CyberBytes Und wo bleibt der Spaß?

Die ersten Kommerz-Napster sind nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch mau +++ Während Rap-Labels Handy-Klingeltöne als Marketingtool entdecken, bekämpft EMI die nervigen Digi-Konserven +++ Traurige Weihnachten im Silicon Valley

Von Jochen A. Siegle


Jochen Siegle

Jochen Siegle

Nun ist es also so weit. Das Zeitalter der kommerziellen Online-Unterhaltung ist angebrochen. Listen.com und RealNetworks haben die beiden ersten von der Entertainmentindustrie autorisierten Musikdienste im Web gestartet. Zwischen sechs und zehn Dollar pro Monat kosten die Services, die, mit Verlaub gesagt, nicht viel mehr als Magerkost bieten. 15.000 Titel will der San Franciscoer Listen.com-Ableger Rhapsody offerieren, darunter bislang ausschließlich Indieware von Labels wie Love Cats oder JamDown.

RealOne hat dagegen Zugriff auf das MusicNet-Repertoire und stellt 75.000 Songs - wohlgemerkt inklusive Topacts - zur Verfügung. Das mag auf den ersten Blick als enorme Palette erscheinen, scrollt man jedoch einmal durch die Channels, wird schnell deutlich, wie dünn das Angebot doch - oder noch? - ist.

Und was Rhapsody zu wenig hat, hat RealOne zu viel: Mainstream-Pop à la Aguilera, Spears oder Backstreet Boys ist gleich auf der Musik-Einstiegsseite verlinkt. In den Archiven finden sich zwar Künstler wie beispielsweise R.E.M., Fatboy Slim oder Tony Braxton, deren Discografien sind jedoch mehr als löchrig.

Mit einem derart selektiven Programm lassen sich Webmusikfans kaum locken. Startet, wie schon seit Monaten angekündigt, dieser Tage auch noch der Pressplay-Abodienst von Sony und Vivendi Universal, ist die User-Konfusion perfekt: Ohne zu wissen, wo der Lieblingskünstler unter Vertrag steht, wird man selbigen kaum finden. In der Folge bedient sich die Online-Community wie gehabt kostenlos bei Napster-Klonen wie Morpheus, Kazaa oder Gnutella.

"RealOne": Der Abo-Dienst stützt sich auf die Kooperation mit dem Bertelsmann/Emi/Warner-Dienst MusicNet

"RealOne": Der Abo-Dienst stützt sich auf die Kooperation mit dem Bertelsmann/Emi/Warner-Dienst MusicNet

Auch in puncto Nutzerfreundlichkeit lässt RealOne nur wenig Freude aufkommen. Seit Tagen ist der Dienst stundenlang nicht verfügbar. Die Streams sind, zumindest mit einer 56K-Verbindung, ziemlich ruckelig, kaum ein Song kommt ohne Aussetzer rüber - Hörvergnügen kann man das nicht nennen. Downloads brechen immer wieder ab und lassen sich weder auf CD brennen noch auf den MP3-Player für unterwegs überspielen. Auch über die Katalogisierung lässt sich streiten. Was hat Rednex' "Cutten-Eye Joe" bitte bei Techno/Dance zu suchen? Sorry, aber RealOne macht nicht wirklich Spaß. Selbst ohne Nutzungsgebühren in der Testphase. +++

Apropos Online-Musik mit zweifelhaftem Geschäftsmodell:

Erstmals hat in den USA ein Plattenlabel Musiktracks als Klingeltöne für Mobiltelefone lizenziert. Die ersten "Handy-Songs" stammen von den Rapbands Moob Deep und Wu-Tang Clan und sind über das Mobilfunk-Portal Zingy.com herunterzuladen. Die Plattenfirma Loud Records versteht die Aktion als spaßigen Marketinggag: Noch bevor die Titel in die Geschäfte kommen, stehen diese als blecherne Rington-Konserve bereit. "So sind die Musikstücke schon lange vor der Veröffentlichung Gesprächsthema", verspricht sich Loud-Records-Chairman Stephen Rifkind.

Das britische Label EMI kann sich dagegen nur wenig für Musik-Promotion via Mobilfon begeistern. Die Plattenfirma hat vergangene Woche die Klingeltonmelodien von 300 ihrer Songs aus dem Netz verbannen lassen. Eine ganze Reihe von Künstlern hätte einem EMI-Sprecher zufolge moniert, ihre Stücke seien nicht dafür komponiert, als nerviges Handy-Gedudel zu erschallen. Zu den betroffenen Titeln gehören auch die Melodien bekannter TV-Serien wie "Akte X" und "Star Trek" oder der "Titanic"-Soundtrack. Schätzungen der Marktforscher von Jupiter Media Metrix zufolge hat sich das einstige Underground-Phänomen der Handy-Klingeltonie mittlerweile zu einer Multi-Millionenbranche entwickelt. Die Arc Group geht sogar davon aus, dass bis im Jahr 2006 weltweit mehr als 550 Millionen Menschen Klingeltöne für ihr Mobilfon aus dem Netz laden. +++

Null Bock auf X-Mas

Wenig Spaß haben in dieser Vorweihnachtszeit in der San Francisco Bay Area auch die Angestellten von Hightech-Unternehmen. Mit den Blütezeiten der New Economy sind im Silicon Valley nun mal auch die Tage opulenter Weihnachtspartys vorbei. Statt mit Champagner und Kaviar wird dieses Jahr spartanisch mit Bier und Würstchen gefeiert - oder auch überhaupt nicht.

So beispielsweise bei National Semiconductor aus Santa Clara. Im vergangenen Jahr hatte der Chiphersteller noch dreitausend hoch dotierte Tech-Worker in das eigens zum Nachtclub umfunktionierte San Jose Convention Center geladen und mit üppigsten Büffets, erstklassigem Entertainment-Programm und Live-Musik verwöhnt. Cocktails wurden von aus Eis geformten Bars gereicht.

Dieses Jahr könnte die Stimmung in der Branche nun kaum eisiger sein. Tausende Tekkies und Dotcommies haben ihren Job verloren, Dutzende Firmen sind auf Kosteneffizienz getrimmt, personell deutlich "entschlackt" - oder pleite. Die Eventmanager zwischen San Francisco und San Jose klagen bereits, in diesem Jahr nur noch halb so viele X-Mas-Partys zu veranstalten wie 2000. Das damals noch florierende Infoportal Yahoo! hatte sich etwa ganz pompös ins "Exploratorium" in San Franciscos Presidio eingebucht. Die Internet-Media-Company C|net veranstaltete in der City Hall eine rauschende Party mit mehrköpfiger Popcombo.

Man könnte auch vermuten, manch marode Company habe noch einen weiteren Grund, die Christmas-Sause abzublasen: Einer jüngst veröffentlichten Studie zufolge soll sich jeder fünfte amerikanische Arbeitnehmer auf Grund exzessiven Alkoholkonsums nach einer Weihnachtsfeier krankschreiben lassen. In diesem Sinne: Prost Vorweihnachtszeit!



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.