Erhöhter Datenverkehr wegen Coronakrise Die Mär vom verstopften Internet

Homeoffice, Netflix, Online-Games: In Deutschland und anderen EU-Ländern steigt das Datenvolumen wegen der Coronakrise deutlich an. Hält die Infrastruktur das aus?
Verteilerpunkt für Glasfaserkabel

Verteilerpunkt für Glasfaserkabel

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

In Frankreich ging Anfang der Woche das Gerücht um, sie würden bald Netflix und YouTube abklemmen,  damit die vielen Menschen, die wegen des Coronavirus inzwischen im Homeoffice sitzen, vernünftig arbeiten können. Auch in der Schweiz hieß es am Montag : "Kommunikationsnetze am Anschlag. Bundesrat droht mit Blockade von Videostreaming." Kritiker mahnten schon, die Netzneutralität, also die prinzipielle Gleichbehandlung aller durchs Internet transportierten Daten, sei nicht mehr sicher.

Die Meldungen aus Deutschlands Nachbarländern muten zunächst besorgniserregend an. Denn seit die Bundesregierung strenge Vorgaben zur sozialen Distanzierung gemacht hat, verlagert sich auch hier das Sozial- und Arbeitsleben immer stärker in den virtuellen Raum.

Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen sitzen mittlerweile im Homeoffice, konferieren per Videochat, führen Verhandlungen per Telefon. In ihrer Freizeit schauen sie zu Hause Netflix und YouTube, whatsappen mit Freunden oder nehmen an Online-Lesungen, Online-Konzerten oder Online-Yogakursen teil.

Kein Wunder also, dass in vielen EU-Ländern derzeit der Internet-Traffic steigt - und dass sich mancher fragt, ob die Infrastruktur dafür eigentlich ausgelegt ist. Und falls nein, was dann passiert. Bekommt das Internet bald wegen Corona Verstopfung?

Serverraum der Firma DE-CIX

Serverraum der Firma DE-CIX

Foto: Andreas Arnold/ DPA

Die kurze Antwort lautet: nein. Die Lage beim Internet-Traffic ist keineswegs so angespannt, wie es manche Meldungen vermuten lassen. Der größte deutsche Internetknotenpunkt DE-CIX zum Beispiel hat eine maximale Kapazität von 54,1 Terabit pro Sekunde, wird aber im Schnitt nur mit 6,3 Terabit pro Sekunde beansprucht.

In den vergangenen Tagen ist das Datenvolumen nach Angaben eines Sprechers um rund 0,8 Terabit pro Sekunde gewachsen, was einem Anstieg von zehn Prozent entspreche. In den kommenden Tagen und Wochen rechne man mit einem Anstieg um weitere 20 Prozent, weil große Internet- und Contentprovider derzeit ihre Bandbreiten erhöhten. Doch auch falls das Datenvolumen weit stärker steigen würde, sei das kein Problem.

"Selbst wenn alle Firmen Europas ausschließlich Homeoffice betreiben würden und nebenher noch die Fußball-EM übertragen wird, kann der DE-CIX die notwendigen Bandbreiten bereitstellen", sagt der Sprecher. Aber die EM fällt dieses Jahr wegen Corona ja ohnehin aus.

Das Problem ist also nicht generell die Internet-Infrastruktur. Wenn überhaupt, dann dürfte es zu lokalen und temporären Engpässen kommen - zum Beispiel wenn in einem Mehrfamilienhaus am Abend viele gleichzeitig Netflix gucken, zu dem Haus aber nur eine alte, langsame Internetleitung führt. Probleme tauchen hier vor allem bei datenintensiven Streamingdiensten auf. Klassische Home-Office-Anwendungen sind mit Blick aufs Datenvolumen vergleichsweise sparsam.

Wie sieht die Lage in anderen EU-Ländern aus?

Auch in anderen EU-Ländern geben die zuständigen Kommunikationsbehörden derzeit Entwarnung. Das Schweizer Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) etwa kann Drohungen des Bundesrats, Videodienste abzuregeln, nicht nachvollziehen. Der Mehrverkehr aus dem Homeoffice sei im Vergleich zum gesamten Datenverkehr wenig bedeutend und führe zu keiner Überlast, teilt die Behörde auf Anfrage mit. "Die Datenübertragung von Unterhaltungsangeboten im Internet wird in der Schweiz nicht heruntergeregelt."

Der größte Schweizer Telekommunikationsanbieter Swisscom sieht ebenfalls keine Engpässe im Datennetz. Im Telefonnetz allerdings sei das Volumen massiv gestiegen . "Die Menschen telefonieren deutlich mehr und länger als üblich - und zwar via Mobil- und Festnetz", sagt eine Sprecherin. Man überwache das Netz daher noch viel enger als sonst und stocke Kapazitäten auf. "Eine punktuelle Überlast kann zurzeit dennoch nicht ausgeschlossen werden."

In Frankreich hat der Präsident des Verbandes der Telekommunikationsbetreiber, Arthur Dreyfuss, inzwischen dementiert, dass Netflix- und YouTube-Beschränkungen anstehen. Tatsächlich machten YouTube, Netflix und Facebook rund 80 Prozent des Datenverkehrs in Frankreich aus, heißt es in einem Bericht der spanischen Zeitung "Diario Vasco" . Doch es sei definitiv genug Bandbreite vorhanden.

Laut Dreyfuss werden die Kapazitäten zudem weiter ausgebaut. "Zurzeit werden 15.000 Techniker und Ingenieure mobilisiert, um den Betrieb von Netzwerken sicherzustellen, die für das Leben und die Wirtschaft unseres Landes von wesentlicher Bedeutung sind", sagte er dem Portal BFMTV . "Die Verbrauchsspitzen, an die wir gewöhnt sind, werden sich langfristig zu einem kontinuierlichen Anstieg entwickeln. Es geht nicht darum, sie für die nächsten Tage zu managen, sondern für die nächsten Monate."

Die italienische Kommunikationsbehörde AGCOM bestätigte auf Anfrage einen signifikanten Anstieg des Datenvolumens. "Aus den Daten von MIX in Mailand, dem wichtigsten italienischen Internet-Knoten, geht hervor, dass das Netzwerk in der Woche vom 9. März Datenverkehrsspitzen von bis zu 1100 Gigabit pro Sekunde verzeichnete", schreibt ein Sprecher per E-Mail. "Der Monatsdurchschnitt liegt sonst bei 557 Gigabit pro Sekunde."

Das Datenvolumen des Videodienstes Skype hat sich Berichten zufolge um 100 Prozent erhöht, das von WhatsApp hingegen nur um 20 Prozent. Nach Angaben des Telekommunikationsunternehmens Telecom Italia wurde ein Großteil des zusätzlichen Traffics von Online-Videospielen verursacht.

Zu Beginn der Woche soll es immer wieder Probleme mit Internetanschlüssen gegeben haben, die aber inzwischen behoben wurden. Hauptthema scheinen auch hier punktuelle Engpässe gewesen zu sein. Zumindest gebe es in Italien derzeit keine Initiativen, Streaming oder Gaming einzuschränken, teilt die AGCOM mit.

In Spanien hat sich der Internet-Traffic laut einem Bericht der Zeitung "Diario Vasco"  durch die Coronakrise um 40 Prozent erhöht. Von Abregelungen einzelner Dienste ist auch hier keine Rede.

Was passiert, falls es doch zu Eingriffen kommt?

Sämtliche Kommunikationsbehörden betonen, dass sie die Lage weiter im Blick behalten - und dass sie für den sehr unwahrscheinlichen Fall einer Überlastung zumindest rechtlich kein Problem hätten, einzelnen Diensten temporär die Bandbreiten zu kappen.

Geregelt ist das in der EU-Verordnung 2015/2120. Laut dieser müssen Anbieter von Internetzugangsdiensten grundsätzlich den gesamten Internetverkehr gleich behandeln. Im Falle außergewöhnlicher Netzüberlastungen dürfen aber eben doch einzelne Dienste abgeregelt werden.

Technisch möglich ist das, weil Daten im Internet in Form kleiner Pakete übermittelt werden. Das gilt für Texte und Bilder ebenso wie für Videostreams und Telefonanrufe. Auf welchem Weg die einzelnen Pakete vom Sender zum Empfänger gelangen, wird sozusagen unterwegs entscheiden, damit die Pakete den möglichst schnellsten Weg nehmen, der sich aber ständig ändern kann, etwa weil irgendwo ein Server überlastet oder ein Kabel kaputtgegangen ist.

Damit aber alle Datenpakete zum Empfänger gelangen und dort wieder zusammengesetzt werden können, enthalten sie eine Art digitalen Adressaufkleber, ganz wie ein Postpaket. Auf dem steht, wer Sender und Empfänger sind und welche Nummer das Paket hat. Anhand dieser Informationen kann ein Internetprovider erkennen, ob ein Datenpaket von einem E-Mail-Server oder von Netflix kommt und es beispielsweise niedriger priorisieren, anderen Datenpaketen also sozusagen Vorfahrt gewähren.

Ein grundlegender Eingriff in die Netzneutralität wäre eine solche Notfallaktion aber nicht. Denn spätestens wenn die Corona-Pandemie zurückgeht und wieder mehr Menschen zur Arbeit und in echte Konzerte gehen, würden ja wieder alle Datenpakete gleich hoch priorisiert.