Sascha Lobo

Corona verändert die Welt Aus der Asche der Gewohnheit entsteht die neue Gegenwart

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
In der Corona-Pandemie erkennen wir, was plötzlich alles geht - und was eigentlich niemand mehr braucht. Wenn das Schlimmste überstanden ist, muss das so weitergehen.
Ein Radverkehrsstreifen in Berlin, wo vorher keiner war und wo ohne Corona wohl nie einer gewesen wäre

Ein Radverkehrsstreifen in Berlin, wo vorher keiner war und wo ohne Corona wohl nie einer gewesen wäre

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Vielleicht ist die Welt, wie wir sie kannten, schon untergegangen, und wir haben es bloß nicht bemerkt. Dafür sprächen die vielen kleinen Veränderungen im Alltag. Nicht die unmittelbar auf die Coronakrise zurückzuführenden wie die zunehmende Zahl der Maskenträgerinnen und -träger. Sondern die Begleit- und Folgeerscheinungen. Die postpandemische Gesellschaft zieht herauf, die Umrisse lassen sich vielleicht schon erahnen. 

Zum Beispiel stand kürzlich in einem Hauseingang eine Pappschachtel mit der Aufschrift "Give-away-Box". In Berlin gehört es zur Tradition, altes, sogar leicht defektes Zeug mit dem Schild "zu verschenken" vor die Tür zu stellen. Was auf den ersten Blick anmutet wie ein mittelmäßig gewitzte Art der halblegalen Sperrmüllentsorgung, funktioniert tatsächlich. Der Schrott der einen ist die Wohnzimmerdeko der anderen. Aber in dieser Kiste waren ausgespülte Gläser und Dosen. Es war zwar Prenzlauer Berg, aber eine gebrauchte Weißblechdose als "Give-away" anzupreisen, das changiert selbst dort zwischen halbseidener Marketingagentur und externalisiertem Messietum. Trotzdem erscheint das symptomatisch: Die Mischung aus Zuhausebleiben und Aktionsdrang führt bei vielen Menschen zu einer großen Entrümpelungsoffensive.

Online-Marktplätze für Gebrauchtes boomen wie nie zuvor . Der Geist der Reduktion auf das Wesentliche weht durch die Welt, und, ich glaube, er beginnt nur mit den Gegenständen. In einer postpandemischen Gesellschaft kann dieser Corona-Minimalismus viel mehr verändern als nur die hinteren Ecken der Kleiderschränke und Keller.

Angebot und noch Fragen

Ein paar Wochen kauft die Welt nur das, was sie wirklich braucht, und schon bricht die halbe Wirtschaft zusammen. Nachhaltigkeit  ist seit fast dreißig Jahren eines der wichtigsten Schlagworte für die Zukunftsfähigkeit der Welt, aber die Coronakrise beschert uns neue Definitionen von Nachhaltigkeit und auch von wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit. Wer jetzt kein digitales Geschäftsmodell für sich sieht, der baut sich keins mehr.

Mit Billionenaufwand stützt die Bundesregierung Unternehmen, gut so, persönlich habe ich vor wenigen Szenarien mehr Angst als vor einem Deutschland mit 25 Prozent Arbeitslosigkeit. Aber gleichzeitig Steuergeld in Form von Kurzarbeit zu beantragen und Milliarden an Börsenausschüttungen oder Aktienrückkäufen auszugeben, das ist inakzeptabel. Und trotzdem legal in Deutschland, anders als etwa in Dänemark, wo Staatshilfen jenen Unternehmen versagt werden, die mit Niederlassungen in Steueroasen tricksen. In einer postpandemischen, marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft wird man sehr genau berechnen müssen, wer alle Risiken sozialisiert und alle Gewinne privatisiert. Leider sind die Konsequenzen absehbar: Union und FDP werden keine ziehen, aber das wenigstens gemeinsam, die SPD wird einen Grund finden, nur dieses eine Mal noch zuzustimmen, die Grünen werden sich mit einem Umweltversprechen abspeisen lassen und die Linkspartei wird mit ihrem einzigartigen Gefühl für ungünstige Gelegenheiten auf ein Komplettverbot des Kapitalismus setzen. 

Wie es sein könnte

Dabei liegt in der Drastik der Corona-Einschnitte eine Kraft verborgen, nämlich die zu tief greifender und auch dauerhafter Veränderung. In Brüssel ist die Innenstadt ab Mai eine einzige, riesige Fahrrad- und Fußgängerzone , in vielen deutschen Städten werden Fahrradwege baulich abgetrennt, auf Kosten der Autos.

Diese Maßnahmen mögen temporär geplant sein. Aber Fortschritt hat schon oft krisenbedingt begonnen, plötzlich entsteht aus der Asche der früheren Selbstverständlichkeiten eine neue Gegenwart. Wie mau die Maßnahmen gegen den Klimawandel wirken, wo durch Corona doch klar geworden ist, was die Politik zu tun in der Lage wäre. Wie aktionistisch aber zugleich einige Maßnahmen wie Straßensperrungen erscheinen mögen, wenn etwa die Feinstaubkonzentration trotz dramatischer Reduktion des Autoverkehrs einfach nicht abnimmt. Und wie kompliziert am Ende die Realität  dann doch ist, weil man ja auch nicht am Vormittag aufhört zu rauchen und sich am Nachmittag wundert, wenn man immer noch husten muss. In einer postpandemischen Gesellschaft muss und wird möglich sein, was zuvor mit Argumenten abgeschmettert wurde wie "Geht nicht", "Akzeptieren die Leute nie" oder "Unvorstellbar, undenkbar". Was ebenfalls eine bittere Seite hat, wenn man die etwas zu große Leichtigkeit betrachtet, mit der Grundrechte als exekutive Verfügungsmasse  betrachtet werden. 

Die stillsten Schreie

Es ist in Krisenzeiten richtig, auf eigene Nöte und Schmerzen aufmerksam zu machen, und leider neigt ein guter Teil der Öffentlichkeit zu Voreiligkeit in der Bewertung und sogar Häme. Trotzdem ist es ein essenzieller Teil der Debatte in einer liberalen Demokratie, wenn Betroffene, Interessengruppen und Organisationen die Zustände beschreiben und lautstark Forderungen stellen. Deren Bewertung ist ebenso das Geschäft der Politik wie die darauf folgenden Aktivitäten. Aber könnte es sein, dass es zur Coronakrise zumindest teilweise ist wie in klassischen Katastrophensituationen? Die laut Schreienden mögen tatsächlich in Gefahr sein - aber diejenigen, die nicht einmal mehr schreien können, brauchen die Hilfe am dringendsten.

Es ist gut möglich, dass ohne die Arbeit von Leuten wie Erik Marquardt viele Menschen Moria immer noch für eine unterirdische Zwergenstadt aus "Herr der Ringe" hielten. Und nicht für die knallharte Entscheidung der EU, dass nicht alle Leben auf europäischem Boden gleich viel zählen. In einer postpandemischen Gesellschaft wird man analysieren müssen, wo abseits des großen Getöses Hilfe notwendig gewesen wäre. Oder vielleicht sollte das genau jetzt schon geschehen. 

Solidarität und Kreativität

Jahrelang galten die sozialen Medien in erster Linie als Treiber der Polarisierung, als Hass- und Manipulationsmaschinen, als Motor der Radikalisierung. Die netzorganisierte, grundpositive Bewegung "Fridays for Future" erschien eher als Ausnahme. Aber jetzt wird anlässlich der Coronakrise eine gewisse Netzwärme sichtbar, sie besteht aus Humor und Solidarität, und die sprühende Kreativität des Humors erreicht ungeahnte Krisenqualitäten.

Zum Beispiel hat ein Mann namens Nath Franks ein kurzes Video ins Netz gestellt , in dem er zum Beginn des Songs "Billie Jean" von Michael Jackson so grandios wie rhythmisch an einem zu heißen Kaffee scheitert. Eine Musiklehrerin mit dem Pseudonym makeshift.macaroni hat einen eingängigen Song geschrieben , der hervorragend in die Gesamtsituation von Lehrkräften, Eltern und eigentlich allen Menschen passt. So lacht das Netz über sich selbst.

Den Humor begleitet eine Solidarität im Netz, die vielen zuvor kaum möglich schien. Dabei geht es weniger um Spendensammlungen, die gab es zuvor schon. Sondern um eine Bereitschaft des Teilens, der Teilhabe, der Gemeinschaftsbildung, die ich im Digitalen für bisher beispiellos halte. Eine digitale Gesellschaft im Wortsinn entsteht. 

Das neue Verständnis

Das liegt auch daran, dass zuvor abgelehnte oder verspottete, andere Perspektiven plötzlich sinnvoll erscheinen oder sogar zwingend. Was ich an mir selbst bemerkt habe. Das Foto des Glasmüll-Give-aways in Prenzlauer Berg  hatte ich auf Instagram geteilt, samt eines einigermaßen giftigen Textes. Aber in den Kommentaren wurde deutlich, für wie clever man die Idee dieser Kiste halten kann, wenn man etwa Marmelade einkocht oder zur Zero-Waste-Community gehört, die versucht, soviel wie irgend möglich wiederzuverwenden. Das ist nur ein kleines, persönliches Detail.

Foto: Sascha Lobo

Aber nach der Finanzkrise ließ sich etwas Erstaunliches beobachten. Langjährige Konservative publizierten Texte  wie: "Ich fange an zu glauben, dass die Linke tatsächlich recht haben könnte." In einer postpandemischen Gesellschaft wird ein solches Umdenken stattfinden, stattfinden müssen und hoffentlich tief greifendere Wirkungen haben als nach der Finanzkrise. Das ist wahrscheinlich eine gute Nachricht. Natürlich werden wir nach Corona ein gigantisches Krisenfest feiern. Jedenfalls die Überlebenden. Aber eigentlich bin ich mir inzwischen sicher: Die Welt, die wir kannten, ist einfach untergegangen.

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