Sascha Lobo

Halbwissen und Kommunikationsprobleme Warum werden Menschen mitten in einer Pandemie zu Impfgegnern?

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
In den vergangenen Jahren hat sich eine breite Impfgegnerschaft herausgebildet, die mit Corona enorm an Zulauf gewinnt. Nun kommt es gar zu einer Radikalisierung – und die ist höchst gefährlich.
Impfgegner bei einer Demonstration in Essen: Zwischen Coronaleugnung, Systemskepsis und Esoterik

Impfgegner bei einer Demonstration in Essen: Zwischen Coronaleugnung, Systemskepsis und Esoterik

Foto: Gottfried Czepluch / imago images/Gottfried Czepluch

Theodor Wiesengrund Adorno sah sich 1959 gezwungen, ein ganzes Buch über die Kehrseite sozialer Medien zu schreiben, dessen Essenz dieses Zitat ist: »Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind«. Es taugt heute als unfreiwilliges Motto der Impfgegnerschaft, die ihre halbverstandenen Behauptungen lautstark im Netz verbreitet.

Vor allem ihretwegen laufen wir in ein Coronaproblem hinein, dessen genaue Größenordnung wir zwar noch nicht erfassen können, denn die Impfbereitschaft ist inzwischen auf erfreuliche 75 Prozent angestiegen . Aber es wird ziemlich sicher zu groß, um es zu ignorieren. Und es führt direkt und indirekt zu massiven gesellschaftlichen Verwerfungen: Zum Problem werden auch hierzulande Leute, die sich nicht oder nicht vollständig impfen lassen wollen .

Wichtig ist hier das Wort »wollen«, denn es gibt Menschen, die sich nicht impfen lassen können – die sind selbstredend nicht Teil des Problems, sondern gehören im Gegenteil zu den Hauptleidtragenden. Denn Herdenimmunität basiert bekannterweise darauf, dass sich je nach Krankheit, Impfstoff und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie Alltagshygiene und Bevölkerungsdichte zwischen 60 und 80 Prozent der Menschen impfen lassen. Manche Fachleute sprechen sogar von Werten von 90 Prozent. Je mehr Personen sich nicht impfen lassen, obwohl sie es könnten, desto schwieriger wird, diejenigen schützen, für die eine Impfung nicht in Frage kommt, etwa einige Menschen mit Behinderung, Immunschwächen oder verschiedenen schweren Krankheiten. Oder Kinder, solange noch kein Impfstoff für unter Zwölfjährige zugelassen ist.

Nicht jeder Vorsichtige ist ein Impfgegner

In den vergangenen Jahren hat sich eine überraschend breite Impfgegnerschaft herausgebildet, die mit der Coronapandemie enorm an Zulauf gewonnen hat und noch gewinnt. Wichtig ist hierbei die Definition, denn Kritik – natürlich auch harsche und emotionale – an Impfungen, an Pharmaunternehmen, an Impfpolitik, an der Berichterstattung zum Impfkomplex oder auch der Wissenschaft sind legitim und sinnvoll. Auch die Coronamaßnahmen kann man heftig ablehnen, ohne gleich in diese Kategorie zu fallen.

Denn unter »Impfgegnern« verstehe ich hier ausschließlich Leute, die nicht Kritik üben, sondern Impfungen auf Basis von Halbwissen ablehnen. Menschen, die einfach aufgrund etwa der Neuheit der Impfungen vorsichtig sein möchten, zähle ich in dieser Analyse ausdrücklich nicht zu den Impfgegnern.

Allerdings gibt es eine Reihe von Impfgegnern, die sich selbst als Kritiker, Skeptiker oder mit ähnlichen Beschönigungsbegriffen bezeichnen. Diese Form von Verschleierung ist typisch: Ein in der Szene prominenter Impfgegner behauptet  gar, er sei für Impfungen – es gäbe bloß leider, leider derzeit keine einzige Impfung, die die von ihm akzeptierten medizinischen Standards erfüllen würde.

Das spezifische Impfhalbwissen wird erzeugt durch pseudowissenschaftliche und halbverstandene Studien, durch Rosinenpickerei und absichtliche Fehlinterpretationen, durch Verschwörungstheorien und Aufbauschen ernsthafter Kritik. Einen Beitrag leisten aber auch eine teils mangelhafte Kommunikation und ungünstige Aktivitäten des gesamten Gesundheitssektors zwischen Politik, Verwaltung, Verbänden, Institutionen – sowie manchmal auch das schwierige Verhalten von Einzelpersonen aus dem Gesundheitssystem.

Am anfälligsten für eine Vorstufe der Impfgegnerschaft, die Impfskepsis, scheinen eher liberal gesinnte, gebildete Personen  zu sein. Auch eine Geschlechterdifferenz lässt sich beobachten, es scheint deutlich mehr Impfgegnerinnen als Impfgegner zu geben.

Eine aggressive, oft menschenfeindliche Ideologie

Das würde auch mit diversen Studien zur Impfbereitschaft (wie etwa der des SPIEGEL von November 2020) korrelieren. Etwas vereinfacht lässt sich sagen: Was Rechtspopulismus für Männer ist, ist Impfgegnerschaft für Frauen – eine aggressive, oft menschenfeindliche Ideologie, die das eigene, bauchgefühlte Halbwissen über das Wohlergehen anderer Menschen stellt. Und die anknüpfungsfähig ist, sowohl für andere Menschenfeindlichkeiten wie Antisemitismus wie auch generell für Verschwörungstheorien aller Art, und bevorzugt mit der Opfererzählung arbeitet: Wir machen das, weil wir und unsere Kinder die Opfer sind.

Impfgegnerschaft erscheint als Einstiegsdroge in eine lebensbedrohliche Welt, in der sich mächtige, prinzipiell bösartige und meist geldgierige Zirkel gegen die Gesundheit der Bevölkerung verschworen haben. »Droge« ist dabei leider eine ziemlich treffende Metapher, weil es wie bei einer Sucht sehr schwer und für manche unmöglich ist, das irrationale, halbgebildete Anti-Impf-Weltbild abzulegen.

Befeuert wird die Impfgegnerschaft vor allem durch die Kommunikation im Netz. Aber warum werden Menschen mitten in einer Jahrhundertpandemie Impfgegner?

Durch die Analyse des Austauschs in sozialen Medien, in Gesprächen sowie bei der Auswertung verschiedener Studien und fachlicher Einschätzungen  habe ich Muster gefunden, die Aufschluss über die Gründe für Impfgegnerschaft geben können. Dabei möchte ich zwei Sphären unterscheiden: persönliche Gründe und externe, gesellschaftliche Gründe, die meist in vielfältigen Mischungen auftreten.

Persönliche Gründe für Impfgegnerschaft

  • Covid-Verharmlosung und -Leugnung: Die Zahl und die Intensität der entsprechenden Äußerungen scheinen mir geringer zu werden – aber noch immer sind überraschend viele Menschen überzeugt, dass Corona nicht existiert oder kaum schlimmer ist als eine Grippe. Dementsprechend wird die Impfung als überflüssig bis gefährlich betrachtet oder die Pandemie als Marketingtrick der Pharmaindustrie abgetan.

  • Systemskepsis: Ein generelles, tiefsitzendes Misstrauen gegenüber »den Mächtigen« und allem, was »von oben« kommt, ist nicht nur ein wichtiger Grund, sondern funktioniert auch als Kitt zwischen sehr unterschiedlichen (zum Beispiel rechten und linken) Impfgegnergruppen. Die Maßnahmen gegen die Pandemie, wie etwa Ausgangssperren, haben eigentlich nichts mit der Impfung zu tun – aber in einer Art Übersprungswut wird beides irrational vermengt.

  • Vulgär-Antikapitalismus: Eine Rechts-links-Impfquerfront findet sich ebenso wie bei der Systemskepsis auch beim Vulgär-Antikapitalismus. Hier gibt es nicht nur Zustimmung bis tief ins linksbürgerliche Lager, zum Beispiel, wenn jede Form von Markt im Gesundheitswesen abgelehnt wird. Es lässt sich auch ein mitschwingender, subtiler Antisemitismus beobachten, etwa mit Begriffen wie »Elite« oder »Finanzelite«.

  • Esoterik: Der Begriff »Pharmamafia« stellt ein Bindeglied dar zwischen Vulgär-Antikapitalismus und der Überzeugung, dass nicht die wissenschaftliche Methode (Evidenz, Statistik und Reproduzierbarkeit), sondern Aberglaube, Unerklärliches und Magie für die Gesundheit relevant wären.

  • Gefahrenübertreibung: Die Impfung gegen Covid-19 gilt vielen Impfgegnern als gefährlicher als die Pandemie. Das reicht von einer Vielzahl erfundener oder überhöhter Anekdoten mit katastrophalen Impffolgen (oft der Tod von Kindern) bis zu der Erzählung, die Impfung sei ein Instrument einer Weltverschwörung zur Auslöschung von Milliarden Menschen.

Gesellschaftliche Gründe für Impfgegnerschaft

  • Mangelnder und mangelhafter Diskurs: Einerseits ist tatsächlich zu wenig, zu intransparent und nicht ausreichend verständlich über tatsächlich problematische Folgen des Impfens gesprochen worden. Wenn einige Krankenkassen sogar Homöopathie bezahlen, dann ist das die Folge eines oft mangelhaften, öffentlichen Diskurses über Medizin und Gesundheit. Zu oft wurde Irrationalitäten nicht freundlich, aber deutlich widersprochen, sondern im Gegenteil politisch und gesellschaftlich Raum für Irrationalität geschaffen. Wer begeistert Ja zu Globuli sagt, kann nicht erwarten, dass gerade bei der Covid-Impfung ein völlig anderer Maßstab angelegt wird.

  • Wissenschaftskommunikationsprobleme: Trotz einzelner, leuchtturmhafter Ausnahmen wie dem NDR-Podcast von Sandra Ciesek und Christian Drosten  hat die Wissenschaftskommunikation in Zeiten sozialer Medien einige folgenreiche Probleme. Dazu gehört, dass beim breiten Publikum Statistiken, Wahrscheinlichkeiten und wissenschaftliche Fehlerkultur anders oder gar nicht verstanden werden. Die mediale Zuspitzung samt Aufmerksamkeitsökonomie, Vereinfachungsdruck und redaktioneller Unredlichkeit verstärkt diese Problematik noch.

  • Experten-Herablassung: Auch, aber nicht nur in der Wissenschaftskommunikation findet sich zu oft die Haltung des Herrschaftswissens, eine generelle Herablassung gegenüber Laien. Deshalb haben sich einige Fachleute auch fatalerweise dafür entschieden, über unerwünschte Nebenwirkungen des Impfens gar nicht zu sprechen – weil sie dem Publikum prinzipiell keine eigene, differenzierte Meinung zutrauen wollten. Das ist insbesondere deshalb toxisch, weil emotional der Trotz eine zentrale Rolle bei der Impfgegnerschaft spielt. Und intellektuelle Herablassung ist eine Trotzgarantie. Sehr ungünstig wirkt hier auch die Internetfeindlichkeit, die noch immer viele Fachleute und Institutionen mitbringen, das Netz und die sozialen Medien als »Reich des Pöbels« zu begreifen – was in der Öffentlichkeit zu Recht als Herablassung betrachtet wird.

  • Politisierung der Impfung: Die Politisierung der Impfung ist gefährlich, weil Politik eine Sphäre der Meinung ist – Impfungen aber zur wissenschaftlichen Sphäre gehören. Dort zählen Evidenzen und ihre Interpretationen, was etwas anderes ist (beziehungsweise sein sollte) als Meinung. Zugleich macht die Politisierung es schwieriger, sich für eine Impfung zu entscheiden, wenn die eigene politische Gruppe tendenziell skeptisch zu sein scheint.

  • Falsche Ausgrenzung: Die Öffentlichkeiten selbst, ob fachliche, publikumsmediale oder sozialmediale, können ebenfalls zur Impfgegnerschaft beitragen. Das gesellschaftliche und kommunikative Instrument der Ausgrenzung ist nicht prinzipiell tabu. Im Gegenteil ist es oft sinnvoll, Menschen die Folgen ihres eigenen Handeln spüren zu lassen. Aber die Art der Ausgrenzung und auch der Ton der dazugehörigen Kommunikation kann entscheidend sein. Auch hier spielt Trotz eine wichtige Rolle, denn insbesondere Menschen, die bislang nur leichte Zweifel haben, können durch unfaire, verallgemeinernde und boshafte Kommunikation in ihrer Ablehnung gestärkt werden.

Das Ergebnis all dieser Gründe und Hintergründe führt schon jetzt zu einer pandemischen Radikalisierung der Impfgegnerschaft. Gerade wenn eine Hyperemotionalisierung bevorsteht – wie beim Thema Impfungen für Kinder –, droht die Radikalisierungsspirale sich immer schneller zu drehen und sogar noch häufiger als bisher in Gewalt umzuschlagen.

Der Journalist Lars Wienand etwa hat in Diskussionen zu Impfungen in Schulen folgende Äußerungen beobachtet , hier im Originalwortlaut: »alle erhängen und erschießen, Man muss solche Ärzte boykottieren.« Oder: »Sollte eines meiner Kinder damit heimkommen… Rennt weg. Denn ich werde den Arzt mit samt der Familie finden und auslöschen!!« Man muss solche Extremismen auch deshalb ernst nehmen, weil bereits eine Reihe von Übergriffen und Attentaten  wie Sachbeschädigungen, Brandstiftungen und sogar Körperverletzungen von mutmaßlichen Impfgegnern verübt worden sind. Wir brauchen umgehend eine zielgerichtete Debatte, mit welchen Maßnahmen dieses Land der Impfgegner-Radikalisierung begegnen kann. Und muss.

Offenlegung: Ich habe in den vergangenen fünf Jahren etwa fünf Prozent  meines Einkommens mit Vorträgen in der Gesundheitswirtschaft erzielt. Meine Einschätzungen hat das nicht beeinflusst.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.