Cloud Computing Deutschland weitgehend wolkenlos

Cloud Computing war einer der heißesten IT-Modebegriffe der letzten zwei Jahre. Rechnerkapazitäten, Programme und Speicherplatz zu mieten statt zu kaufen gilt als Zukunftsgeschäft. Nicht jedoch in Deutschland: Im Land der Daten-Abdichter und Bremser überwiegt die Scheu vor Neuem.

Hamburg - Cloud Computing ist in Deutschland noch nicht angekommen. Gewiss, in der Theorie wurde das Schlagwort im vergangenen Jahr arg strapaziert: Kaum war von Cloud Computing die Rede, witterten Marktforscher einen neuen Trend, IT-Anbieter ein neues Geschäftsfeld, und Unternehmen einen neuen Weg, Geld zu sparen.

Doch die Realität in hiesigen Unternehmen sieht anders aus. Der Großteil von ihnen hat sich noch nicht mit Cloud Computing beschäftigt, wie eine Studie der Marktforscher von IDC ergab. Erst ein Viertel der rund 800 befragten Unternehmen hat demnach schon über die Nutzung der Datenwolke nachgedacht.

Ein Grund für die geringe Auseinandersetzung mit dem Thema ist die unklare Definition. "Viele Anwender können sich unter dem Begriff überhaupt nichts vorstellen", sagt Matthias Kraus, IDC-Analyst und Verfasser der Studie. Eine allgemein gültige Definition von Cloud Computing gibt es nicht, verschiedene Anbieter legen den Begriff unterschiedlich aus.

Worauf sich fast alle einigen können: Als Cloud Computing bezeichnet man die Möglichkeit, Speicherkapazitäten, Rechenleistung und Software über das Internet zu mieten. Der Nutzer zahlt je nach Funktionsumfang, Nutzungsdauer und Anzahl der Nutzer. Unternehmen lagern dadurch IT-Kapazitäten ins Netz aus, genauso wie sie ihre Produktion an externe Anbieter outsourcen. Dadurch müssen sie weniger investieren und können sich der Geschäftslage schneller anpassen, weil sich etwa Lastspitzen leichter abfedern lassen.

Doch gerade mittelständische Unternehmen wollen nicht, dass ihre sensiblen Firmendaten in den Weiten des Internets verschwinden. "Viele Mittelständler haben sich bewusst gegen Cloud Computing entschieden", so Kraus. Die verbreitete Ansicht, dass das Mieten von IT-Kapazitäten gerade für sie eine Alternative für den Bezug von IT darstellt, könne deshalb nicht bestätigt werden.

Wo bleiben die sensiblen Unternehmensdaten?

Auch für große Unternehmen sind Sicherheitsbedenken der wichtigste Hemmfaktor, der gegen die Nutzung der Datenwolke spricht. "Die Sicherheit und die mögliche Verletzung gesetzlicher Richtlinien sind die Hauptgründe, warum Cloud Computing noch keine Verbreitung gefunden hat", sagt Kraus. HP-Deutschland-Chef Volker Smid bestätigt dies im Gespräch mit manager-magazin.de.

"Ich weiß nicht mehr, wo meine Daten liegen, gespeichert werden und wer eventuell darauf zugreifen kann." Deshalb spielten hier die Anforderungen an die IT-Governance und die Sicherstellung der Compliance eine besondere Rolle, so Smid.

Ein weiterer Grund, warum sich Unternehmen gegen Cloud Computing entscheiden, ist der fehlende Einsatz in der Praxis: 89 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass Cloud Computing die Praxistauglichkeit erst noch bestehen muss, und 85 Prozent wünschen sich eine bessere Integration mit bestehenden Systemen. Zudem wollen die Anwender trotz der Standardisierung von Abläufen, die mit Cloud Computing einhergeht, individuell betreut werden: Für 67 Prozent der Unternehmen spielen persönliche Ansprechpartner eine wichtige Rolle.

Was aus der Wolke besonders gern genutzt wird

Firmenlenker und IT-Verantwortliche, die sich für Cloud Computing entscheiden, nutzen am häufigsten Mietsoftware (Software as a Service): Geschäftsanwendungen werden von den Befragten als beliebteste Dienstleistungen aus der Wolke (42 Prozent) angegeben. Dazu zählen laut IDC-Analyst Kraus Programme zum Managen der Kundenbeziehungen (CRM), Anwendungen zur Ressourcenplanung (ERP) sowie geschäftsanalytische Business-Intelligence-Programme. Auf Platz zwei der beliebtesten Cloud Services folgen Rechnerkapazitäten auf externen Servern (37 Prozent). E-Mail-Anwendungen landen auf dem dritten Rang (30 Prozent).

Die vielfältigen Möglichkeiten, Cloud Computing zu nutzen, stimmen Anwender wie Anbieter trotz der Sicherheitsbedenken vieler Kunden optimistisch. HP-Deutschland-Chef Smid etwa glaubt daran, dass Cloud Computing ein Trend der IT-Branche ist. "Ich gehe davon aus, dass es in einigen Jahren Unternehmen und Privatanwendern im Prinzip egal sein dürfte, woher die Services kommen und wie sie abgearbeitet werden." Cloud-Anwendungen müssten sich aber erst noch entwickeln.

Darin stimmt Smid mit der Mehrzahl der von IDC befragten Unternehmen überein: 45 Prozent von ihnen gehen davon aus, dass sich Cloud Computing in den kommenden zwei bis fünf Jahren etablieren wird - wenn auch nur als Ergänzung zur herkömmlichen IT-Beschaffung. "Reines Cloud Computing wird sich in Unternehmen nicht etablieren", so Kraus.