Cloud Computing Microsofts blaue Wolke hebt ab

Die Testphase läuft seit einem Jahr, der Regelbetrieb soll im Januar beginnen: Mit Windows Azure will der Software-Konzern Microsoft groß ins Cloud Computing einstiegen und Konkurrenten wie Amazon und Google in die Parade fahren.

Windows Azure: Microsofts Cloud Computing soll Online-Anbieter flexibler machen
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Windows Azure: Microsofts Cloud Computing soll Online-Anbieter flexibler machen


Für Entwickler stehe das Windows Azure genannte System ab sofort bereit, bis Februar 2010 sei die Plattform noch kostenlos nutzbar, erklärte Microsofts Chefentwickler Ray Ozzie zum Auftakt einer Entwicklerkonferenz in Los Angeles. "Wir befinden uns noch ganz am Anfang", erklärte er und fügte hinzu: "Da gibt es noch riesiges Potential."

Dass man sich beim größten Software-Hersteller der Welt mit großen Aufwand darauf vorbereitet, künftig das Internet als wichtige Einnahmequelle auszunutzen, zeigten schon Microsofts Aktivitäten der letzten Monate. Kurz nacheinander nahm der Konzern zuerst ein neues Rechenzentrum in Dublin und eines in Chicago in Betrieb. Beide Anlagen ähneln von ihrem Aufbau her offenbar Rechneranlagen, wie Google sie verwendet: Statt die Computer in herkömmlichen Rechnerschränken unterzubringen, werden sie in Containern mit eigener Klimatisierung ins Rechenzentrum gestellt. So lassen sich gewöhnliche Lagerhallen zu Großrechenanlagen umfunktionieren und bei steigendem Bedarf flexibel erweitern.

Und Flexibilität ist es auch, was Microsoft seinen Kunden mit Windows Azure verkaufen will. Die sollen mit dem System Rechenleistung und Speicherplatz ganz nach Bedarf aus Microsofts Rechner-Pool abrufen können, ohne eigene, teure Hardware bereithalten zu müssen.

Abkehr vom eigenen Rechenzentrum

Als Beispiel nannte Ozzie, der als neuer Chief Software Architect einer der Nachfolger von Bill Gates ist, dass Betreiber von populären Web-Seiten an bestimmten Tagen im Jahr mit einem besonders großen Besucheransturm auf ihre Web-Angebote konfrontiert werden. In den USA ist das unter anderen der sogenannte Black Friday, der jeweils am Freitag nach dem US-Erntedankfest ("Thanksgiving") zelebriert wird. An diesem Tag locken On- und Offline-Händler Kunden mit vielen Sonderangeboten in Läden und Webshops.

Künftig sollen sich solche Anbieter bei Microsofts Windows Azure bedienen können, um die benötigte Rechenleistung an solchen Tagen ganz nach Bedarf abzurufen. Der Vorteil für die Nutzer solcher Dienste: Sie müssen die Rechenleistung nur dann bezahlen, wenn sie sie auch wirklich brauchen. Die Notwendigkeit, ein eigenes Rechenzentrum zu betreiben, das angesichts möglicher Höchstbelastungen für den Regelbetrieb überdimensioniert wäre, entfällt dabei.

Microsoft kommt spät, aber bestimmt

Damit das neue Angebot für eine möglichst große Zahl unterschiedlicher, vor allem auch mobiler, Anwendungen genutzt werden kann, bietet der Windows-Konzern neben eigenen Techniken unter Azure auch offene Web-Standards wie PHP, MySQL und Apache an. Um zu demonstrieren, dass das auch wirklich funktioniert, überließ Ray Ozzie das Podium kurz Matt Mullenweg, dem Mitgründer des Blogsoftware-Dienstes WordPress, welcher zeigte, wie man das WordPress-System unter Azure nutzen kann.

Microsofts Einstieg ins Cloud Computing kommt mit Windows Azure reichlich spät. Unternehmen wie Google, Amazon oder Salesforce sind bereits seit langem mit zumindest ähnlichen Techniken am Markt vertreten. Das Windows-Unternehmen hielt bisher weiter daran fest, vor allem mit dem Verkauf von Betriebssysteme und Bürosoftware Umsätze zu generieren. Die Einführung eines kostenpflichtigen Cloud-Computing-Angebots ist Teil der Umorientierung des Unternehmens, weg vom reinen Software-Anbieter und hin zum Internetdienstleister.

Ob dieser Umstieg erfolgreich sein wird, ist noch offen. Allerdings hat Microsoft es schon einmal geschafft, sich mit Hilfe seiner Dominanz auf dem Betriebssystemmarkt ein Software-Segment zu erobern, das der Konzern lange verschlafen hatte: mit dem Internet Explorer.

mak



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