Doku-Reihe "Darknet" Dieser Mann liebt eine Videospielfigur

In der N24-Dokureihe "Darknet" geht es nicht ums Darknet. Sondern um Kuriosa des Digitalzeitalters, um ungewöhnliche Leben und Menschen.

Japanischer "LovePlus"-Spieler
Hunter Richard/ IMG Media

Japanischer "LovePlus"-Spieler

Von


Wer wissen will, wie "Darknet" inszeniert ist, muss nur die ersten Sekunden einer der acht Folgen anschauen. "Wir werden zu Code und laden uns hoch in die Cloud", heißt es jeweils in der Showtime-Dokuserie, die jetzt auf N24 startet. "Aber jenseits des Webs beginnt ein Niemandsland, ein Chaos aus Einsen und Nullen. Hier herrschen eigene Gesetze. Willkommen im Darknet, willkommen auf der dunklen Seite."

Wow krass, könnte man nun denken oder: Geht mir weg mit euren Sprachbildern von Code, Cloud und dunkler Seite. Das Darknet war in den letzten Wochen schließlich ein großes Thema - vor allem, weil der Amokläufer von München sich wohl dort seine Waffe besorgte. Was mit Darknet üblicherweise gemeint ist, haben wir zum Beispiel hier erklärt, und hier kann man lesen, warum das Darknet auch gute Seiten hat.

Überraschenderweise ist das Darknet in "Darknet" aber gar nicht das beherrschende Thema. Die ersten vier Folgen, die wir vorab sehen konnten, haben Schwerpunkte wie Beziehungen, Biohacking und Kinderpornografie. Es werden Menschen porträtiert, die ungewöhnliche Leben führen, was meist mit Technik und dem Internet zusammenhängt.

Jede Sekunde wird gefilmt

In Folge eins etwa geht es um einen Japaner, der mit seiner Freundin im Park spaziert und Bötchen fährt, wobei jene Dame nur virtuell im Spiel "LovePlus" für seinen Nintendo-Handheld existiert. Kontrastiert wird das mit einem BDSM-Pärchen, bei dem die Herrin per Smartphone den Alltag des Sklaven bestimmt. Aus der Ferne zwingt sie ihn, joggen zu gehen und ihr ein Selfie von sich auf Knien zu schicken.

Der Künstler Chris Dancy durchleuchtet sein eigenes Leben - und zeichnet jede Sekunde seines Tages auf. Er wird in Folge zwei vorgestellt.
Jackie Hurwitz/ IMG Media

Der Künstler Chris Dancy durchleuchtet sein eigenes Leben - und zeichnet jede Sekunde seines Tages auf. Er wird in Folge zwei vorgestellt.

Folge zwei stellt einen Hacker mit RFID-Chip in der Hand vor und einen Mann, der jede Sekunde seines Tages aufzeichnet. Letzterer erklärt seine Entscheidung damit, dass er sich selbst "wieder unter Kontrolle kriegen" musste. Später darf man dann miterleben, wie jemandem eine Kamera ins Auge eingesetzt wird. Autsch.

"Abgründe der digitalen Welt"

"Darknet" behandele die "Abgründe der digitalen Welt", teasert N24 die Serie an. Oft zweifelt man, ob das Gezeigte wirklich ein Abgrund ist oder nur so wirkt, weil die Bildsprache drumherum so düster ist. Verschärfend kommt hinzu, dass die englische Sprecherin auch Texte für eine Mystery-Serie einsprechen könnte, direkt mit der "Darknet"-Musik.

Wen überrascht es, dass BDSM-Beziehungen mittlerweile auch per Smartphone geführt werden? Und sollte ich mich nicht eher für die beiden freuen, dass ihnen das Rollenspiel so leicht von der Hand geht? Und kann man es mir nicht egal sein, ob jemand in Japan eine Videospielfigur anhimmelt? Wenn es ihn glücklich macht?

In eindeutigeren Abgründen landet man in Folge drei, die sich zeitweise tatsächlich ums Darknet dreht. Hier kommt eine Mutter zu Wort, deren Kind mit Cybersex Geld für die Familie verdienen sollte, auch betroffene Kinder äußern sich. Dazu wird ein Sexualstraftäter gezeigt, bei dem Forscher den Grad der Erektion messen, während er sich bestimmten Reizen aussetzt. Und später geht es noch um ein zehnjähriges computeranimiertes Mädchen, das bei verdeckten Ermittlungen gegen Pädosexuelle eingesetzt wird.

Wie weit dürfen virtuelle Erfahrungen gehen?

An Stellen wie dieser schneidet "Darknet" wirklich kontroverse Themen an - und zwingt zum Nachdenken statt Gaffen: So wird etwa die Frage aufgeworfen, ob es okay wäre, wenn Pädosexuelle ihren sexuellen Bedürfnissen virtuell nachgehen könnten: mit Avataren, ohne dass jemand dabei zu Schaden kommt.

Forschung mit Sexualstraftäter
David Smith/ IMG Media

Forschung mit Sexualstraftäter

Die Auswahl der Protagonisten ist die große Stärke von "Darknet", immer wieder ist man überrascht, wer vor der Kamera auftaucht. Die Personen lassen einen weiterschauen, obwohl der düstere Grundton der Serie schnell nervt und das ständige Springen von einem Extrem zum nächsten. Schaut man vier Folgen am Stück, wünscht man sich fast eine nette oder lustige Netz-Geschichte zur Abwechslung.

"Hier werden Bilder zu Brandsätzen. Wörter zu Waffen", wird zum Beispiel aus dem Off geschwafelt. "Das Internet kann dich krank machen und erpressen" und "Hacker und Kriminelle lauern überall, und nur der Bildschirm trennt uns von ihnen."

Nicht jeder Japaner liebt Computerfiguren

Obwohl die Doku ihre Themen geschickt auf Einzelpersonen herunterbricht, ist sie sich manchmal zu schade, die Beispiele für sich stehen zu lassen. "Fleischliche Gelüste interessieren sie nicht, sie versorgen sich anderweitig", wird etwa über Männer wie den verliebten Japaner getextet - dabei ist es natürlich auch in Japan nicht die Regel, mit einer Computerspielfigur anzubandeln.

Immerhin sind manche Geschichten originell verpackt und funktionieren im Wechsel mit anderen Erzählsträngen gut. Beim BDSM-Pärchen etwa hat man als Zuschauer zuerst den Eindruck, es würde um eine ganz normale Fernbeziehung gehen. "Ich schreibe ihr mindestens einmal pro Stunde", sagt etwa der Mann, und sie: "Ich krieg' eine Nachricht, wenn er aus dem Haus geht und wenn er bei der Arbeit ankommt."

In welchem Kontext die Zitate stehen, versteht man erst Minuten später. "Wenn ich bei ihm bin, kann ich ihn fesseln", sagt die Frau dann. "Online spielt sich alles im Kopf ab. Ich muss ihn mental und emotional dominieren." Und der Mann, von dem man mittlerweile weiß, dass er einen Peniskäfig tragen muss, sagt Sätze wie: "Das ist so erniedrigend, dass es mich total anmacht."

Mit einem Niemandsland, dem am Folgenbeginn erwähnten Chaos aus Einsen und Nullen, hat "Darknet" dann nicht mehr viel zu tun - zum Glück, muss man wohl sagen.


"Darknet" läuft ab dem 5. August immer freitags auf N24, in Doppelfolgen, jeweils ab 23.05 Uhr.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
megmo 06.08.2016
1. Kunstbegriff Darknet?
Dieses mystische verklären und sammeln unter einem Überbegriff wie Darknet nervt, wenn vieles ja eigentlich nichts mit diesem Netz als solches zu tun hat. Was bringt das, wenn man dann alle möglichen Leben, die weniger der Norm entsprechen, mit diesem Begriff assoziiert? Soll jeder der ein Schattendasein spannend findet oder an solchen Gedankengebäuden gefallen findet, nun nach diesem eigentlichen Darknet forschen? Lieber sachlich und nüchtern berichten als in Dinge irgendwas hineinprojezieren, die überhaupt nicht miteinander zusammenhängen, sondern unabhängig voneinander existieren.
whocaresbutyou 06.08.2016
2. die 25 geheimsten Plätze der Welt, jetzt auf RTL2
Zitat von megmoDieses mystische verklären und sammeln unter einem Überbegriff wie Darknet nervt, wenn vieles ja eigentlich nichts mit diesem Netz als solches zu tun hat. Was bringt das, wenn man dann alle möglichen Leben, die weniger der Norm entsprechen, mit diesem Begriff assoziiert? Soll jeder der ein Schattendasein spannend findet oder an solchen Gedankengebäuden gefallen findet, nun nach diesem eigentlichen Darknet forschen? Lieber sachlich und nüchtern berichten als in Dinge irgendwas hineinprojezieren, die überhaupt nicht miteinander zusammenhängen, sondern unabhängig voneinander existieren.
Kaum taucht irgendein neuer Begriff auf, wird er für jeden banalen Mist instrumentalisiert. Dunkel ist ja schon mal super, das dunkle Netz... noch besser... aber englisch muss schon... Drogen, Waffen, Gewalt... gesetzlose Parallelwelten... ... und Sex geht ja eigentlich immer. Und alles bequem vom Wohnzimmersessel aus. Der feuchte Traum eine jeden freiberuflichen C-Schmierfinken... pardon... Livestyle-Journalisten. Hipster sein ist ja auch nicht mehr toll, seit selbst der Hausmeister jedes zweite Wochenende hip ist... Nerdbrillen und -pullis hat mittlerweile auch jeder... Geht man eben mal zu den Lichtscheuen. Guided Tour durch`s Darknet... vom Wohnzimmersessel aus... Mit Live-Interviews von Aussteigern! Die 25 unglaublichsten... ... geskripteten Storys aus dem Praktikantenfundus von RTL2...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.