Das Netz in fünf Jahren Wie die Politik das Internet zurückerobert

Wenn Politiker eingreifen: In fünf Jahren zerschlagen Regierungen die allmächtigen Online-Monopolisten und trennen Infrastruktur von Dienstleistungen. Der große Knall soll das Netz wieder für neue Firmen und Ideen öffnen. Eine Geschichte aus der Zukunft des Internets.
Vertreibung aus dem Paradies: Konzerne bestimmen, dann greift die Politik durch

Vertreibung aus dem Paradies: Konzerne bestimmen, dann greift die Politik durch

Foto: Corbis

Niemand weiß, was in fünf Jahren noch alles passiert, wie das World Wide Web dann aussehen wird, welche Techniken unseren Alltag bestimmen. Klar ist nur: Das Netz wird sich verändern. Das folgende Szenario ist ein Gedankenexperiment: Was passiert, wenn die großen Internetkonzerne noch mächtiger werden und ihnen niemand Einhalt gebietet?

Der Erfolg des World Wide Web ist eng verbunden mit großen Unternehmen. 2016 gibt es einen mächtigen Online-Laden, der eine weltweite Logistikkette aufgebaut hat und als Großhändler bei den Produzenten die Preise mitbestimmt. Produkte, die es nicht in den Shop schaffen, werden nur in viel beachteten Einzelfällen ein Erfolg. Es gibt einen Konzern, der Smartphones und Computer herstellt und seinen Kunden außerdem Musik, Bücher, Fernsehserien und Kinofilme für die Geräte verkauft. Tausende Patente schützen die edlen Hightech-Computer vor Nachahmern - eher unnötig, weil die benötigten Rohstoffe und Fertigungskapazitäten von dem Unternehmen ohnehin auf Jahre hinaus gebucht und bezahlt sind.

Das Wissen der Welt wird von einem Unternehmen gesammelt, organisiert und vermarktet. Eigens entwickelte Scanner erfassen Bücher, Fotos, Videos und Filme, Bauten, Kunstwerke und Erbgut. Gespeichert wird all das in speziellen Rechenzentren, die das Unternehmen weltweit aufgestellt hat. Eigene Datenverbindungen pumpen die Informationen zu den Providern, möglichst nah an den Anschluss des Nutzers. Was von der Suchmaschine nicht erfasst und auf einer der vorderen Trefferseiten ausgespuckt wird, kommt im kollektiven Gedächtnis kaum mehr vor.

Internetprovider verkaufen ihren Kunden nicht nur den Zugang ins Netz und ganze Entertainment-Pakete, sondern außerdem einen schnelleren Videozugang für eine Extragebühr. Ohne den Aufpreis ruckeln die Videos mit 28K-Auflösung beim Abspielen nicht, sie sind schlicht nicht verfügbar. Ebenfalls im Angebot: Durchsatzstarke E-Mail-Konten, Video-Chats in HD-Qualität in ausgewählte Zielländer und garantierte Zugriffszeiten auf Auktionsplattformen.

Quasi-Monopolisten verlieren ihre Infrastruktur

Eigentlich sollte das Internet es Firmengründern doch einfacher machen: Eine gute Idee sollte ausreichen, Kosten für Technik keine Rolle spielen. Doch die anfängliche Euphorie ist verflogen, die Claims sind abgesteckt. Seit drei Jahren ist kaum mehr Bewegung im Markt - im Internet-Zeitalter eine lange Zeit. Die Vorteile der großen Anbieter sind unverwüstlich, in Beton gegossen und in Silizium geätzt. Politiker beschließen, etwas zu unternehmen: Eine Expertenkommission lotet Möglichkeiten aus, die Übermacht weniger Firmen einzuschränken.

Sie befindet, dass es Quasi-Monopole in etlichen Bereichen gibt, und empfiehlt schließlich die strikte Trennung von Technik und Inhalten: Eine Firma, die den Markt für Suchmaschinen beherrscht, darf nicht gleichzeitig ein weltweites Vertriebsnetz aufbauen - sondern muss auf bestehende Datenleitungen zurückgreifen. Die Hersteller von Computern und Smartphones müssen sich auf die Hardware beschränken und können nicht länger von Werk ab einen exklusiven Shop integrieren, dessen Produkte sie selber auswählen.

Provider werden verpflichtet, alle Daten mit der gleichen Priorität zu behandeln: Sie sind für die Netz-Anbindung zuständig, nicht für den Absatz von Entertainment-Paketen. Wer im Internet im großen Stil Waren absetzt, muss auf die Logistikkette anderer Unternehmen zugreifen und kann nicht auf eigene Flugzeuge und Lagerhäuser setzen.

Der weitreichende Eingriff in die Freiheit des Marktes soll allen Anbietern die gleichen Zugangschancen einräumen - und ist höchst umstritten. Der Ausgang des politischen Großexperiments ist völlig unklar. Doch für einen kurzen Moment scheint wieder alles denkbar zu sein, in einem Netz der unbegrenzten Möglichkeiten.

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