Henning Tillmann

Corona-Warn-App Das teure, vergessene Mammutprojekt

Henning Tillmann
Ein Gastbeitrag von Henning Tillmann
Ein Gastbeitrag von Henning Tillmann
Mit viel Euphorie ist die deutsche Corona-App vor vier Monaten gestartet. Seitdem wurde sie kaum weiterentwickelt - trotz hoher Kosten. Ein Blick nach Irland zeigt, dass es anders gehen könnte.
Risikoanzeige in der deutschen Corona-Warn-App

Risikoanzeige in der deutschen Corona-Warn-App

Foto: Florian Gaertner / photothek.net / imago images

Eine Pressekonferenz mit vier Bundesministern, einer Staatsministerin, zwei Unternehmensvertretern und dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts gibt es selten. Doch dem Start der groß angekündigten Corona-Warn-App Mitte Juni, dem besonderen Digitalprojekt 2020, wollten alle beiwohnen. Teilweise auch zu Recht: Die App startete gut, wurde von Datenschützerinnen und Datenschützern gelobt, erreichte gute Download-Raten und wurde im europäischen Vergleich mehrfach positiv herausgestellt.

Die Warn-App funktioniert seitdem alles in allem recht ordentlich. Sie warnt Menschen, die Kontakt zu anderen hatten, die mittlerweile positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Leider können sich selten gleich fünf Vertreter der Bundesregierung zu Recht für ein Digitalprojekt feiern lassen.

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Dominik Butzmann

Henning Tillmann ist Diplom-Informatiker, selbstständiger Softwareentwickler und lebt in Berlin. Er ist Co-Vorsitzender des digitalpolitischen Thinktanks D64 - Zentrum für digitalen Fortschritt und ist Mitglied der SPD.

Doch von der Anfangseuphorie ist vier Monate später kaum mehr etwas zu spüren. Statt die App als fortwährendes Projekt zu begreifen, scheint die Pressekonferenz zum Start der App gleichzeitig auch der Abschluss des Denkprozesses rund um digitale Lösungen zur Pandemiebekämpfung gewesen zu sein.

Sieht man von der überfälligen Verknüpfung mit anderen europäischen Warn-Apps ab, wurde die Corona-Warn-App nicht weiterentwickelt - augenscheinlich nicht einmal weitergedacht. Auch Telekom und SAP, die von der Bundesregierung beauftragt wurden, glänzten im Laufe des Sommers eher durch eine unzureichende Informationspolitik statt durch innovative Ausbaustufen.

Telekom und SAP: hohe Einnahmen, wenig Folgeleistung

Und auch wenn Telekom und SAP die Erfolge der Corona-Warn-App gern als ihre eigenen verbuchen, haben sie zur Kernfunktion nur wenig beigetragen. Tatsächlich haben die Unternehmen nur die grafische Oberfläche, das Einreichen von Positivmeldungen und einige Berechnungen zur Risikoeinstufung eingebracht. Die Grundfunktionalität der App wird als technischer Rahmen von den Machern der Smartphone-Betriebssysteme Apple und Google bereitgestellt. Diese Grundfunktionalität kam kostenfrei per Update auf alle halbwegs aktuellen Smartphones.

Die beiden US-Firmen hatten im Frühjahr ein System zum Austausch von Bluetooth-Schlüsseln entwickelt, auf dem auch die Corona-Warn-App basiert. Google bietet neuerdings sogar an, bei der Entwicklung der grafischen Oberfläche zu unterstützen und Apples iOS ist auch weniger auf eine eigene App angewiesen. Die Entwicklung der eigentlichen App ist somit inzwischen kaum mehr notwendig, und die Kosten sind bezogen auf den Aufwand gering.

Die irische App: viel günstiger und mit mehr Funktionen

Von Beginn an war die eigene Leistung der nationalen Apps überschaubar, wie das Beispiel Irland zeigt. Der Inselstaat gab die Entwicklung einer solchen App im Frühjahr bei einem Start-up in Auftrag. Die Anfang Juli erschienene "COVID Tracker App" wurde innerhalb eines Monats von über 30% der dortigen Bevölkerung heruntergeladen - relativ gesehen weitaus mehr als in Deutschland. Kostenpunkt der irischen App für iPhones und Android-Geräte: 850.000 € .

Die irische Corona-Warn-App bietet neben der Risikoermittlung noch weitere Funktionen

Die irische Corona-Warn-App bietet neben der Risikoermittlung noch weitere Funktionen

Foto: Clodagh Kilcoyne / REUTERS

Die Bundesregierung investierte jedoch deutlich mehr. Über 60 Millionen Euro hat die Warn-App gekostet, wenn man Wartung und Betrieb der Warn-App-Hotlines mitrechnet. Laut den Berechnungen des Datenanalysten Michael Böhme haben sich Stand Dienstagmittag 9641 Menschen mit nachgewiesener Infektion gemeldet . Umgerechnet bedeutet dies, dass jeder einzelne Positivfall aktuell gut 6200 Euro gekostet hat. Das ist viel Geld, das eigentlich nur dann gerechtfertigt wäre, wenn die App auch kontinuierlich weiterentwickelt würde und nicht schon wenige Monate nach dem Start in Vergessenheit geraten wäre.

Teuer heißt nicht besser, wie bei einem Vergleich der deutschen und irischen App zu sehen ist. Die Grundfunktionalität ist identisch, da beide auf dem bereits erwähnten Apple- und Google-Framework basieren. Die irische "COVID Tracker App" bietet zusätzlich eine persönliche Symptom-Verfolgung und generelle Statistiken zur Lage der Epidemie im Land. Ähnliche Funktionen vermisst man hingegen in der deutschen App. Aus Sicht des Datenschutzes wären solche zusätzlichen Funktionen grundsätzlich kein Problem.

Bundesgesundheitsministerium und Kanzleramt ohne Konzept

Die Corona-Warn-App wurde mit dem Kenntnisstand des Frühjahrs entwickelt. Aerosole, Superspreader-Events und Cluster waren damals kaum diskutiert. Potenzial für eine Weiterentwicklung gibt es also zu genüge : Die App könnte zum Beispiel erkennen, ob Kontakte mit mittlerweile positiv getesteten Menschen während großer Menschenansammlungen stattgefunden haben. Dies könnte in der Risikoermittlung (auch für weitere Anwesende) anders bewertet werden.

Selbst ein einfaches manuelles, freiwilliges Kontakttagebuch wäre leicht zu implementieren. Dies hilft Menschen nachzuvollziehen, mit wem sie Kontakt hatten, die die App nicht nutzen. Diese Textnotizen werden nicht weitergegeben, lokal gespeichert und automatisch nach 14 Tagen gelöscht. Der Programmieraufwand beträgt wenige Stunden. Aber selbst das kann die Corona-Warn-App nicht. Die Anzahl der neuen Funktionen seit Veröffentlichung der App: null.

Umso schwerer wiegt nun, dass nachdem der Entwicklungsprozess entgegen allgemeiner Erwartung überraschend transparent verlief , es anschließend über den Sommer komplett versäumt wurde, die vielen Hilfsangebote und Anregungen der Open-Source-Entwicklergemeinde in die weitere Entwicklung miteinzubeziehen. Stattdessen scheint nun ein noch fahleres Licht auf die Vergabepraxis, bei der es keinen Wettbewerb und keine Kontrolle gab.

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Bundesregierung und Robert Koch-Institut sollten nun einen Fahrplan vorlegen, wie die App weiterentwickelt werden soll. Das sehr großzügige Budget an die beiden deutschen Firmen sollte (hoffentlich!) noch Spielraum für Erweiterungen bieten. Falls nicht, gäbe es sicherlich auch genügend andere Entwicklerinnen und Entwickler, die übernehmen könnten.

Während die App mit viel Aufsehen im Frühsommer gestartet ist, haben Bundesgesundheitsministerium, Kanzleramt und das Robert Koch-Institut anscheinend neben viel Geld auch das Interesse verloren. Es ist zwar richtig, dass die App grundsätzlich funktioniert und die Nutzung weiterhin ausdrücklich empfehlenswert ist.

Einen Plan, wie die Nutzungszahlen erhöht werden können, beispielsweise durch mehr Funktionen oder gar Gamification-Ansätze, vermisst man schmerzlich. Woran könnte das liegen? Entweder hat die Bundesregierung das teure App-Projekt bereits zu den Akten gelegt, oder es fehlt das technische Verständnis, wie digitale Werkzeuge zur Pandemiebekämpfung eingesetzt werden könnten. Beide Antworten wären sehr bedauerlich.