Cyberbytes Regierung - Hacker 0:1

"E-Dreams": Dokumentarfilm zur Pleite von Kozmo.com in US-Kinos gestartet +++ MSN Search: Microsoft pfuscht sich auf den Suchmaschinen-Thron +++ US-Regierung nimmt nach Hackerattacken Webserver eines Ministeriums vom Netz +++


"E-Dreams": Das Trauma der Krise gebiert Lehrstücke wie am Fließband

"E-Dreams": Das Trauma der Krise gebiert Lehrstücke wie am Fließband

Und wieder mal dient die Pleite eines Dot.com-Unternehmens als Stoff für einen Kinofilm. "E-Dreams" heißt das neueste Dokuwerk von Wonsuk Chin, das den rasanten Aufstieg und Fall einer der einst "gehyptesten" Internet-Companys porträtiert: Kozmo.com

Kozmo.com? Sie erinnern sich vielleicht, der amerikanische Online-Lieferdienst für Videos, Eiscreme und Pizza mit dem vielen Venture-Capital - und dem doch so schwachen Business-Modell. Kozmo-Gründer Joseph Park zählte bis zum Nasdaq-Crash im April 2000 zu den Stars der boomenden New Economy. Der koreanische Kurzzeit-Multimillionär und Medien-Darling wurde gar von einer Talkshow zur anderen durchgereicht. Kozmo-Fahrradkuriere überfluteten mit ihren orangefarbenen Umhängetaschen ein gutes Dutzend amerikanische Großstädte.

Der vergangene Woche in US-Filmhäusern angelaufene Streifen "E-Dreams" dokumentiert nun die ganze Happy-End-lose Kozmo-Misserfolgsgeschichte des verbrannten dreistelligen Millionenbetrags - die aus heutiger Sicht so unglaublich scheint.

Dot.com-Pleiten als Filmstoff auszuschlachten hat in den USA ja fast schon Tradition. Vor einigen Monaten zeichnete der Film "Startup.com" eine ganz ähnliche Pleitenchronik nach, und zwar die des Bürgerportals GovWorks.com. Im Juni hatte zudem Starregisseur Wayne Wang mit der Fictiongeschichte "Macht der Begierde" den rasanten Aufstieg und Fall der Webökonomie auf Zelluloid gebannt.

Seit Spätsommer halten sich auch Gerüchte, die spektakuläre Boo.com-Pleite werde verfilmt. Wie der englische "Guardian" berichtete, sollen die beiden 250-Millionen-Dollar-Bankrotteure Kajsa Leander und Ernst Malmsten die Filmrechte für eine sechsstellige Summe an ein Hollywoodstudio verkauft haben. Cameron Diaz und Ed Norton sollen die Hauptrollen spielen. Im November ist bereits das Buch zur Pleite, "BooHoo", erschienen. +++

Microsoft: Per Zwangsumleitung zum Suchmaschinen-Primus

Pfusch: Per Tippfehler wurde MSN Search zum erfolgreichsten Suchdienst

Pfusch: Per Tippfehler wurde MSN Search zum erfolgreichsten Suchdienst

Eine Überraschung präsentierte vergangene Woche Jupiter Media Metrix: Gemäß Online-Reichweitenanalysen vom November 2001 ist das beliebteste Suchportal weder Google noch Yahoo! oder Lycos. Nein, vielmehr führt erstmals die Microsoft-Search-Engine MSN Search mit fast 37 Millionen Besuchern das Ranking amerikanischer Suchmaschinen an. Der zweitplatzierte Dienst Yahoo! konnte im selben Zeitraum nur 31,9 Millionen Surfer zählen.

Microsofts deutlicher Zugriffszahlenvorsprung kommt dabei jedoch nicht ganz ohne Trickserei zu Stande: Amerikanische Websurfer, die den Microsoft-Browser Internet Explorer verwenden und sich bei der Eingabe einer Internet-Adresse vertippen, landen automatisch beim Gates-Suchdienst. Wie eine bereits im August - übrigens ebenfalls von Jupiter Media Matrix - präsentierte Studie konstatierte, strandeten jedoch fast 60 Prozent aller Nutzer von MSN Search via unfreiwilliger Umleitung beim Microsoft-Portal. +++

US-Regierung: 1:0 für Hacker

Die amerikanische Regierung kapituliert vor Cyberkriminellen - zumindest temporär. Schon seit November sind die Websites verschiedener zum Department of the Interior zählenden Behörden, darunter etwa der National Park Service oder der Fish and Wildlife Service nicht mehr zu erreichen.

Nachdem im November Hacker in die Ministeriumsserver eindringen konnten, hatte ein US-Richter verfügt, das gesamte Department vom Netz zu nehmen. Hintergrund der so eiligen Schließung: Auf dem Webserver des Amtes für Staatsliegenschaften und Naturparks liegt auch das Online-Angebot des Bureau of Indian Affairs, über welches wiederum die Gelder eines zehn Milliarden US-Dollar schweren Ausgleichsfonds zur Ausbeutung der amerikanischen Ureinwohner verwaltet wird.

Noch immer ist das Gros der Internet-Dependancen offline. Einer Sprecherin zufolge arbeiten Softwareexperten weiterhin fieberhaft daran, die Behördensites besser gegen Cyberattacken zu sichern. In die Offline-Röhre schauen daher nun schon seit drei Monaten vor allen Dingen Touristen: Das Webangebot des National Park Service - insgesamt gibt es fast 400 amerikanische Nationalparks - zählte mit mehr als 700.000 täglichen Besuchern zu den beliebtesten amerikanischen Reiseseiten im Netz.

Infos zu Parks, Vulkanen, Tierreich oder sonstigen Sehenswürdigkeiten müssen derweil zum Leidwesen der Parkadministrationen "old fashioned" per Telefon abgerufen werden. Auch Reservierungen sind nicht mehr per E-Mail zu tätigen. "Diese Situation ist eine echte Herausforderung für uns", so ein Sprecher des Golden Gate Parks in San Francisco. "Wir müssen uns plötzlich auf die alten Tage ohne PC und Internet zurückbesinnen."

Sehr wahrscheinlich könnte das noch eine ganze Weile so bleiben: Die Websites sollen erst nach strengsten Sicherheitstests wieder sukzessive online gehen. So warten wohl nicht nur Millionen amerikanischer Outdoor-Freaks und Wandersleute sehnsüchtig auf den Relaunch - auch der Web-Untergrund fiebert auf einen derart prestigeträchtigen Hack.



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