David Eagleman Wie das Internet die Zivilisation retten kann

Enthält das Netz ein Gegengift gegen die Bedrohungen der modernen Zivilisation? Der Neurophilosoph David Eagleman glaubt fest daran. Ein Allheilmittel gegen die Probleme der Gegenwart aber, ist es nicht.

Das Internet hat meine Einschätzung der Gefahr eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs verändert. Wenn wir von den Reichen, die vor uns niedergingen, hören, ist es einleuchtend, dass unsere Zivilisation denselben Weg gehen und schließlich einem der traditionellen Übel anheimfallen wird - irgendetwas zwischen Epidemie und Ressourcenerschöpfung. Aber der schnelle Fortschritt des Internets hat meine Ansicht über unsere üblichen Existenzbedrohungen gründlich (und glücklicherweise) verändert. Es folgen sechs Möglichkeiten, wie der Besitz eines schnellen und riesigen Kommunikationsnetzwerks uns viel mehr Glück einbringt, als unsere Vorfahren hatten:

Die Kaltstellung von Epidemien

Eine der schlimmeren Aussichten für einen Zusammenbruch ist eine ansteckende Krankheitsepidemie. Bakterielle oder virale Epidemien lösten den Niedergang des goldenen Zeitalters von Athen, des Römischen Reichs und der meisten Reiche der amerikanischen Ureinwohner aus. Das Internet kann unser Schlüssel zum Überleben sein, weil die Fähigkeit, in Telepräsenz zu arbeiten, die Übertragung von Mikroben durch die Verringerung des zwischenmenschlichen Kontakts hemmen kann. Angesichts einer ansonsten verheerenden Epidemie können Unternehmen Zuliefererketten aufrechterhalten, wobei die meisten Angestellten von zu Hause aus arbeiten. Das wird zwar nicht jeden von der Straße fernhalten, aber es kann die Wirtsdichte unter den Umschlagpunkt senken. Wenn wir bei der Ankunft einer Epidemie gut vorbereitet sind, können wir uns reibungslos in eine Gesellschaft der Selbstquarantäne verwandeln, in der die Mikroben aufgrund der Knappheit von Wirten scheitern. Was auch immer die sozialen Übel der Isolation sein mögen, für die Mikroben sind sie schlimmer als für uns.

Verfügbarkeit von Wissen

Wichtige Entdeckungen blieben früher an dem Ort, an dem sie gemacht wurden. Betrachten wir die Impfung gegen Pocken: Diese Praxis wurde in Indien, China und Afrika mindestens schon hundert Jahre gepflegt, bevor sie ihren Weg nach Europa fand. Bis die Idee Nordamerika erreichte, waren die Eingeborenenkulturen schon lange kollabiert. Informationen sind nicht nur schwer mitzuteilen, sie sind auch schwer am Leben zu erhalten. Sammlungen der Gelehrsamkeit, von der Bibliothek in Alexandria bis zum Korpus der Maya, wurden Opfer der Brandanschläge von Invasoren oder der Stürme bei Naturkatastrophen. Wissen ist schwer zu gewinnen, aber leicht zu verlieren.

Das Internet löst das Problem der Übermittlung von Wissen besser als jede Technik, die wir zuvor hatten. Neue Entdeckungen werden sofort bekannt: Die Informationen werden weit verbreitet, und die Redundanz verhindert ihre Auslöschung. So können Gesellschaften die neuesten Wissensbausteine in ihrem Kampf gegen existentielle Bedrohungen einsetzen.

Geschwindigkeit durch Dezentralisierung

Wir erleben den Niedergang langsamer, zentraler Kontrolle in den Medien: Nachrichten tendieren immer mehr dazu, von Benutzern generierte Netze dynamisch aktualisierter Informationen zu sein. Bei den jüngsten Großbränden in Kalifornien wandten sich die Ortsansässigen an die Fernsehsender, um zu erfahren, ob ihre Nachbarschaft in Gefahr war. Aber die neuen Sender scheinen sich am meisten um das Schicksal von Villen berühmter Leute zu kümmern. Also änderten die Kalifornier ihre Strategie: Sie sendeten Tweets, luden Handyfotos hoch, die mit Geotags versehen waren, und aktualisierten Facebook. Das Internet verbreitete die Nachrichten schneller und genauer als jeder Nachrichtensender. In diesem dezentralisierten System gab es in jedem Nachbarschaftsblock zur Szene gehörende Berichterstatter, und die Nachrichtenwelle war schneller als die Feuersbrunst. Bei entsprechenden Umständen könnte dieser Vorsprung die zusätzlichen Stunden bedeuten, die uns retten.

Minimierung der Zensur

Die politische Zensur war im letzten Jahrhundert ein vertrautes Gespenst, wobei vom Staat gebilligte Nachrichtenvertriebsstellen die Presse, den Äther und Kopiermaschinen in der ehemaligen Sowjetunion, Rumänien, Kuba, China, im Irak und anderen Ländern beherrschten. In all diesen Fällen legte die Zensur der Gesellschaft Fußfesseln an und schürte Revolutionen. Historisch gesehen, bestand eine erfolgreiche Strategie darin, freie Rede auf freie Rede treffen zu lassen - und das Internet ermöglicht das auf ganz natürliche Weise. Es demokratisiert den Informationsfluss, indem es Zugang zu den Zeitungen der Welt, den Fotografen jeder Nation und den Bloggern jeder politischen Couleur bietet. Manche Beiträge in Internetforen sind voller Fälschungen und Unredlichkeit, andere streben nach Unabhängigkeit und Objektivität, aber alle stehen dem Endbenutzer zur Verfügung, der sie in vernünftiger Erwägung durchgehen kann.

Demokratisierung der Bildung

Der größte Teil der Welt hat keinen Zugang zu der Bildung, die einer kleinen Minderheit geboten wird. Für jeden Albert Einstein, Yo-Yo Ma oder Barack Obama, der eine Bildungschance hat, gibt es unzählige andere, die diese Chance nie bekommen. Diese gewaltige Verschwendung von Talent schlägt sich direkt in einem verringerten wirtschaftlichen Ausstoß nieder. In einer Welt, in der Wirtschaftskrisen häufig mit einem Zusammenbruch verbunden sind, sind die Gesellschaften wohlberaten, alles Humankapital, über das sie verfügen, in Anschlag zu bringen. Das Internet öffnet die Tore der Bildung für jeden, der Zugang zu einem Computer hat. Das ist nicht immer eine leichte Aufgabe, aber die bloße Machbarkeit definiert das Spielfeld neu. Ein motivierter Teenager irgendwo auf der Welt kann durch das Wissen der Welt spazieren, von Wikipedia bis zum Lehrplan der OpenCourseWare am MIT.

Energieersparnis

Manchmal wird behauptet, dass der Zusammenbruch einer Gesellschaft in Begriffen der Energie ausgedrückt werden kann: Wenn die Energieausgaben anfangen, die Energieeinnahmen zu übersteigen, kommt es zum Zusammenbruch. Das Internet geht das Energieproblem mit natürlicher Leichtigkeit an. Betrachten wir die enormen Energieeinsparungen, die mit dem Übergang von der regulären Post zur E-Mail verbunden sind. Vor einem Jahrzehnt noch wurde Information nicht in Gigabytes, sondern in Kubikmetern von Aktenschränken angehäuft. Es könnte sein, dass der technologische Wandel vom Papier zu Elektronen über die Bequemlichkeit hinaus für die Zukunft entscheidend ist. Natürlich gibt es Energiekosten für die Anhäufung von Computern, die dem Internet zugrunde liegen, aber diese Kosten sind weit geringer als die Wälder, Kohlebecken und Ölvorräte, die für dieselbe Menge von Informationsfluss aufgewendet werden müssten.

Das Gewirr von Ereignissen, die einen Zusammenbruch der Gesellschaft auslösen, kann komplex sein, und es gibt mehrere existentielle Bedrohungen, gegen die das Internet nichts ausrichtet. Dennoch scheint es, dass eine ausgedehnte, vernetzte Kommunikation als Gegengift für mehrere der verbreitetsten und tödlichsten Krankheiten der Zivilisation dienen kann. Beinahe zufällig verfügen wir jetzt über die Fähigkeit zur Selbstquarantäne, zur Speicherung von Wissen, zur Beschleunigung des Informationsflusses, zur Verringerung der Zensur, zur Realisierung des Humankapitals und zur Einsparung von Energieressourcen. Wenn also nächstes Mal ein Mitarbeiter über Internetsucht, die Banalität von Tweets oder den Niedergang von persönlichen Gesprächen klagt, werde ich zuversichtlich darauf hinweisen, dass das Internet - auch mit all seiner auffälligen Verschwendung - doch genau diejenige Technik sein könnte, die uns rettet.

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