem Unternehmen offenbar nicht mehr.

Die »Washington Post« zitiert aus einem 55-seitigen Investoren-Prospekt , in dem Clearview zwei Dinge in Aussicht stellt: Erstens soll die Zahl der Gesichtsfotos in Clearviews Datenbank von derzeit 10 Milliarden auf 100 Milliarden steigen, und zwar innerhalb eines Jahres. Zweitens soll die Gesichtserkennungssoftware nicht mehr nur von Polizeibehörden eingesetzt werden, sondern zum Beispiel auch zur Überwachung von Angestellten der sogenannten Gig Economy – also von Menschen, die vorübergehend für kleinere Aufträge beschäftigt werden und oftmals ohnehin schon schlechter gestellt sind als regulär Angestellte.

Das Start-up hat seine umfassende Biometriedatenbank aufgebaut, indem es ungefragt Bilder von öffentlich zugänglichen Social-Media-Profilen, Firmenwebsites und anderen Internetseiten kopiert hat – trotz entsprechender Beschwerden mehrere Betreiber. Ermittlungsbehörden können, wenn sie einen Zugang zu Clearviews Daten haben, eigene Fotos von Verdächtigen hochladen und bekommen dann angezeigt, ob es biometrische Übereinstimmungen gibt. In dem Fall nennt ihnen die Software auch gleich den Fundort der jeweiligen Bilder, zum Beispiel ein Facebook-Profil.

Aus der Datenbank von Clearview wieder herauszukommen, ist schwierig. Eine vollständige Löschung aller Daten bestätigt die Firma selbst auf ausdrücklichen Wunsch nicht. (Lesen Sie hier mehr zu einem entsprechenden Selbstversuch.) Die Folge: Klagen in mindestens fünf US-Bundesstaaten sowie Untersuchungen unter anderem in Kanada, Schweden und Großbritannien. Auch Bürgerrechtler aus mehreren europäischen Staaten beschäftigen sich mit Clearviews Geschäftsmodell.

In der Präsentation vom Dezember heißt es, Clearview wolle mit dem weiteren Ausbau sicherstellen, dass »fast jeder Mensch identifizierbar sein wird«. Man wolle zudem neue Produkte entwickeln, den internationalen Vertrieb stärken und mehr Geld für Lobbyarbeit ausgeben, um die Verabschiedung vorteilhafter Gesetze voranzutreiben. Dafür würde zusätzliches Kapital in Höhe von 50 Millionen Dollar ausreichen. Clearview hatte zuletzt im Juli 30 Millionen Dollar eingesammelt.

Banken, Einzelhandel und E-Commerce als potenzielle Märkte

Dass sich Unternehmen wie Microsoft, IBM und Google aus dem Markt zurückgezogen oder ihn gar nicht erst bedient haben, sei eine Chance für Clearview, heißt es in dem Dokument. Wie realistisch die Angaben in dem Prospekt sind, ist laut »Washington Post« unklar.

Eine Clearview-App für Privatpersonen soll es allerdings nicht geben, teilte die Firma mit. Ob man seine Dienste an kommerzielle Interessenten verkaufen werde, sei ebenfalls »noch nicht entschieden«. In der Präsentation allerdings werden als potenzielle Märkte Banken, Einzelhandel und E-Commerce genannt. Dabei hatte Clearview noch 2020 behauptet, es werde nicht mehr mit dem privaten Sektor zusammenarbeiten – damals hatte »BuzzFeed News« herausgefunden, dass diverse Unternehmen kostenlose Testaccounts angeboten bekommen hatten. Gründer Hon Ton-That sagte der »Washington Post« dazu: »Unsere Prinzipien spiegeln die aktuelle Nutzung unserer Technologie wider. Wenn die Nutzung sich ändert, werden unsere Prinzipien angepasst, wie es nötig ist.«

pbe