Sascha Lobo

Leben in der Pandemie Wie ich meinen Frieden mit Corona gemacht habe

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Coronakrise ist ein sehr reales, gigantisches Schreckensszenario – von dem man sich aber nicht lähmen lassen darf. Nach Zorn, Abwehr und Ernüchterung ist nun vielleicht Zeit für eine Optimismusoffensive.

Es gibt einen Trick, um seinen Frieden mit Corona zu machen. Leider können ihn nicht alle anwenden, aber vielleicht hilft es, wenn so viele Menschen wie möglich es versuchen. Ein bisschen wie bei der Herdenimmunität, da müssen auch nicht alle geimpft oder immun sein, damit eine Gesellschaft eine Krankheit im Großen und Ganzen bewältigt. Wenn ausreichend viele Leute ihren Frieden mit Corona machen, profitieren auch diejenigen, die es zum Beispiel durch direkte familiäre oder gesundheitliche Betroffenheit nicht können, weil echte Hilfe und Empathie nur aus eigener Stärke entstehen können. Bei mir hat es so funktioniert: Hypomnema .

Ein kantiges Wort, das außer Altphilologinnen und Angebern niemand kennt, ehrlich gesagt muss ich es auch jedes Mal googeln, weil es mir gegen meinen Willen immer wieder aus dem Gedächtnis rausflutscht. Was einigermaßen ironisch ist, denn es kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich »niedergelegte Erinnerung«.

Aber eigentlich handelt es sich um eine Form von Erkenntnis über die Welt durch Selbstbeobachtung, samt der dazugehörigen Bewältigung. Natürlich ist mein Ergebnis subjektiv gefärbt und null repräsentativ. Schon weil ich eine größere Anzahl Privilegien mit mir herumtrage. Trotzdem glaube ich, dass meine hier folgenden, verschiedenen Phasen anderen nutzen können – auch wenn sie weniger eindeutig abgegrenzt und chronologisch sortiert sind, als es hier wirkt.

Pandemische Irritation

Im Januar 2020 werde ich auf das Virus aufmerksam, besser gesagt, auf die gesellschaftlichen Reaktionen aufs Virus. In einem Gespräch höre ich mich sagen: »ein chinesisches Problem«, ein Satz allerdings, der sich schon während des Aussprechens so falsch anfühlt, wie er ja auch ist. Das ist symptomatisch für diese erste Phase der pandemischen Irritation. Mein persönlicher Maßstab für die Relevanz eines Themas hängt nicht nur, aber doch entscheidend mit der medialen Resonanz zusammen. Soziale und redaktionelle Medien schreien mich förmlich an, dass ich mich gefälligst mit Corona auseinandersetzen müsse. Aber ich durchlebe eine lange Phase der Irritation, weil ich schwer einschätzen kann, wie stark mich die Angelegenheit eigentlich betrifft. Ja, meine Erstreaktion auf eine Katastrophe anderswo ist egozentrisch, und ich glaube, das ist okay – wenn man diese Form der Weltabwehr nicht zum einzigen Prinzip erhebt.

Empathischer Fernschock

Die Irritation endet: Italien kickt rein. Italien liebe ich wie alle mit Herz, ich hasse italienische Politik wie alle mit Verstand, beides kollidiert heftig. Die rechte Regionalregierung hat je nach Lesart entschieden oder zugelassen, Kranke mit milden Symptomen in Altersheimen unterzubringen . Tausende sterben. Die Mischung aus Fassungslosigkeit und Empörung über diese Menschenverachtung aber kippt, als ich Bilder aus Bergamo sehe. Die Beatmungsbataillone, die Leichenlastwagen. Die werde ich auch nicht mehr los. Es ist keine Angst, eher Mitleid, was meinen empathischen Fernschock bestimmt. Irgendein Aspekt meines Bewusstseins spaltet sich beim Anblick des lombardischen Horrors: Ich begreife das Ausmaß der Katastrophe, aber fühle mich persönlich noch immer nicht betroffen. Wie beim Löwen, der vor den eigenen Augen eine Antilope reißt, aber man sitzt im sicheren Safari-Auto.

Wissensbegeisterung

»Ich müsste doch besorgter sein«, denke ich nicht, ich fühle es eher. Dem Fernschock entkomme ich, indem ich alles an halbwegs seriösem Wissen über Corona aufsauge, was ich kriegen kann. Die Drosten-Dynamik ergreift mich. Ich muss mich zurückhalten, nicht jede neue Teilerkenntnis, qualifizierte Vermutung und Corona-Studie sofort laut rauszublöken. Es gelingt so mittelgut. Immerhin schreibe ich nur eine, vielleicht zwei, maximal fünf, allerhöchstens sieben bis elf Kolumnen, die ich im Nachhinein, na ja, anpassen müsste.

Ich tröste mich mäßig überzeugend damit, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Januar sagte , Masken seien nicht notwendig, das Virus werde nicht über die Luft übertragen. Während ich mich mit anderen viertel- bis halbinformierten Laien austausche, merke ich: Ich spreche dabei meist nicht mit anderen – ich rede mit mir. Das ist nicht Recherche, das ist Bewältigung. Denn in Wahrheit bin ich längst besorgt, mein Wissensdurst ist die intellektuelle Variante des Pfeifens im Walde. Kurze Episoden der Wissensbegeisterung erleide ich bis heute immer wieder, zum Beispiel meinen »Aerosol-Anfall« (Juli), meine »Übersterblichkeits-Überraschung« (August) oder meinen »Impfstoff-Impuls« (November).

Vernunftpanik

Über die Vernunftpanik schreibe ich eine oft gelesene Kolumne, das ist die überdrehte Variante von tatsächlich sinnvollem Handeln. Drei Kondome übereinander aus Angst vor Geschlechtskrankheiten. In der Analyse meiner Empfindung erkenne ich: Meine eigene Vernunftpanik ist ein Zeichen meiner Hilflosigkeit. Im ersten Lockdown – ja, ich nenne den so, mir egal, ob woanders noch viel krassere Lockdowne geherrscht haben – im ersten Lockdown jedenfalls galt es vor allem abzuwarten. Ich bin nicht besonders gut im tatenlosen Abwarten, ich möchte immer das Gefühl haben, etwas tun zu können, einen Rest Kontrolle zu spüren. Also schiebe ich ein wenig Vernunftpanik vor mir her und ermahne wahllos Passanten, weil sie ihre Masken nicht oder falsch tragen. Immerhin ermahne ich sie nicht mit Worten, aber mit ganz besonders eindringlichen Blicken. Immerhin.

Zweifelattacken

Eine der wesentlichen Empfindungen für das psychische Wohl ist Selbstwirksamkeit . Man möchte spüren, dass das eigene Handeln wirksam ist. Mein Problem: Auch fünf Mund-Nasen-Masken übereinander und im Supermarkt die Luft anhalten, wenn jemand vorbeigeht, bewirken: nichts. So fühlt es sich jedenfalls an. Vier Wochen Social Distancing, aber die Scheiß-Pandemie ist noch da. Mir kommen Zweifel, größere, als ich nach außen zugeben wollte. Zweifel an der Bestimmtheit der Politik, Zweifel an der Gefährlichkeit der Krankheit, Zweifel an meiner eigenen Erkenntnislandschaft. In manchen Momenten erahne ich, genau das könnte der Pfad sein, auf dem so viele entgleisen.

Mir passiert das nicht, weil ich meine Zweifel aktiv in Schach halte. Das gelingt mir besser, weil ich einige Zeit professionell Wissenschaftskommunikation betrieben habe. Dabei lernt man, dass es sich mit der Wissenschaft etwa so verhält, wie Churchill von der Demokratie sprach: Die real existierende Wissenschaft ist kein besonders gutes Erkenntnissystem, aber es ist das mit Abstand beste, das wir haben. In Momenten des Zweifels hilft mir irgendwie, das Menschheitswissen über Corona als kleines, mit einer Funzel beleuchtetes Areal in einer gigantischen, noch größtenteils dunklen Erkenntnishöhle zu betrachten. Und dass Fehlbarkeit auch damit zu tun hat, dass es letztlich um Wahrscheinlichkeiten geht.

Abwehrgleichgültigkeit

Die Phase der Abwehrgleichgültigkeit ist keine, auf die ich besonders stolz sein könnte, aber im Nachhinein erkenne ich: Es war eine Reaktion auf meine Überlastung durch Dauerempathie, fehlende Selbstwirksamkeit, aufkeimende Zweifel. Mein Ausweg aus den Zweifelattacken ist auch, dass ich meinen Input stark reduziere und eine gewisse Egalhaltung entwickle. In Infizierten- und Sterbezahlen sehe ich nur noch Statistiken, eine Art Medaillenspiegel der abgefuckten Corona-Olympiade, und ich spüre, dass es anderen Leuten ähnlich geht. Brrr.

Schuldzorn

Meine Abwehrgleichgültigkeit schlägt gewissermaßen ins Gegenteil um. Weil es mir wie den meisten Menschen schwerfällt, die Wut auf schicksalhafte Ereignisse ohne eindeutige Verantwortliche zu kanalisieren, suche ich mir jemanden, der nach meiner Ansicht wenigstens eine Teilschuld trägt. Leute, bei denen die Nase über die Maske ragt, zum Beispiel. Und dann bin ich, ganz Schuldzorn, auf diese so unverhältnismäßig wütend, als hätten sie persönlich die Pandemie ausgelöst. Später merke ich: Das ist Trauer, die ich teilweise nach dem Prinzip des Sündenbocks bewältige. Denn inzwischen bin ich längst selbst von der Pandemie belastet und betroffen. Nicht gesundheitlich, glücklicherweise, aber wirtschaftlich, sozial, psychisch.

Untergangslust

Zum Glück nur in wenigen und kurzen Momenten, aber doch ein paar Mal zwischendurch bricht sich eine Untergangslust bei mir Bahn, die Abwehrgleichgültigkeit auf Speed, die Weiterentwicklung dieses gruseligen Medaillenspiegel-Gefühls, China früh vorn, Russland bestimmt geschummelt, USA am Ende uneinholbar. Ich deute es als Form der Trauerbewältigung, dass mir manchmal die Pandemie für Sekunden gar nicht spektakulär genug sein kann. Fuck it, wenn alles zum Teufel geht, dann kann's auch groß zum Teufel gehen! Ich merke, dass es sinnvoller ist, solche verqueren Gedanken zuzulassen und sofort aktiv zu kontern, als vor mir selbst so zu tun, als seien sie nicht da. Untergangslust ist ein gefährliches Muster, das sich verselbstständigen kann – deshalb bin ich froh, dass ich gelernt habe, dagegen effizient anzuarbeiten. Sonst stürzt man leicht in Zynismus und Menschenfeindlichkeit.

Ernüchterungserkenntnis

»Aufgeben – der schnelle Weg zum Sieg«, so haben Kathrin Passig und ich mal ein Kapitel in einem Buch genannt. Damals habe ich eher so getan, als hätte ich das tatsächlich verinnerlicht. Aber inzwischen sehe ich den resignativen Charme der Ernüchterung. Wenn man checkt, dass jetzt nur noch loslassen hilft. Dass Hoffnung auch toxisch sein kann. Weil man sich sonst verkämpft und verkrampft. Auf der anderen Seite habe ich die allerknalldackeligsten Dinge in meinem Leben immer dann getan, wenn ich dachte: »Jetzt ist auch schon alles egal«. Deshalb ist die Ernüchterungserkenntnis kaum zu trennen von meiner vorerst letzten Stufe, die ich in der Selbstbeobachtung erreicht habe:

Bewältigungsruhe und Optimismusoffensive

Es gibt einen haarfeinen Unterschied zwischen Resignation und Ruhe. Etwa vergleichbar mit »sich im Bad einschließen« und »im Bad eingeschlossen werden«. Rein technisch betrachtet sehr ähnliche Zustände, aber doch grundverschieden. Meine Bewältigungsruhe lag in der Erkenntnis verborgen, dass ich keine Macht über Corona habe – aber viel mehr Macht über meine Haltung gegenüber Corona, als ich lange befürchtete. Dass Corona für mich kein Anlass sein darf, die aktive Gestaltung meines neuen Alltags schleifen zu lassen, obwohl ich gute Ausreden liebe.

Das hat mich an einen Zustand aus dem 20. Jahrhundert erinnert. Corona ist der Kalte Krieg dieser Generation, ein sehr reales, gigantisches Schreckensszenario, von dem man sich trotzdem nicht lähmen lassen darf. Ich habe meinen Frieden mit Corona gemacht, indem ich auf Basis dieser Erkenntnis offensiv versuche, auch die Vorteile zu sehen. Sogar in den schwierigen Dingen.

Konkret und aktuell gesprochen: Natürlich ist es eine Katastrophe, dass sich »Jana aus Kassel«   nach ein paar Demos und persönlichen Konflikten für Sophie Scholl hält. Aber – was für eine gelobte Zeit, was für ein gelobtes Land, in dem ein junger Mensch glauben kann, ein paar Anfeindungen seien quasi das Gleiche wie Verfolgung auf Leben und Tod. Ehrlich gesagt wollte ich in keinem anderen leben.