Community-Netz Die Zeit der Kopfjäger

Das soziale Internet, von dem die Netzgemeinde im Augenblick schwärmt, lebt von den Investitionen seiner Nutzer. Der Kampf der Profis, die Geld verdienen wollen, um die besten Köpfe hat jedoch bereits begonnen. Das Netz der zweiten Generation verliert seine Unschuld.

Es ist eine einfache Rechnung. Wer viel Zeit hat, weil er zum Beispiel arbeitslos ist, oder sehr reich, Schüler oder ein nicht allzu eiliger Student, der kann auch viel zur Unterhaltung Anderer tun. Bloggen zum Beispiel. Oder Filme drehen, in denen er selbst mit einem Freund Pingpongbälle akrobatisch in Plastikbecher bugsiert . Oder drei Stunden am Tag im Netz surfen und am Ende dann die originellsten Funde auf einer sogenannten Social-Bookmarking-Seite weiterempfehlen.

Alles, was diese Menschen mit viel Zeit (oder wenig Privatleben) tun, ist das sogenannte Web 2.0, das soziale Internet der Gegenwart. Es soll die labbrige alte Hülle der geplatzten Dotcom-Blase abschütteln und eine neue, demokratische Weltweit-Gesellschaft  schaffen, in der, so hoffen viele, auch noch richtig Geld verdient wird. Venture Capital wird im Moment mit Vorliebe in Unternehmensgründungen  gesteckt, in deren Businessplan irgendwas mit social oder community steht und die "Qunu" oder "Zixxo" heißen. MySpace und andere Community-Seiten sollen bis 2010 nach neuesten Schätzungen 1,8 Milliarden Dollar im Jahr mit Werbung verdienen. Alle starren auf solche Zahlen und wollen auch mit, unbedingt.

Während viele noch die Gewalt des selbst-ermächtigten Publikums beschwören , sind die Satiriker da draußen längst am Werk. Man kann sich ein Web-2.0-Unternehmen per Zufall erstellen lassen  - samt Geschäftsmodell - oder in einem Quiz  testen, ob man die oft hirnrissigen Markennamen von denen bekannter Star-Wars-Figuren unterscheiden kann. Ein lustiger Wikipedia-Song  fragt, ob man ohne Community-Relevanz überhaupt noch existiert. Die Witz- Seite "Wankr"  empfiehlt hoffnungsvollen Investoren, "die bereit sind, Geld nach jeder Webseite zu werfen, die die Worte 'kollaborativ', 'sozial', 'tagging' oder 'AJAX' enthält", sich doch bitte zu melden, mit der Betreffzeile "ich habe mehr Geld als Verstand".

"Ohne Umsatz hast Du ein Hobby, kein Geschäftsmodell"

Ein Blog mit dem Namen Dead2.0 sammelt Bizarres aus dem neuen Netz und gibt dem Business-Nachwuchs skeptische Ratschläge , darunter Offensichtliches aber in diesem Umfeld durchaus nicht Selbstverständliches wie "Lege Dir ein Verdienstmodell zu, sofort": "Umsatz zählt, und wenn Du noch nicht darüber nachdenkst, hast Du ein Hobby, kein Geschäftsmodell."

Der Mann hat Recht. Der neue Schwung im Web wird sich auf Dauer nur aufrechterhalten lassen, wenn irgendwann auch jemand daran verdient - denn all die Schüler, Studenten und arbeitslosen Softwareentwickler haben irgendwann vielleicht keine Zeit mehr. Weil sie Geld verdienen müssen. Dieses Problem steht für ein allgemeineres: Eine ganze Generation, die erste nämlich, die wirklich mit dem Web großgeworden ist, füttert im Augenblick das Netz mit der Begeisterung und der Kreativität der Jugend. Was passiert, wenn die MySpace-Kids von heute 34 sind und einen Job und 1,3 Kinder haben? Werden sie wirklich weiter einen Netzauftritt pflegen, der doch vor allem jugendliche Identitätssuche reflektiert? Werden ihre Kinder sich da virtuell präsentieren wollen, wo Mama und Papa das auch schon gemacht haben?

Der Umgangston wird schärfer im neuen Netz

Der Missbrauch, die marketingtechnische Ausbeutung der neuen Formen des globalen Miteinander, hat ohnehin längst begonnen. Bei MySpace unterhalten nicht nur die US-Marines eine Seite, mit der Nachwuchs angeworben werden soll, es gibt auch vorgebliche Teenager und Twens, die in Wahrheit für Burger, Körperspray oder Hollywoodfilme werben. Bookmarking-Portale, in denen User sich gegenseitig auf interessante Web-Fundstücke hinweisen, beschuldigen sich inzwischen gegenseitig, die offiziell automatisch erstellten Rankings zu manipulieren - etwa, um Geschichten über die Konkurrenz zu unterdrücken. Der Umgangston wird schärfer.

Jason Calacanis weiß all das. Er weiß auch, dass man mit dem Geldverdienen anfangen muss, bevor es zu spät ist. Calacanis ist ein echter Web-2.0-Entrepreneur der ersten Stunde: Sein Unternehmen Weblogs Inc. professionalisierte das Bloggen. Calacanis verwandelte Hobby-Schreiber in Profis, Weblogs-Inc.-Marken wie Engadget und Joystiq gehören heute zu den meistgelesenen Blogs überhaupt. Jetzt hat Calacanis etwas getan, das die ganze Netzgemeinde gegen ihn aufbringt: Er hat Menschen wieder angeboten, sie für ihr Hobby zu bezahlen, diesmal geht es um die Trendscouts des Netzes.

Calacanis ist seit kurzem der Chef der neuen Inkarnation von Netscape. Die versucht sich, im Schoße der Mutter AOL, auch am "social bookmarking" - Netscape hat sich eine Mechanik und sogar ein Design zugelegt, das ziemlich stark an Digg.com erinnert, die immens erfolgreiche Tech-Bookmarking-Seite. Digg ist innerhalb kürzester Zeit zu einer echten Macht im Netz geworden, Verweise, die es auf die Titelseite schaffen, lenken gewaltige Mengen Traffic um - oft in eher abgelegene Ecken des Internet. Ereignisse wie die Razzia in den Räumen der schwedischen Bittorrent-Seite The Pirate Bay erlangen über diesen Mechanismus in Windeseile globale Aufmerksamkeit.

Digg ist interessant, das generiert Zulauf - und an dem wird seit kurzem auch verdient. Drei Plätzchen für diskrete Google-Ads zieren den Kopf der Seite. Neue Kategorien wie "World News" und "Entertainment" sollen den technikverliebten Hardcore-Nutzern andere hinzufügen, Digg für den Mainstream öffnen.

Interessant ist Digg wegen seiner fleißigsten Nutzer - ein großer Teil der Top-Stories wird von einer kleinen Kerngruppe auf die Seite gehoben. Genau die möchte Jason Calacanis jetzt abwerben: "Ich habe ein Angebot für die 50 Topnutzer jeder großen social news/bookmarking Site: Wir zahlen euch 1000 Dollar im Monat", schrieb Calacanis in sein Blog . Ein Sturm der Entrüstung brach los. Die schmutzigen Headhunter-Methoden der Old Economy sind im neuen Netz angekommen, die Unschuld ist dahin.

"Ein Zeichen von Verzweiflung"

"Jasons Post ist, mehr als alles andere, ein Zeichen von Verzweiflung", so "Techcrunch"- Blogger und Szeneguru Michael Arrington. Ein Kommentator in Calacanis' Blog schrieb über das neu erfundene Berufsbild des Profi-Bookmarkers: "Bezahlt sie, unbedingt. Aber macht es nicht so offensichtlich, dass ihr Nutzer bei Digg (und ähnlichen Seiten) stehlen wollt."

Der Kanadier Derek van Vliet, als "BloodJunkie" einer der begehrten Top-Nutzer von Digg, der dort bereits über 1700 Links empfohlen hat, kommentierte das Angebot mit "ich sehe mich nicht bei Digg abspringen".

Ein Anderer dagegegen, ebenfalls mit über 1000 empfohlenen Geschichten, bietet sein Digg-Nutzerprofil  inzwischen bei eBay zum Verkauf an  - ob im Ernst oder als satirischer Kommentar ist schwer herauszufinden. Das aktuelle Gebot für das Profil "Geekforlife" liegt jedenfalls bei über 700 Dollar.

Es sieht so aus, als ob die Idee des Geldverdienens im sozialen Netz nicht allen zuwider ist. Spannend wird, was übrig bleibt, wenn die Profis damit fertig sind.

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