Clearview AI und AnyVision Gesichtserkennungsfirmen sammeln Millionen Dollar ein

30 Millionen Dollar für das umstrittene Start-up Clearview AI, 235 Millionen für AnyVision: Obwohl die USA und die EU Gesetze gegen Gesichtserkennung entwerfen, glauben Investoren an eine lukrative Zukunft der Technik.
Gesichtserkennung: »Hier, um zu bleiben«

Gesichtserkennung: »Hier, um zu bleiben«

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John Lund / Getty Images

Schlechte Presse muss nicht schlecht fürs Geschäft sein. Zwei auf Gesichtserkennung spezialisierte Unternehmen stellen dies zurzeit unter Beweis: Das New Yorker Start-up Clearview AI hat in seiner jüngsten Finanzierungsrunde 30 Millionen Dollar eingesammelt, AnyVision aus Israel sogar 235 Millionen Dollar.

Besonders Clearview hatte mit seinem Geschäftsmodell für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Die Firma hat nach eigenen Angaben eine mehr als drei Milliarden Gesichtsfotos umfassende Biometrie-Datenbank aufgebaut, indem sie ungefragt Bilder von öffentlich zugänglichen Social-Media-Profilen, Firmenwebsites und anderen Internetseiten kopiert hat.

Folge: Gegen die Firma laufen zurzeit mehrere Klagen, Beschwerden und Untersuchungen, entsprechend groß ist die mediale Aufmerksamkeit. Gerichte in den USA, Behörden in Kanada, Großbritannien, Australien  und Deutschland sowie Bürgerrechtler aus mehreren europäischen Staaten beschäftigen sich mit Clearviews Geschäftsmodell.

Mehr als 1800 US-Behörden waren oder sind Kunden

Ausgerechnet staatliche Stellen sind der beabsichtigte Kundenkreis. Behörden können Clearviews Datenbank gegen eigene Bilder – etwa Fahndungsfotos – abgleichen, wenn sie dafür bezahlen. Bei einer hinreichend wahrscheinlichen Übereinstimmung zeigt das Unternehmen an, wo im Netz es welche weiteren Bilder der gesuchten Person gefunden hat. Mehr als 1800 US-Behörden  waren oder sind Clearview-Kunden oder -Tester, darunter Grenzbehörden, das FBI und der Secret Service, wie ein Bericht für den Kongress  zuletzt zeigte. Rechtlich problematisch daran ist, dass Clearview die in vielen Jurisdiktionen notwendige Einwilligung der Betroffenen, deren Fotos in der Datenbank gelandet sind, nicht eingeholt hat und von den meisten wohl auch niemals bekäme.

Abgeordnete beider Parteien im US-Kongress unterstützen einen Gesetzentwurf , der Behörden untersagen würde, Geschäfte mit Clearview AI zu machen. In Europa geht der Entwurf der EU-Kommission zum künftigen Umgang mit künstlicher Intelligenz nicht ganz so weit: Gesichtserkennung wie die von Clearview bliebe unter Umständen erlaubt. Aber der Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres (LIBE) des EU-Parlaments hat Ende Juni in einer Resolution explizit  ein Verbot für europäische Polizeibehörden gefordert, die Dienste der Firma zu nutzen. Mitte September wird das Plenum über diese Resolution abstimmen.

Wer Clearview nun 30 Millionen Dollar gegeben und die Bewertung des Start-ups damit auf 130 Millionen Dollar gehoben hat, ist unbekannt. Firmengründer Hoan Ton-That sagte der »New York Times«  aber, es habe in den »juristischen Schlachten« zuletzt positive Nachrichten gegeben und Clearview sei »hier, um zu bleiben«. Schließlich hätten auch AirBnB, Uber und PayPal mit rechtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, aber »die Menschen vergessen das, sobald eine Firma viel größer geworden ist. Investoren sehen, dass so etwas einfach zum Geschäft gehört.«

AnyVision wiederum geriet im Oktober 2019 in die Schlagzeilen, als NBC News der Firma vorwarf , ihre Gesichtserkennungs-Technologie sei die Grundlage eines »geheimen militärischen Überwachungsprojekts im ganzen Westjordanland« und gegen die dort lebenden Palästinenser gerichtet. Der Sender berief sich auf fünf anonyme Quellen, »die mit der Angelegenheit vertraut sind«, und verwies zudem darauf, dass Microsoft zu den Investoren gehörte.

SoftBank: Der Markt hat »großes Potenzial in der westlichen Welt«

Der Softwarekonzern aus Redmond ließ AnyVision daraufhin vom ehemaligen US-Justizminister Eric Holder überprüfen. Holder kam zu dem Schluss, dass »AnyVisions Technologie kein Massenüberwachungsprogramm im Westjordanland angetrieben hat oder antreibt«. Auch die Firma selbst dementierte die Vorwürfe stets scharf. Dennoch trennte sich Microsoft im Mai 2020 von seinen AnyVision-Anteilen und beschloss , gar keine derartige Technik mehr zu finanzieren.

Anfang Juli hatte das Non-Profit-Medium »The Markup« Details aus einem Test von AnyVisions Technik in einen texanischen Schulbezirk  veröffentlicht. Tausende Schülerinnen und Schüler seien von Gesichtserkennungs-Kameras erfasst worden, ein Kind wurde binnen einer Woche 1100 Mal erkannt. Gedacht ist die Technik in erster Linie zum automatischen Abgleich mit Listen bestimmter Personen, beispielsweise bekannten oder mutmaßlichen Ladendieben, Drogendealern oder Sexualstraftätern. Doch analysiert, gruppiert und gespeichert werden standardmäßig alle erfassten Gesichter, schrieb »The Markup«.

Die neue Finanzierungsrunde für AnyVision wurde unter anderem vom japanischen Konzern SoftBank angeführt. Zu den früheren Investoren gehört auch die deutsche Bosch-Gruppe . Wie viel AnyVision nun wert ist, gab das Unternehmen nicht bekannt. »TechCrunch« zitierte SoftBank  mit der Aussage, der Markt für Erkennungssoftware sei erst »im Entstehen begriffen, hat aber großes Potenzial in der westlichen Welt«.

pbe
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