Foto:

SPIEGEL

Patrick Beuth

Online-Kapitalismus Warum es jetzt Corona-Pornos gibt

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth

Liebe Leserin, lieber Leser,

auch und besonders in Zeiten des Coronavirus gilt: Wenn es Geld bringen könnte, existiert es. Hyperkapitalismus und eine hypernervöse Gesellschaft sind ein perfektes Match.

Das Coronoavirus Sars-CoV-2 ist ein Segen - jedenfalls für den Hyperkapitalismus, denn in einer hypernervösen Gesellschaft gedeiht er prächtig. Jede noch so absurde Idee, wie sich mit der Angst vor dem Virus im Internet schnelles Geld oder zumindest Aufmerksamkeit verdienen lässt, wird deshalb umgehend umgesetzt. Wer zuletzt lacht, hat eine Gelegenheit verpasst.

  • Kriminelle haben das natürlich mit als Erste verstanden. Ihr aktuelles Geschäftsmodell: Sie entwerfen E-Mails mit Logos etwa der Weltgesundheitsorganisation WHO oder lokaler Gesundheitsbehörden. Die Mails enthalten Links auf manipulierte Websites oder verseuchte Anhänge, die angeblich eine Liste mit Vorsichtsmaßnahmen enthalten. Die IT-Sicherheitsfirma Sophos zum Beispiel hat dieses Muster bei italienischen Windows-Nutzern entdeckt : Klicken sie auf die Links oder die angehängte Word-Datei solcher Mails, kommt es im schlimmsten Fall wirklich zu einer Infektion. Auf den Geräten der Nutzer landet dann die Schadsoftware TrickBot, die ihre Zugangs- und Systemdaten ausspioniert. Und ja, manche panische Menschen glauben vielleicht wirklich, dass die WHO ihnen persönlich eine E-Mail schreibt. Auch wenn es genau null Gründe gibt, warum die Organisation sie und ihre Adresse kennen sollte.

Instagram: Wenn schon nutzlose Masken tragen, dann wenigstens überteuerte

Instagram: Wenn schon nutzlose Masken tragen, dann wenigstens überteuerte

Foto:

Instagram

  • Kriminell doof finde ich Influencer, die sich mit 99-Dollar-Masken aus Schweden auf Instagram inszenieren. Natürlich sind diese Masken alle schon ausverkauft, heißt es im Artikel "The Rich Are Preparing for Coronavirus Differently"  der "New York Times". Lieber reich und gesund als arm und krank, heißt es ja im Volksmund.

  • Und natürlich gilt auch jetzt die Internetregel 34 : "There is porn of it". Corona-Porno existiert . Einige der Produzenten behaupten "Vice" zufolge tatsächlich, sie würden damit Aufklärungsarbeit leisten. Leise Zweifel daran sind angebracht, wenn man sich die Porno-Prosa der entsprechenden Videotitel anschaut. Es geht offenbar um irgendwas mit Müttern, Masken und Medizin.

Kurz: Nachrichten werden mittlerweile fast so schnell kapitalisiert, wie sie verbreitet werden.

Wer sich davon erholen und dabei trotzdem im Internet unterwegs sein möchte, kann sich einen Sleep-Stream auf TikTok ansehen: Menschen übertragen live, wie sie nachts schlafen. "Für die Zuschauer ist nicht unbedingt die schlafende Person interessant, sondern die spontan entstehende Gemeinschaft im Chat der Übertragung", schreibt  die wunderbare Social-Media-Versteherin Taylor Lorenz. Das klingt so schön friedlich, aber natürlich existiert auch hier ein Geschäftsmodell: Die Schlafenden nehmen gern Spenden für die Übertragung von Ruhe entgegen.

Seltsame Digitalwelt: Der treue Husar

Foto: Thomas F. Starke/ Bongarts/Getty Images

Als Fan des 1. FC Köln hat man derzeit mehr Freude an der Bundesliga als jeder Milliardär. Ich höre die Spiele gern live im Internetradio über die Website des Vereins, das ist so schön emotional und parteiisch. Am vergangenen Freitagabend zum Beispiel, als ich ziemlich lange auf den verspäteten Bus gewartet habe, um zu einer Geburtstagfeier zu fahren, ging das. Ich hätte natürlich auch in die U-Bahn steigen können, die in deutlich kürzerer Taktung unter derselben Kreuzung abfuhr und für die Strecke zehn Minuten weniger braucht. Aber da unten wäre sofort die Verbindung abgebrochen, weil das in Berlin nun mal so Tradition ist - also bin ich lieber in der Kälte stehengeblieben, bis irgendwann der Bus kam. Zur Belohnung habe ich das zweite Tor der Kölner hören können. Im Stadion wär's übrigens auch kalt gewesen, also danke Berlin für die beinahe authentische Atmosphäre. Was täte ich bloß, wenn es hier Internet in allen U-Bahnen gäbe?

App der Woche: "Castlevania - Symphony of the Night"

getestet von Tobias Kirchner

Foto: Konami

Mit "Castlevania - Symphony of the Night" hat es ein Spieleklassiker aus den Neuzigerjahren, dessen Einfluss in der Branche noch immer zu spüren ist, von der Playstation auf die Smartphones geschafft. Spieler nehmen in dem komplexen Abenteuer den Kampf mit Dracula und seinen Kreaturen auf. Im Spielverlauf wird der Held durch neu entdeckte Gegenstände stärker und schaltet nach und nach weitere Teile des Schlosses frei. Damit setzte "Castlevania – Symphony of the Night" einst die Vorlage für viele Spiele, die heute große Erfolge feiern. Wer diesen wichtigen Teil der Videospielgeschichte jetzt nachholen möchte, hat mit der sehr gut umgesetzten Mobilvariante die Möglichkeit dazu.

Für 3,49 Euro, von Konami: iOS , Android 

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "A Simple New Tool Lets You Open Email Attachments Without Fear"  (Englisch, drei Leseminuten)
    Wie eingangs erwähnt, sind Mail-Anhänge potenzielle Seuchenherde. Micah Lee, der an der Schnittstelle von Informationssicherheit und Journalismus arbeitet, hat deshalb ein nützliches Programm namens Dangerzone entwickelt, mit dessen Hilfe sich Word-, PDF- und andere Dokumente gefahrlos öffnen lassen. "Wired" erklärt, wie es funktioniert.

  • "The Lawfare Podcast Bonus Edition: Ben Buchanan on 'The Hacker and the State'"  (Podcast, Englisch, 44 Minuten)
    Autor Ben Buchanan hat ein Buch über staatliche Hacker und ihren geopolitischen Einfluss geschrieben. Im Podcast-Interview fasst er es zusammen und erklärt, wie er dafür recherchiert hat.

  • "How to Prepare Now for the Complete End of the World"  (Englisch, zehn Leseminuten)
    Sollte die Sache mit Sars-CoV-2 doch richtig apokalyptisch schiefgehen, könnte zumindest Lynx Vilden überleben. So nennt sich eine Frau, die in der Wildnis des US-Bundesstaats Washington anderen Menschen beibringt, wie Steinzeitmenschen zu leben. Die "New York Times" hat mitgemacht.

Verlagsangebot: SPIEGEL Akademie Hochschulkurs mit Zertifikat - Cyber SecuritySichern Sie das Internet der Dinge vor Cyberattacken! Erfahren Sie hier mehr.

Verlagsangebot: SPIEGEL Akademie

Hochschulkurs mit Zertifikat - Cyber Security
Sichern Sie das Internet der Dinge vor Cyberattacken! Erfahren Sie hier mehr.

Foto: rawpixel on Unsplash