Faktencheck Nein, Bayern beschließt keine Verkürzung der Sommerferien

Auf WhatsApp macht ein Bild die Runde, das angeblich einen SPIEGEL-Artikel zeigt. Ursprung des Fakes war ein privater Aprilscherz. Es blieb nicht die einzige Falschmeldung zum Thema Schulen.
Auf WhatsApp kursieren Gerüchte und Halbwahrheiten zur Coronakrise

Auf WhatsApp kursieren Gerüchte und Halbwahrheiten zur Coronakrise

Foto: Martin Gerten/ DPA

Fakten oder falsche Behauptungen? Auf WhatsApp kursiert ein Kettenbrief mit einem Foto, das einige Lehrer und Schüler aufgeschreckt haben dürfte. Das Bild wirkt auf den ersten Blick wie ein Screenshot eines Artikels von der SPIEGEL-Website, mit der Überschrift "Bayern beschließt Kürzung der Sommerferien."

Auf dem Bild stehen die Namen zweier tatsächlicher SPIEGEL-Autoren, das Artikelbild zeigt Markus Söder und Olaf Scholz. Die erwähnte Verkürzung der Ferien wird sogar begründet: Weil wegen des Coronavirus vor Ostern drei Wochen lang die Schule ausfällt, würde man in Bayern nun die Sommerferien verkürzen.

Unser Urteil: Ein gefälschter Artikel.

Aus erster Hand wissen wir: Ein solcher SPIEGEL-Artikel ist nie erschienen.

Und auch der Inhalt der Nachricht ist erfunden. "Diese Meldung, die da kursiert, ist eine Fälschung", sagt dazu der Pressesprecher des Bayerischen Kultusministeriums auf SPIEGEL-Anfrage. Eine Verkürzung der Sommerferien sei nicht beschlossen worden. Kultusminister Michael Piazolo bezeichnete die Falschnachricht als "unverantwortliche Aktion": "Derartige missglückte Aprilscherze mitten in der Coronakrise sorgen nur für Unruhe und Verunsicherung."

Hinter dem Fake-Artikel steckt augenscheinlich ein Münchner Programmierer. Das Ganze sei ein spontaner Einfall gewesen, mit dem er eigentlich nur seinen Kindern einen Streich spielen wollte, sagt jener Mann dem SPIEGEL. "Aprilscherze haben in unserer Familie große Tradition." Für die Fälschung des Artikels habe er nur zwei Minuten gebraucht. Verbreitet worden sei die Falschmeldung durch seine Kinder, die das Bild vom angeblichen SPIEGEL-Artikel im Klassenchat gepostet hätten.

Der Programmierer versuchte seinen Scherz am Frühstückstisch der Familie zu lancieren, erzählt er. Dokumentiert ist das Ganze auch in einem Video, das der Mann per Handykamera aufgenommen hat. Darin ist zu hören, wie seine neunjährige Tochter die Fälschung schnell durchschaut: "April, April, heute ist der 1. April", ruft sie nach wenigen Sekunden. "Scheiße, ihr seid so klug", sagt der Familienvater daraufhin, als er merkt, dass sein Scherz auffliegt. Der elfjährige Sohn indes wäre wohl auf die Fälschung hereingefallen - diesen Eindruck erweckt jedenfalls das Video.

Ein simpler Trick

Auch auf andere Menschen wirkte der Fake-Artikel offenbar echt genug: Im Laufe des Vormittags erreichten die SPIEGEL-Autoren, deren Namen im Bild auftauchen, mehrere E-Mails. "Geht’s noch", schrieb beispielsweise eine Leserin. "Wir reißen uns seit drei Wochen den Ars... auf, um von zu Hause aus zu beschulen." Als die Kollegen die Fälschung aufklären konnten, war die Leserin schnell beruhigt. Auch beim Bayerischen Kultusministerium meldeten sich erboste Eltern. Inzwischen hat das Ministerium eine Pressemitteilung zum Thema herausgegeben.

Als der Familienvater merkte, dass die Falschmeldung viral geht, entschuldigte er sich öffentlich auf Twitter. "Ich wollte natürlich nicht, dass Lehrer beim Kultusministerium anrufen und der Autor böse Nachrichten bekommt", schreibt er dem SPIEGEL. "Gruselig, wie sich sowas verbreitet."

Den Artikel hat der Programmierer mit einfachsten Mitteln gefälscht. Dazu musste er lediglich einen existierenden SPIEGEL-Artikel öffnen und dann auf seinem Rechner den HTML-Code manipulieren. Dazu reicht die Editier-Funktion in einem Browser wie Chrome oder Firefox. Als Vorlage nutzte der Mann einen echten SPIEGEL-Artikel mit dem gleichen Bild, der von den beiden Autoren verfasst wurde. Dieser Text hatte allerdings ein ganz anderes Thema.

Der Münchner Programmierer veränderte nun mit wenigen Handgriffen die in seinem Browser dargestellte Überschrift des Artikels. Die Manipulation bleibt so nur lokal auf seinem Rechner sichtbar, die Online-Version des Artikels verändert sich dadurch selbstverständlich nicht. Für einen Screenshot aber reicht das.

Weil solche Fälschungen des HTML-Codes extrem einfach und schnell zu machen sind, sind sie immer wieder ein Teil von Desinformationskampagnen.

Wollen Sie selbst nicht auf entsprechend gefälschte Artikel hereinfallen, wenn diese nur auf Whatsapp nur in Bildform kursieren, empfiehlt es sich, allzu überraschende Inhalte mit einer Suchmaschine zu nachprüfen: Tippt man beispielsweise die Überschrift eines SPIEGEL-Artikels ergänzt um das Suchwort SPIEGEL ins Google-Suchfeld, dürfte jeder echte Artikel leicht zu finden sein.

Nicht die einzige Falschmeldung zu Schulen

Zum Thema Schulen kursierten am Mittwoch übrigens noch weitere Falschmeldungen, dass sich die Schulministerien einzelner Länder wegen der Coronakrise zu radikalen Maßnahmen entschlossen hätten. So sollten angeblich die Sommerferien mal verkürzt, mal ganz abgesagt werden. Andere Meldungen vermittelten den Eindruck, dass mehrere Schuljahre zusammengezogen werden. Doch auch diese Meldungen sind falsch, bundesweit gibt es derzeit keine solche Ankündigung. "Für solche Aprilscherze ist aktuell kein Platz", stellt etwa die für die Schulaufsicht zuständige Bezirksregierung von Unterfranken in einem Tweet fest.

Dass die Falschmeldungen teils große Kreise zogen, hat - neben der aktuellen Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Schuljahres - auch damit zu tun, dass in den vergangenen Tagen über eine Verschiebung oder Kürzung der Ferien ganz ernsthaft diskutiert worden war.

So hatte Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau"  gesagt: "Man muss beispielsweise darüber nachdenken, ob man die Sommerferien verkürzt, als eine Möglichkeit, Stoff aufzuholen." Und der CDU-Politiker Philipp Lengsfeld hatte im "Tagesspiegel"  mit Blick auf die Berliner Schulpolitik gefordert: "Das Schuljahr muss um drei bis vier Wochen verlängert werden. Und zwar so schnell wie möglich."

Bekommen Sie solche oder ähnliche Corona-Nachrichten über WhatsApp, Telegram oder Facebook-Gruppen? Werden Sie von Freunden oder Verwandten auf Artikel über das Coronavirus hingewiesen, deren Quelle und Wahrheitsgehalt sie nicht einschätzen können? Schreiben Sie uns eine E-Mail an corona.faktencheck@spiegel.de - wir überprüfen ausgewählte Fälle und veröffentlichen das Ergebnis auf spiegel.de/thema/coronavirus-faktencheck.

Mitarbeit: Armin Himmelrath