Stalinismus im Spiel Streit um Panzer-Aufschriften in "World of Tanks"

30 Millionen registrierte Spieler, Millionengewinne, Niederlassungen weltweit: Der Online-Shooter "World of Tanks" ist eines der erfolgreichsten Free-to-play-Spiele. Doch jetzt entzweit ein Streit um stalinistische Parolen die Fans.

Panzerspiel "World of Tanks": "Für das Mutterland"
wargaming.net

Panzerspiel "World of Tanks": "Für das Mutterland"


Im Forum zu "World of Tanks" ist um die Frage, ob um der historischen Korrektheit Willen stalinistische Parolen im Spiel verbreitet werden, eine Tausende Einträge lange Diskussion entstanden - mit einigen guten und sehr vielen sehr schlechten Argumenten auf beiden Seiten. Darum geht es: "World of Tanks" ist eine Online-Ballerspiel, in dem menschliche Spieler mit Panzern in einer Landschaft Jagd aufeinander machen. Die individuellen Panzer können mit Symbolen und Aufschriften dekoriert werden - bald auch mit Parolen aus dem Stalinismus: "Stalinist", "Für Stalin!", "Für das Mutterland".

Diese Sprüche gab es seit jeher auf den russischen Spiel-Servern, über die das Spiel gespielt wird. Sie sollen nun auch auf den übrigen, weltweit verteilten Servern freigeschaltet werden. Um nicht gegen nationales Recht zu verstoßen, würden die Symbole für Panzer der Achsenmächte allerdings nicht freigeben, hieß es von Seiten der Entwickler wargaming.net. Die Rechtfertigung für die Entscheidung:

"Obwohl Josef Stalin eine kontroverse Person in der Geschichte war und viele seine Handlungen als äußerst negativ auffassen, bestreitet Wargaming in keinster Weise seine Beiträge zum Kampf gegen die Streitkräfte des Faschismus sowie seine Rolle als Führungsmitglied in der Anti-Hitler-Koalition. Wir haben großes Verständnis dafür, dass sich einige Mitglieder unserer weltweiten Community von der Verwendung des Namens "Josef Stalin" gekränkt und angegriffen fühlen können. Jedoch möchten wir unserer Position treu bleiben und deutlich betonen, dass wir das Spiel so historisch korrekt wie möglich belassen wollen. Daher werden wir keine Inhalte, die nicht national und international gesetzlich verboten sind, aus unseren Spielen entfernen."

Überfälliger Konflikt

In Foren und Spiele-Blogs ist um diese Entscheidung nun ein Streit entbrannt, der auf ein Aufwiegen der Verbrechen des europäischen Faschismus und der historischen Dimension des Stalinismus hinausläuft: Wer war schlimmer, Hitler oder Stalin? Was dabei vergessen wird: In Russland erlebt der Stalinismus seit Jahren eine Renaissance: Seine historische Rolle ist bedingt umstritten, selbst Wladimir Putin bekennt sich zur "historischen Notwendigkeit" des Stalinismus.

In historischen Computerspielen und den dazugehörigen Foren kollidieren dann Erinnerungskulturen. Gerade in der polnischen "World of Tanks"-Community wird der neue "Stalinismus" im Panzerspiel heftig diskutiert, die angeblich neutrale Designentscheidung als verletzend wahrgenommen.

Das geht freilich auch andersherum: So entbrannte erst jüngst ein Streit um die Darstellung russischer Soldaten im US-Computerspiel "Company of Heroes 2" als Zerrbilder voller russenfeindlicher Klischees. Die Zusammenhänge zwischen den Streitigkeiten um die beiden Computerspiele versucht karasugames.de darzustellen.

Der Konflikt ist überfällig: Die Aufarbeitung von Geschichte in Computerspielen verlief bislang all zu naiv. Der neue Streit um die Deutungshoheit, um Neutralitätsansprüche und Erinnerungskultur könnte das Medium Computerspiel voranbringen - sollten sich alle Beteiligten auf eine Diskussion um die Rolle von (gerade historischen) Spielen als Werkzeug und Denkschablone zum Verständnis der Welt einlassen.

fko



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
stranzjoseffrauss 13.08.2013
1. Sommerloch
Ein Spiel ist ein Spiel. Zwanghaftes Problematisieren sollte jedoch behandelt werden.
Kritischer Hinseher 13.08.2013
2. Frage
Wie hoch war der Preis für diese Werbung?
sitiwati 13.08.2013
3. naja, das
ist doch klar, den 2.WK haben die USA gewonnen-Russland war zwar Verbündeter aber nachdem der kalte Krieg ausgebrochen war, rutschten die Russen mehr auf die böse Seite, das Schlimme ist, dass man das Ganze auch als Geschichtsunterricht ansehen kann, in den Schulen gibts keinen Geschichtsunterricht, sodass die Spieler nach und nach diese Spielinfos als reale Welt betrachten, ist wie bei Asterix, mich wundert nur, dass kein Italiener gegen die schlechte Rolle eines Weltreichs gegen ein paar Halbwilde protestiert haben, aber Asterix haben wirs wenigsten zu verdanken, dass unsere Kinder wissen, ein bischen, was römische Geschichte ist!
derpeter210 13.08.2013
4.
aufarbeitung der kriegsgeschichte? ich finde es eher bemerkenswert, dass genannte forderungen vor allem aus dem osteuropäischen kreis der spielerschaft entstammen. also aus ländern (zumindest gehört russland dazu), in denen patriotismus und nationalismus auf wieder dem vormarsch sind. meines erachtens geht es hier weniger um aufarbeitung, als um gekränkten nationalstolz und die verherrlichung der eigenen geschichte.
großwolke 13.08.2013
5. optional
Historische Korrektheit, ich lach mich schief. Wie im Artikel ganz richtig festgestellt, ist WoT ein "Online-Ballerspiel", völlig ohne Tiefgang über den eigentlichen Shooter-Inhalt hinaus, und das sage ich als einer, der es gerne zockt. Für einige, so wie mich, eine schöne Möglichkeit, nach der Arbeit eine entspannte halbe Stunde lang Dinge explodieren zu lassen, für andere fast eine Art Wettkampfsport und für die paar hoffnungslosen Gestalten aus der Realitätsfluchtecke halt leider eine weitere Möglichkeit, die Kontrolle über sich zu verlieren. Was die alle gemeinsam haben: sie nutzen das Spielgerät, dass ihnen Wargaming zur Verfügung stellt, inclusive MagicSkyCam für die Artillerie und technisch begrenzte Sichtweiten, egal wie "korrekt" solche Mechaniken sind. Das Bestreben um historische Korrektheit wird jederzeit ausgehebelt, wenn es den Spieldesignern geeignet scheint, um Balance und Spielfluss besser in den Griff zu kriegen, und an so einem Schriftzug (den man im eigentlichen Gefecht schon am eigenen Gefährt kaum wahrnimmt und an Fahrzeugen anderer Spieler schon gleich gar nicht) entzündet sich jetzt die Debatte? Das glaube ich nicht, Tim! Fakt ist wohl viel eher, dass gerade in den Ostblockstaaten ein Gutteil der Spieler aus Weltkriegsverherrlichern und Zar-Zurückwünschern besteht, und wenn die Möglichkeit besteht, solchen Leuten für ein kleines Prickeln im Hirn die Rubel/Zloty/Euro aus der Tasche zu ziehen (geil, nicht? das Game ist free to play, aber für die Verzierungen (!) an den Pixeltreckern zahlt man Geld :) ), dann wäre die firma doch schön blöd, das nicht mitzumachen. Schade eigentlich, dass hier schon wieder versucht wird, mit aller Macht einen Skandal herbeizuschreiben, anstatt das Game einfach mal vorzustellen, mit seinen Licht-, aber eben auch solchen Schattenseiten. Warum gibt es einem reinen Online-Magazin nicht auch eine ständige Rubrik für sowas? Platz kann ja kaum das Kriterium sein, und Spiele-Rezensionen von Autoren, die nicht, wie die restliche Gaming-Presse, finanziell von den Spieleherstellern abhängig sind, hätten auch was schönes.
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