Copyrights Dürfen Mechaniker Musik hören?

Musik ist überall, vom Fahrstuhl bis zur Autowerkstatt dudelt es, wo immer wir stehen und gehen. Die Musikindustrie verteidigt ihre Rechte zunehmend aggressiv. In England steht eine Autowerkstattkette wegen unlizensierter öffentlicher Aufführungen vor Gericht. Zu deutsch: Dort lief das Radio.


Das plärrende Kofferradio und der politisch unkorrekte Wandkalender mit Nacktmotiven gehören zu den Klischees, die in keinem Film fehlen, in dem eine Autowerkstatt von innen gezeigt wird. Schmalz aus dem Radio und Öl an den Händen gehören zusammen wie Schrauber-Latein und undurchschaubare Rechnungen. Eine stille Werkstatt, gibt es die wirklich?

Autowerkstatt: In vielen dudelt als Tatwerkzeug unlizensierter öffentlicher Musikaufführungen ein Kofferradio
DDP

Autowerkstatt: In vielen dudelt als Tatwerkzeug unlizensierter öffentlicher Musikaufführungen ein Kofferradio

Ja, behauptet die Geschäftsleitung der Werkstattkette Kwik-Fit in Großbritannien, denn man habe den Angestellten schon vor zehn Jahren verboten, ihre Radios am Arbeitsplatz zu betreiben. Deshalb sei die Klage der Performing Rights Society (PRS), einer britischen Lobbygruppe, die sich als Hüter der Rechte von Urhebern versteht, auch abzuweisen.

Denn die PRS ist vor Gericht gezogen, weil Kwit-Fit in seinen Werkstätten unlizensiert musikalische Werke öffentlich aufführe. Den emsigen Copyright-Hütern war kein Aufwand zu groß, den Beweis für diese Behauptung zu führen. In mehr als 250 Fällen seit 2005 hätten Stichproben bei Kwik-Fit ergeben, dass dort Musik in den Werkstätten zu hören sei. So laut, dass auch die Vorgesetzten der Mechaniker das unmöglich hätten überhören können.

Von einer "weit verbreiteten, gewohnheitsmäßigen Verletzung von Copyrights" spricht die Lobby da und konnte auch den Richter überzeugen: Der wies den Antrag auf Klageabweisung, den Kwik-Fit eingereicht hatte, ab. Jetzt kommt die höchst ernste Angelegenheit wirklich zur Verhandlung.

Für die Musiklobby ist das eine Frage des Prinzips: Schon seit eh und je konnten wir alle nur Lizenzen zur Nutzung von Musik in bestimmten Kontexten erwerben. Wer glaubt, irgendwann einmal in einem Plattenladen Musik gekauft zu haben, ist rein rechtlich gesehen tatsächlich auf dem Holzweg. Seit CD-Brenner und Internet der Branche die Hölle heiß machen, versucht sie diesen Punkt auch klar zu machen - wenn nötig gerichtlich, auch wenn das bei normalen Menschen nur noch als Realsatire ankommt.

Zum Lachen ist es nicht. Auch in Deutschland ist das Musikdudeln am Arbeitsplatz gebührenpflichtig, die DEMA, aber auch die GEZ kassieren da treulich ab - letztere allerdings nicht für die Musik, sondern für die Geräte. Denn hier gilt die Rechtslage, dass allein das Vorhalten eines Gerätes, das den Empfang und das Abspielen entsprechender musikalischer Inhalte möglich macht, gebührenpflichtig ist - selbst, wenn es dafür gar nicht genutzt wird. Das hat uns vor einigen Monaten die GEZ-Gebühr für PC und Handys beschert - worüber im Ausland wohl nicht weniger laut gelacht worden sein dürfte, als nun über den britischen Prozess gegen musikliebende Mechaniker.

pat



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