Drosselung bei Smartphone-Tarifen Erst Highspeed, dann Kriechspur

Im Jahr 2016 surfen viele Smartphone-Nutzer mit Geschwindigkeiten, gegen die selbst ISDN-Verbindungen schnell wirken. Die Anbieter verdienen gut daran, dass sie Datenvolumen zu einem Luxusgut verknappen.

SPIEGEL ONLINE

Von und


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Botschaften des Schreckens für Smartphone-Besitzer beginnen meist mit "Lieber Kunde". Dann erläutert der Tarifanbieter freundlich, dass das monatliche Inklusivdatenvolumen leider verbraucht sei oder bedrohlich zur Neige gehe. Bald, lieber Kunde, werde die Surf-Geschwindigkeit reduziert. Auf 64 Kilobit pro Sekunde. Auf 32. Oder auf 16.

Während sich mit LTE-Geschwindigkeit Webseiten von einem Megabyte Größe in Sekundenbruchteilen aufbauen, dauert es mit 16 Kilobit pro Sekunde mehr als acht Minuten.

Die SMS zur Tempodrosselung ist das Ende jeder vernünftigen Smartphone-Nutzung, sagt auch Josefine Milosevic vom Magazin "Connect": "Es wird in jedem Fall so langsam, dass man davon ausgehen sollte, dass alles jenseits von E-Mail fortan Quälerei ist."

Wieso ändert sich nichts?

Die Drosselung ist auch im Jahr 2016 das wohl größte Ärgernis für deutsche Handynutzer. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen ein Smartphone besitzen und mobil ins Internet gehen, ist in Deutschland immer noch eine künstliche - und drastische - Verlangsamung des Surftempos Standard, sobald man sein Datenvolumen verbraucht hat und kein Datenpaket teuer nachkaufen will.

Wie absurd und einschneidend die Drosselung ist, verdeutlicht ein Beispiel: Ein analoges Modem bot früher ein Tempo von bis zu 56 Kilobit pro Sekunde, ein Standard-ISDN-Anschluss kam auf bis zu 128 Kilobit pro Sekunde. Mit maximal 16 Kilobit pro Sekunde surft man heute also langsamer als Ende der Neunzigerjahre. Dabei sind Websites viel bildlastiger und aufwendiger geworden.

Die deutschen Mobilfunkanbieter haben ihre Kunden über die Jahre an ein vor allem für sie vorteilhaftes Modell gewöhnt, das sie bei Nachfrage selbst nicht so recht begründen wollen. In den meisten Tarifen ist schnelles Handy-Internet noch immer ein Luxusgut, anders als in anderen Ländern. Wer regelmäßig mobil ins Netz geht und auch mal längere Videos sehen will, braucht einen teuren Tarif oder muss WLAN suchen.

Unbegrenzt ist oft nicht wirklich unbegrenzt

Dass das so ist, versuchen die Anbieter so gut wie möglich hinter Werbefloskeln zu verbergen. E-Plus wurde seine Erwähnung eines "unbegrenzten" Datenvolumen erst im Februar vom Landgericht Potsdam untersagt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Praktisch drosselte E-Plus so stark wie andere Anbieter.

Darin, das Standardgeschäftsmodell gut zu verkaufen, sind viele Firmen geschickt. "Ohne Aufpreis weitersurfen", verspricht zum Beispiel Winsim. Das Unternehmen gehört beim Drosseln zur "bis zu 16 Kilobit pro Sekunde"-Fraktion. Auf der Winsim-Website wird eine in vielerlei Hinsicht irreführende Grafik gezeigt, die durch die konstant hohen Balken rechts den Eindruck erweckt, man könnte nach einer Drosselung problemlos weitersurfen, alles im grünen Bereich. Das stimmt aber nicht. Winsim hat sich auf eine Anfrage zum Thema bislang nicht geäußert.

Winsim-Grafik zur Drosselung
SPIEGEL ONLINE

Winsim-Grafik zur Drosselung

Immerhin geht der Trend bei Tarifen zum höheren Inklusivvolumen: Vodafone versprach Neukunden jüngst "dauerhaft mehr Datenvolumen für das Surfen mit maximaler Geschwindigkeit", die Telekom stockt ab Dienstag für Magenta-Mobil-Kunden das monatliche Inklusivpaket auf. Bedenkt man aber, wie viele Daten Apps wie Facebook, Snapchat oder die Livestreaming-App Periscope brauchen, sind viele Pakete immer noch klein.

Mit unserem Datenvolumenrechner können Sie ausprobieren, wie schnell zum Beispiel 500 Megabyte aufgebraucht sind - schon eine Stunde Spotify hören und ein Netflix-Film reichen.

Um der angedrohten Tempobremse zu entgehen, müssen Kunden Daten nachkaufen - die sind im Verhältnis zum ursprünglichen Datenvolumen aber oft unverhältnismäßig teuer. Die Mobilfunkanbieter verdienen also gutes Geld damit, wenn Kunden sich für ein zu kleines Monatspaket entscheiden.

Daten sind das neue Kerngeschäft der Mobilfunkanbieter

Beim Anbieter Smartmobil - das sind die mit der Heino-Werbung - bekommen Kunden gerade sechs Gigabyte "LTE-Highspeed" für monatlich 23 Euro, inklusive SMS- und Telefon-Flatrates. Zum Paket gehört auch eine vorgeblich "faire Datenautomatik". Das ist eine Tarifregel, durch die nach Verbrauch der sechs Gigabyte automatisch bis zu drei Mal 100 Megabyte nachgebucht werden - für jeweils zwei Euro. Im Grundtarif hatte man für zwei Euro noch 500 Megabyte Daten bekommen - und da sind die Flatrates sogar rausgerechnet.

Fotostrecke

12  Bilder
Handyverträge: Zwölf wichtige Punkte bei der Wahl eines Handytarifs

Kein Wunder also, dass die Mobilfunkfirmen diversen Studien zufolge schon jetzt oder zumindest bald mit Datenpaketen mehr Umsätze machen als mit Anrufen und Mobilnachrichten. Das liegt auch daran, dass zum Beispiel längst mehr WhatsApp- als SMS-Nachrichten verschickt werden, wie eine Marktstudie des Branchenverbandes VATM aus dem Jahr 2015 zeigt (PDF-Seite 30).

Surfen mit gezogener Handbremse

Die Angst vor Drosselung oder vor teurem Nachkaufen hemmt viele Nutzer: Lieber nicht das YouTube-Video in der Bahn schauen, und auch Netflix bleibt aus. So surfen vermutlich viele Deutsche immer mit angezogener Handbremse, ohne darüber nachzudenken, was eigentlich alles möglich wäre, wenn es die verdammte Drosselung nicht gäbe.

Studien (PDF, Seite 29), die angeben, dass Nutzer mehrheitlich weniger als ein Gigabyte im Monat verbrauchen, sollte man daher nicht überinterpretieren. Vielleicht sind einfach nur wenige Nutzer bereit, die teuren Preise für mehr Daten zu zahlen - auch wenn viele gern öfter mobil ins Netz gehen wollen würden. Der Run auf die Daten, den es gab, als ein australischer Anbieter seine Drosselung kurzzeitig aufhob, legt das nahe.

Netzausbau ist teuer, sagen die Anbieter

Fragt man einige Mobilfunkanbieter, warum sie ihren Kunden nicht zumindest ein wenig mehr Surfqualität auch nach Verbrauch des Inklusivvolumens ermöglichen - immerhin wäre das ein Alleinstellungsmerkmal -, bekommt man von keinem eine stichhaltige Antwort.

Die Telekom-Tochter Congstar etwa konstatiert nur, ein Absenken des Tempos auf Werte wie 64 oder 32 Kilobit sei "absolut marktüblich". E-Mails funktionieren trotz Datenbremse ja noch, trösten die angefragten Anbieter Aldi Talk, Lidl Connect, Vodafone und die Telekom unabhängig voneinander.

Fotostrecke

10  Bilder
Tipps fürs Smartphone: So schonen Sie Ihr Datenvolumen

Als Begründung dafür, dass es in Deutschland keine echten Handy-Flatrates gibt, führt der Telekom-Sprecher unter anderem die hohen Investitionskosten der deutschen Netzbetreiber an - ein besseres Argument lieferte auch kein anderer Anbieter.

Eine Telefónica-Sprecherin schreibt, Märkte müssten "sehr genau auf die Bedürfnisse der Kunden hin analysiert und entsprechende Angebote geschnürt werden". Klarmobil kauft laut einem Sprecher bei den drei großen Netzbetreibern Telekommunikations-Kontingente ein und gestaltet dann eigene Tarifangebote. "Es entzieht sich daher unserer Kenntnis, warum die Netzbetreiber die Geschwindigkeit auf einen bestimmten Wert drosseln."

Düstere Aussichten

"Die hohen Preise in Deutschland sind gelernt", beschreibt dagegen "Connect"-Expertin Josefine Milosevic die Marktsituation. Anders gesagt: Wer für die bisherigen Angebote viel Geld verlangen kann, wird nicht ohne Not Rabatte anbieten. Hinzu kommt, dass viele Deutsche einen Vertrag fürs Internet daheim haben. Mit allzu günstigen und großzügigen Smartphone-Tarifen würde sich so mancher Anbieter selbst Konkurrenz machen.

Momentan sehe es nicht danach aus, als würde sich an den Angeboten grundsätzlich etwas ändern, resümiert Milosevic. "Die Anbieter werden den Teufel tun, mit den Preisen runterzugehen."


Zusammengefasst: Smartphone-Nutzer werden in ihrer Surfgeschwindigkeit radikal gedrosselt, sobald sie ihr gebuchtes Datenvolumen aufgebraucht haben. Die harten Geschwindigkeitsbremsen wirken angesichts immer neuer Apps und aufwendigerer Webseiten nicht mehr zeitgemäß, für Nutzer sind sie ein Ärgernis. Die Anbieter halten trotzdem an der Regelung fest - mit fadenscheinigen Argumenten.



insgesamt 188 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pksvz 14.04.2016
1. Immer mehr Daten müssen transportiert werden
Die Leistung steigt: immer schnellere Anschlüsse und mehr zugestellte Daten. Die Anschlusspreise steigen aber nicht, daher ist eine Drosselung legitim. Zudem kann jeder nachbuchen: damit zahlt auch nur der mehr, der mehr Leistung beansprucht (bzw. die Netze stärker belastet).
westerwäller 14.04.2016
2. Internet über Funk ist von sich aus Murks ...
In einer Funkzelle können sich nahezu beliebig viele Empfänger tummeln. Diese müssen sich alle die schmale Bandbreite teilen. Das würde ruck-zuck zusammenbrechen, würden zu viele die Möglichkeit haben, gleichzeitig mit hoher Datenrate zu funken. Beispielsweise wenn viele einen Film in HD anschauen wollen. Deswegen ist eine Beschränkung nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig. Bei DSL&Co. gibt es diese Einschränkungen nicht ... Also: Internet über Funk ist Murks ...
cor 14.04.2016
3. Unsinn
Zitat von pksvzDie Leistung steigt: immer schnellere Anschlüsse und mehr zugestellte Daten. Die Anschlusspreise steigen aber nicht, daher ist eine Drosselung legitim. Zudem kann jeder nachbuchen: damit zahlt auch nur der mehr, der mehr Leistung beansprucht (bzw. die Netze stärker belastet).
Die Leistung ist bereits heute da. Sie wird künstlich verknappt, um die Preise möglichst hoch zu halten.
haudy 14.04.2016
4. Das ist eine direkte Folge...
der irrwitzig hohen Erlöse bei den Versteigerungen der Mobilfunk-Frequenzbänder bis zurück in die neunziger Jahre durch die Bundesnetzagentur. Die Mobilfunkanbieter müssen diese Kosten von zig Milliarden irgendwie refinanzieren, das geht nur noch über eine Verteuerung des Datenverkehres. Mit Mobilfunkgesprächen oder SMS wird kein großes Geld mehr verdient.
NauMax 14.04.2016
5. Schlimmer!
Es wird ja noch schlimmer: die Deutsche Telekom hat dieses Modell in Zeiten von Video-Streaming und Online-Spielevertrieb auf DSL-Verbindungen übertragen. Ein 90 minütiger Konifilm in Full-HD ist je nach Datenformat ca. 10GB groß. Spiele erreichrn mittlerweile gerne mal an die 20GB. Wie weit man da mit diesen Drosseltarifen von 10, 20, 30GB im Monat kommt, muss wohl nicht erklärt werden. Deutschland, technisch Steinzeitland - es zeigt sich leider immer wieder.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.