Studie zu medizinischen Posts Aktivisten wollen Facebooks Falschmeldungs-Spreader "bändigen"

Eine neue Untersuchung warnt vor Falschinformationen zu Gesundheitsthemen wie Krebs, Impfungen und Corona auf Facebook. Die Gegenmaßnahmen des sozialen Netzwerks reichen demnach nicht aus.
Foto: Dado Ruvic/REUTERS

Die Kampagnenorganisation Avaaz hat ein Netzwerk an 42 Facebook-Seiten und 82 Websites untersucht, die falsche und irreführende Informationen zu medizinischen Themen verbreiten. Einer Hochrechnung zufolge seien Seiten, die Avaaz dem Netzwerk zurechnet, allein im April 460 Millionen Mal auf Facebook aufgerufen worden. Betrachtet wurden die USA, Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien.

Der Studie zufolge werden medizinische Falschinformationen im großen Ausmaß auch auf Deutsch verbreitet. Insgesamt haben die deutschsprachigen Seiten, die Avaaz dem Desinformationsnetzwerk zurechnet, im letzten Jahr geschätzte 128 Millionen Aufrufe generiert, erklärte Avaaz dem SPIEGEL.

Avaaz warnt in der Studie vor professionellen "Superspreadern" von Falschinformationen, die man überprüft habe, und zieht nach der neunmonatigen Untersuchung ein ernüchterndes Fazit: "Facebook gelingt es nicht, dass die Menschen während der Pandemie sicher und gut informiert sind." Das Unternehmen untergrabe damit auch die Wirksamkeit eines zukünftigen Impfstoffs und stelle eine Gefahr für die weltweite öffentliche Gesundheit dar.

Angebliche Krebsheilung durch Wasser ohne Warnhinweis

Als Beispiel für die kritisierten Inhalte und deren Gefährlichkeit nennt die Studie unter anderem einen Facebook-Beitrag, in dem ein angeblicher "pensionierter Apotheken-Chef" mit der Aussage zitiert wird: "Die Welt muss wissen, dass alkalisches Wasser Krebs tötet." Faktenchecker sehen keine medizinischen Belege für diese Aussage. Der Beitrag vom September 2019 ist noch immer auf Facebook zu finden und wurde bis August 2020 mehr als 1700 Mal geteilt.

Wie gefährlich solche Falschmeldungen seien können, hatten führende Mediziner wie Christian Drosten bereits Anfang Mai in einem offenen Brief erklärt. Fehlinformationen könnten im schlimmsten Falle Menschenleben kosten, hieß es damals.

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Als eine Maßnahme gegen Falschinformationen zu Gesundheitsfragen zeigt Facebook seinen Nutzerinnen und Nutzern bevorzugt Links zu offiziellen Websites wie etwa jener der Weltgesundheitsorganisation oder der Covid-Seite zusammengegencorona.de vom Bundesgesundheitsministerium.

Avaaz stellte in seiner aktuellen Studie allerdings fest, dass Beiträge des Desinformationsnetzwerks in dem Netzwerk deutlich erfolgreicher seien als Beiträge, die Facebook als vertrauenswürdige, offizielle Quellen zusätzlich im Newsfeed anzeigt. Demnach würden die zehn reichweitenstärksten Desinformationsseiten aus dem untersuchten Netzwerk rund viermal häufiger aufgerufen.

Glaubwürdige Quellen dringen nicht durch

Christoph Schott, einer der an der Avaaz-Studie beteiligten Autoren, sieht Facebooks Maßnahme, Nutzerinnen und Nutzern im Newsfeed Informationen aus glaubwürdigen Quellen anzuzeigen, als positiven, ersten Schritt. Allerdings werde diese vom für die Verbreitung von Inhalten verantwortlichen Algorithmus unterminiert, wie er dem SPIEGEL sagt. "Unsere Studie legt nahe, dass, wenn der Algorithmus nicht gebändigt wird, er weiterhin Nutzerinnen und Nutzern unverhältnismäßig viele sensationalistische und unrichtige Informationen anzeigt", so Schott.

Von Facebook heißt es zu der Studie, dass man das grundsätzliche Ziel teile, gegen Desinformation zu Gesundheitsfragen vorzugehen. Die Ergebnisse der Studie würden nicht angemessen wiedergeben, was der Konzern gegen Falschinformationen unternehme. So habe man allein im Zeitraum von April bis Juni 2020 insgesamt 98 Millionen Covid-19-Desinformationen mit einem Warnhinweis von Faktencheckern versehen und sieben Millionen Beiträge gelöscht.

Laut der Studie seien allerdings nur 16 Prozent der von Avaaz als Falschmeldungen zu Gesundheitsfragen eingestuften Beiträge mit einem Warnhinweis versehen worden. Auch der deutsche Facebook-Beitrag zur Krebsheilung durch alkalisches Wasser wird ohne Warnhinweis angezeigt.

Facebook erklärte dazu, dass die Warnhinweise gut funktionieren würden. Allein im April habe man 50 Millionen Covid-19-Beiträge mit einem solchen Hinweis versehen. In 95 Prozent der Fälle hätten Nutzerinnen und Nutzer anschließend nicht auf den Link geklickt, hieß es von dem Unternehmen.

Aktivisten fordern mehr als nur Warnhinweise

Avaaz fordert Facebook auf, nicht nur Warnhinweise neben Posts anzuzeigen, sondern auch Nutzerinnen und Nutzern, die Falschmeldungen in ihrem Feed angesehen, geliket oder verbreitet haben, später eine Richtigstellung anzuzeigen.

"Facebook hat bis heute jenen Nutzerinnen und Nutzern keine spezifischen Korrekturen angezeigt, die die Falschinformation gesehen hatten, dass es als Covid-19-Test ausreiche, zehn Sekunden die Luft anzuhalten", sagt Christoph Schott. "Das ist schon grob fahrlässig aus unserer Sicht."

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