Pandemie Gesundheitsministerium zählt 42 Millionen mehr Impfzertifikate als Impfungen

In Deutschland wurden bisher deutlich mehr digitale Zertifikate ausgestellt als Coronaimpfdosen verabreicht. Was zunächst nach massenhaften Fälschungen klingt, ist wohl anders zu erklären.
In der CovPass-App kann das digitale Impfzertifikat hinterlegt werden: »Das schreit nach weiterer Aufklärung«

In der CovPass-App kann das digitale Impfzertifikat hinterlegt werden: »Das schreit nach weiterer Aufklärung«

Foto: Christian Ohde / imago images

In Deutschland wurden seit Beginn der Impfkampagne vor 13 Monaten 42,6 Millionen mehr digitale Impfzertifikate ausgestellt als Coronaimpfdosen verabreicht. Das geht aus Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums hervor, über die die »Neue Osnabrücker Zeitung« (NOZ)  am Donnerstag berichtet. Bis zum vergangenen Freitag wurden demnach insgesamt 204,7 Millionen digitale Zertifikate über erfolgte Coronaimpfungen ausgegeben. Demgegenüber stehen 162,1 Millionen Dosen für Erst-, Zweit- und Drittimpfungen, die bis zu diesem Montag insgesamt verimpft wurden.

Bürgerinnen und Bürger können für jede Impfung ein digitales Zertifikat mit einem QR-Code erhalten, um damit ihren digitalen Impfnachweis etwa in der CovPass-App  oder der Corona-Warn-App auf den neuesten Stand zu bringen. Diese Zertifikate können pro Impfung aber auch mehrfach ausgestellt werden.

Zu viele Zertifikate müssen kein Hinweis auf Fake-Zertifikate sein

Auf Twitter berichten viele Nutzerinnen und Nutzer der digitalen Impfzertifikate, dass sie sich tatsächlich mehrfach ein digitales Zertifikat besorgt hätten. So wurde in manchen Fällen im Impfzentrum der falsche Name oder der falsche Impfstoff eingetragen, weshalb anschließend ein Gang in die Apotheke nötig gewesen sei, um ein korrektes Zertifikat zu erhalten.

Andere berichten, dass viele Patienten mit ihrem Impfzertifikat von der verimpfenden Stelle trotzdem in die Apotheke gingen. Die Patienten hielten dies offenbar fälschlicherweise für notwendig, während die Apotheken pro ausgestelltem Zertifikat Geld bekämen.

In all diesen Fällen wäre pro Impfung mehr als ein Zertifikat gezählt worden. Der Überhang an Zertifikaten ist also nicht unbedingt ein Hinweis darauf, dass Millionen Menschen im Besitz eines gefälschten digitalen Impfausweises sind. Dennoch zeigen die Zahlen aus der Antwort des Bundesgesundheitsministeriums einmal mehr, dass die deutsche Impfkampagne und gerade ihre digitale Umsetzung den Bürgerinnen und Bürgern teils schlecht erklärt wurde und für sie unverständlich war. Auch die Mängel bei der Datenerfassung der Impfkampagne offenbaren sich ein weiteres Mal.

Gesundheitsministerium sieht keine Hinweise auf nicht gemeldete Impfungen

Das Ministerium sieht dem Bericht der NOZ zufolge in der Differenz weder einen Hinweis auf Fake-Impfpässe noch auf millionenfach nicht gemeldete Impfungen. Ein Ministeriumssprecher nannte auf Nachfrage »verschiedene Gründe«.

Zum einen seien »insbesondere zu Beginn der Anwendung viele Zertifikate automatisch durch Impfzentren erstellt und an die geimpften Personen geschickt« worden, während die betroffenen Personen oftmals bereits ein Zertifikat in einer Apotheke ausgestellt bekommen hätten. Des Weiteren könnten Zertifikate »auch mehrfach ausgestellt werden, wenn beispielsweise eine Person ihr Zertifikat verliert«, heißt es im Bericht der NOZ .

Die Impfungen der niedergelassenen Ärzte werden von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) organisiert. Diese sieht laut NOZ ebenfalls keine Hinweise darauf, dass millionenfach zu wenig Impfungen gemeldet wurden. »Wir gehen auf Basis der vertragsärztlichen Abrechnungsdaten davon aus, dass eine Untererfassung durch das digitale Impfquoten-Monitoring (DIM) nicht generell gegeben ist und damit die dargestellte Lücke nicht erklären kann«, sagte ein KBV-Sprecher der NOZ und ergänzte: »Um diese Lücke zu erklären, sind vertiefende Analysen der Daten zur Zertifikatsausstellung nötig, die aktuell nur das Robert Koch-Institut durchführen kann.«

Das RKI wollte sich nicht äußern und verwies auf das Bundesgesundheitsministerium. Kritik kam aus der Opposition. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Linkenfraktion, Kathrin Vogler, sagte der NOZ: »Das schreit nach weiterer Aufklärung. Die Bundesregierung muss dringend für Klarheit sorgen.« Vogler gab zu bedenken, dass vermutlich längst nicht jeder Geimpfte auch ein digitales Zertifikat habe, gerade unter den Hochbetagten. »Dann wäre bei mehr als jeder vierten Impfung etwas schiefgelaufen.«

Überhang an Impfzertifikaten vergrößert sich

Die Diskrepanz zwischen Zertifikaten und verabreichten Impfdosen ist in den zurückliegenden Wochen noch erheblich gewachsen. So waren laut Ministerium bis zum 15. Dezember 162.397.255 digitale Impfzertifikate ausgestellt und nach Angaben des Robert Koch-Institutes (RKI) 136.641.993 Impfdosen verabreicht worden. Mitte Dezember betrug der »Überhang« an Zertifikaten demnach »erst« knapp 26 Millionen gegenüber aktuell mehr als 42 Millionen.

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Allerdings sind gerade Mitte Dezember so viele tägliche Coronaimpfungen wie zu keinem anderen Zeitpunkt in der Pandemie verabreicht worden. Viele der geimpften Personen dürften demnach versucht haben, ein digitales Impfzertifikat zu bekommen und dabei möglicherweise auch mehrfach Zertifikate beantragt haben. Gleichzeitig könnte ein aktueller digitaler Impfnachweis für viele noch wichtiger geworden sein, weil 2G-plus-Regeln zum Beispiel in der Gastronomie erlassen oder verschärft wurden.

hpp/afp
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