Copyleft und Open Source, Teil 2 Lob statt Gehalt?

In der Welt der Open Source sind Monopole undenkbar. Geld hingegen wird dort durchaus verdient - wenn auch Programmierer nicht unbedingt reich werden. Doch den Entwicklern winkt ja zum regulären Lohn auch der Beifall der "Gemeinde".
Von Mario Gongolsky

Free Software (siehe Teil 1) und Open Source sind grundverschiedene Dinge. Sie sind gar - glaubt man den jeweiligen Fürsprechern - inkompatibel, obwohl beide Bewegungen aus Richard Stallmans offenem Betriebssystem GNU und seiner besonderen Lizenz, der GPL, hervorgingen. Ehemalige Mitstreiter Stallmans aus der Copyleft-Bewegung variierten die ursprüngliche Idee und schlugen einen Kurs ein, der zur Open Source führte.

Die Funktion von Open Source im Vergleich zur proprietären Softwareentwicklung beschrieb Eric Raymond sehr plastisch in seiner Theorie "Die Kathedrale und der Basar"  aus dem Jahre 1997, die im folgenden Jahr zur Selbstdefinition und Namensfindung der "Open Source"-Bewegung führte.

Der Unterschied zwischen Free Software und Open Source liegt in der "Vererblichkeit von Eigenschaften einer Software", die bei Open-Source-Produkten durch unterschiedliche Nutzungslizenzen mehr oder weniger eingeschränkt ist: Bei den dem Copyleft unterliegenden Programmen bleiben die Rechte auch am veränderten Sourcecode stets Gemeingut, auch das veränderte Produkt bleibt Teil der ursprünglichen Lizenzierung. Open Source hingegen toleriert proprietäre Elemente.

Die Unterschiede sind vor allem im unterschiedlichen Umgang mit Lizenzen zu sehen - und den damit verbundenen Ideologien. Copyleft, sagt Stallman, ist "ein politisches Statement. Open Source hat keine Ideologie".

Doch auch die Lizenzen von Open-Source-Software werden darauf geprüft, ob Kernelemente der GPL eingehalten werden. Der Quellcode muss jedem Nutzer zur Veränderung zur Verfügung stehen, und die Entwicklungsleistung der Software wird dem Nutzer nicht in Rechnung gestellt.

Oder einfacher gesagt: Open-Source-Software kann und darf von allen weiter entwickelt werden, die ihre Arbeitsergebnisse anschließend wieder der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Weil es in der Preiskalkulation von Open Source keine Umlage hoher Entwicklungskosten gibt, ist es den Herstellern möglich, ihre Produkte erheblich billiger anzubieten als "herkömmliche" Software. Das macht Open-Source-Software aus Perspektive der "alten" Software-Unternehmen zur Bedrohung.

Ehrenamtlich profitabel

Denn trotz der unkommerziellen Lizenzidee entpuppen sich Open-Source-Projekte als erfolgreiche Geschäftsträger. Die Open-Source-Gemeinde hatte etliche Rückschläge zu verkraften, aber wenn erst einmal ein Projekt öffentliche Beachtung erfährt, dann schwillt das tapfere Rinnsaal einer Hand voll freiwilliger Programmierer schnell zu einem gigantischen Strom an. Jede Änderung wird lizenzgemäß einfach wieder in den größten Think-Tank der Menschheitsgeschichte zurückgepumpt, damit wieder viele tausend ehrenamtliche Experten ebenso viele Ergänzungsvorschläge liefern können.

Die Liste der erfolgreichen Programmierer muss so zwangsläufig zu einer Art "Hall of Fame" werden. In der Geschenke-Ökonomie ist Reputation gleich Lohn (neben dem regulären Gehalt, das der Gerühmte vom Software-entwickelndem Unternehmen, aber auch von ganz woanders her beziehen mag) .

Die IT-Industrie erkennt in Open Source nicht nur den Feind jedes gewinnmaximierenden Handelns, sondern auch ein beeindruckendes Entwicklungspotenzial, gespeist aus Begeisterung und Befähigung. Open-Source bedeutet vor allem die Minimierung von geschäftlichen Risiken und die Garantie, eine Software zum geringstmöglichen Preis an den Nutzer geben zu können. Geld, glauben "Open-Source-Unternehmen", lässt sich ohnehin besser mit Service- und Beratungsleistungen verdienen.

Die Lager zerstritten, das Ende offen?

Ausgerechnet Linux, das Paradepferd der Open-Source-Gemeinde, strauchelt, so meinen hämische Kritiker, am kommerziellen Erfolgs- und Fortentwicklungsdruck. "Die veränderten Anforderungen an die Linux-Entwicklung für einen kommerziellen Markt werden durchaus entlang der Frage 'Ist Linus Torvalds überfordert' diskutiert.", erläuterte Ursula Holtgrewe in einem Referat der Gesellschaft für Soziologie. Ferner glaubt sie an zunehmende Spannungen zwischen der Profit- und Non-Profit-Sphäre des Projektes.

Für die Fraktion der Free-Software-Entwickler ist der kommerzielle Erfolg von Linux schon heute Hochverrat. Richard Stallman, Ursprung der gesamten Entwicklung, ist auf OpenvSource und Linus Torvalds nicht sonderlich gut zu sprechen: Torvalds nahm sich 1991 das freie Betriebssystem GNU, das "Nullmodell" der freien Software, und verband es mit seinem Kernel. "GNU ist das System und Linux einer seiner möglichen Kernel", erklärt Stallman.

Linus Torvalds schlug Robert Stallman mit seiner eigenen Waffe: Der GPL-Lizenz.

Doch selbst Vertreter der "Old Economy" haben das Potenzial der Open-Source-Idee längst erkannt. Sie sehen in der Open-Source-Strategie die Grundlage für neue Arbeitswelten. Ohne Berührungsängste wird hier das soziovisionäre Vokabular der Free-Software-Gilde dem bestehenden System der Umsätze und Dividenden hinzugefügt.

Da ist von Spaß haben statt Geld verdienen die Rede und vom Bedürfnis der Mitarbeiter nach Entfaltung: "Gängige Strukturmodelle mit einer festen Befehlshierarchie von oben nach unten spiegeln die betriebliche Realität nicht mehr wieder", referierte etwa Norbert Besel, Leiter der Abteilung Human Ressources der DaimlerChrysler AG, auf einem Vortrag der Heinrich-Böll-Stiftung.

Bei solchen Verbündeten wird den Binärrevoluzzern und Digitalmarxisten der "Community" Angst und Bange: Kann die kapitalkritische Idee des Open Source überleben, wenn die Kommerzialisierung der bloßen Methode schon beschlossene Sache ist?

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