Clearviews umstrittene Gesichtserkennungs-Software Banken, Schulen und europäische Behörden stehen auf Kundenliste

Mehr als 2900 Behörden, Firmen und sogar Bildungseinrichtungen haben die fragwürdige Gesichtserkennungs-Software von Clearview gekauft oder getestet. Auch europäische Polizeien sind laut einem Medienbericht Kunden.
Gesichtserkennung in der Praxis, bei einem anderen Projekt: So sah die Software zum Pilotprojekt am Berliner Bahnhof Südkreuz aus

Gesichtserkennung in der Praxis, bei einem anderen Projekt: So sah die Software zum Pilotprojekt am Berliner Bahnhof Südkreuz aus

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Erst am Mittwoch hatte "The Daily Beast" berichtet, Clearview AI sei seine komplette Kundenliste gestohlen worden. Einen Tag später zitierte dann "BuzzFeed News"  ausführlich aus genau einer solchen Liste - und macht so zahlreiche neue Details zum umstrittenen Gesichtserkennungs-Start-up bekannt.

Nicht nur ist die Zahl der Kunden und Tester viel größer, als ursprünglich von der "New York Times" berichtet. Die Zeitung hatte von 600 Kunden geschrieben, darunter "wenigstens eine Handvoll Unternehmen" und ansonsten vor allem Strafverfolgungsbehörden in den USA von der Bundes- bis zur County-Ebene. Laut "BuzzFeed News" sind es jedoch mehr als 2900 Kunden und Tester.

Vor allem aber haben demnach mindestens zwei Schulen, Dutzende US-Universitäten beziehungsweise deren Campus-Sicherheitsdienste und mehr als 200 Unternehmen Lizenzen von Clearview gekauft oder die Software kostenlos ausprobiert. Unter diesen Firmen sind dem Bericht zufolge Banken wie Wells Fargo und die Bank of America, Supermarktketten wie Walmart, Apotheken-Ketten, Casinos in Las Vegas, die National Basketball Association (NBA), Privatdetekteien sowie Coinbase, eine Handelsplattform für Kryptowährungen wie Bitcoin.

Auch in Europa auf Interesse gestoßen

Ein Coinbase-Sprecher teilte "BuzzFeed News" mit, die Gesichtserkennung sei nicht mit Nutzerdaten verwendet worden. Vielmehr habe man getestet, ob der Dienst den Schutz von Angestellten und Büros gegen physische Bedrohungen verbessern und bei der Untersuchung von Betrugsverdachtsfällen helfen könnte. Viele andere Kunden, die konfrontiert wurden, gaben an, dass Angestellte die Gesichtserkennung ohne Wissen der Firma ausprobiert haben.

Neben zahlreichen US-Behörden gehören offenbar auch Strafverfolgungs- und andere Behörden außerhalb der USA bereits zu den Klienten. Auf der Liste stehen demnach Behörden unter anderem in Belgien, Frankreich, Irland, Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden und der Schweiz, aber auch Einrichtungen in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Außerdem hat "Gizmodo"  eine Version der Clearview-App auf einem ungesicherten Amazon-Server entdeckt und konnte sie auf einem Android-Smartphone installieren. Zwar lässt sie sich ohne Zugangsdaten nicht verwenden, aber ein Blick in den Code und damit auf Funktionen, die offenbar noch weiterentwickelt werden, war den Journalisten möglich. Als sie versuchten, einen Screenshot von der App-Oberfläche zu machen, erschien eine Warnung: "Screenshots dürfen nicht verbreitet werden. Geleakte Screenshots führen dazu, dass wir Ihren Account sperren".

Drei Milliarden Fotos soll die Gesichtsdatenbank des New Yorker Start-ups enthalten – per Scraping kopiert von "Millionen" Websites und aus sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram. Wer wissen will, ob er selbst in der Datenbank von Clearview gelandet ist, kann die Information über Formulare auf der Website der Firma  verlangen. Dazu muss er sich aber auch identifizieren und ein Foto von sich hochladen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels tauchte in der Aufzählung der Länder, aus denen Behörden Kontakt zu Clearview hatten, auch Österreich auf. Österreich kommt im "Buzzfeed"-Artikel jedoch nicht vor, wir haben die Passage korrigiert.

pbe