Corona-Verschwörungstheorien Facebook erlaubte Werbung für Pseudowissenschaft

Facebook-Chef Mark Zuckerberg betont in der Coronakrise, wie wichtig ihm der Kampf gegen Falschmeldungen sei. Doch dem Unternehmen rutschen immer wieder Posts mit gefährlichen Verschwörungstheorien durch.
"Sicherstellen, dass Nutzer richtige Informationen zu sehen bekommen": Facebook-Chef Zuckerberg gelobt Besserung beim Kampf gegen Falschmeldungen

"Sicherstellen, dass Nutzer richtige Informationen zu sehen bekommen": Facebook-Chef Zuckerberg gelobt Besserung beim Kampf gegen Falschmeldungen

Foto: REUTERS / Leah Millis

Facebook bemüht sich nach eigenen Angaben darum, dass auf der Plattform weniger Falschinformationen über das neuartige Coronavirus verbreitet werden. Doch offenbar half das Unternehmen Anzeigenkunden dabei, die richtige Zielgruppe für Verschwörungstheorien zu finden. 

Einem Bericht des Investigativmagazins "The Markup"  vom Donnerstag zufolge haben Autoren eine Anzeige bei Facebook platziert, die bewusst an "Pseudowissenschaft"-Interessierte gerichtet war. Laut den Recherchen hatte Facebook mehr als 78 Millionen Mitglieder des sozialen Netzwerks zu der Kategorie "Pseudowissenschaft" zugeordnet. Die Journalisten hätten sogar eine Testanzeige mit dieser Zielgruppenauswahl bei Facebook posten können. Das Unternehmen haben diese freigeschaltet, und auch ein Werbe-Posting bei dem zu Facebook gehörenden sozialen Netzwerk Instagram sei nach wenigen Minuten akzeptiert worden. 

Dem Bericht zufolge waren Werbe-Postings von anderen Nutzern sogar automatisch in diese Kategorie einsortiert worden. Ein Händler von Mützen, die gegen Handystrahlen schützen sollen, hatte Anzeigen mit Fotos der Kopfbedeckungen bei Facebook geschaltet. Gegenüber "The Markup" gibt er an, dass er die Zielgruppe "Pseudowissenschaft" nicht selbst ausgewählt habe. Seine Anzeigen seien automatisch in diese Kategorie gerutscht. 

Facebook hat mittlerweile reagiert. Ein Sprecher teilte dem SPIEGEL am Freitag auf Anfrage mit: "Wir haben diese Zielgruppenoption entfernt, um einen möglichen Missbrauch bei Anzeigen zu verhindern." 

Ein Nährboden für Falschmeldungen 

Pseudowissenschaften bereiten oft den Nährboden für die Verbreitung von Falschinformationen. Spekulationen ohne fundierte Belege führen in der Coronakrise immer wieder zu kruden Verschwörungstheorien wie Behauptungen, Bill Gates sei der Coronavirus-Erschaffer, 5G ein Verbreitungsbeschleuniger und das Trinken von Bleichmittel helfe gegen Covid-19. Für diese Theorien gibt es keinerlei Belege oder Studien. In der Pseudowissenschaft ist das jedoch zweitrangig. 

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hatte erst in der vergangenen Woche betont , dass er sich weiterhin bemühe, Fehlinformationen zu reduzieren. Eine seiner wichtigsten Prioritäten sei es, "sicherzustellen, dass die Nutzer richtige und zuverlässige Informationen in allen Apps zu sehen bekommen". Allein im März habe man etwa 40 Millionen Facebook-Postings zum Thema Covid-19 mit Warnmeldungen markiert, um Nutzer auf mögliche Desinformation aufmerksam zu machen. Das habe 95 Prozent der Nutzer daran gehindert, auf den Artikel zu klicken, schreibt Zuckerberg. 

Filter verpassen 41 Prozent der Fake News 

Doch offenbar reichen alle diese Maßnahmen nicht aus, um Falschinformationen umfassend zu unterdrücken. Laut einer Studie der US-Bürgerrechtler von Avaaz  werden zwar mehr als die Hälfte der Falschinformationen bei Facebook herausgefiltert oder zumindest mit einer Warnmeldung markiert. Dennoch bleiben anschließend noch immer 41 Prozent der Falschmeldungen ohne Kennzeichnung übrig. 

Außerdem verstreicht laut der Studie zu viel Zeit, bis Facebook reagiert. Demnach kann es bis zu drei Wochen dauern, bis Falschinformationen überhaupt als irreführend eingestuft werden. "Diese Verzögerungen sind vor allem deshalb beunruhigend, weil Millionen Nutzer in der Folge diese schädlichen Falschinformationen über das Coronavirus sehen", schreiben die Bürgerrechtler. 

Facebook verwendet Software, um unerlaubte Meldungen herauszufiltern. Doch oft lässt sich ein Verstoß gegen die Regeln nur erkennen, wenn ein Mitarbeiter den Beitrag überprüft. Allerdings waren die Facebook-Faktenchecker bereits vor der Coronakrise am Limit und mussten bis zu 1000 Beiträge pro Tag prüfen - mit lediglich etwa zehn Sekunden Zeit pro Meldung für eine Beurteilung.