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09. Juli 2001, 10:25 Uhr

Death Row Online

Die Stimme der Verdammten

Von Tobias Moorstedt

In den USA sitzen mehr als 3500 Menschen in der Todeszelle - viele von ihnen nach fragwürdigen Prozessen. Das Internet gibt ihnen die Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Todeskandidat Dewberry: Hoffnung auf Hilfe durch Öffentlichkeit

Todeskandidat Dewberry: Hoffnung auf Hilfe durch Öffentlichkeit

John McDewberry bleibt nicht mehr viel Zeit, und er hat noch so viel zu sagen. Seit sieben Jahren sitzt der 24-Jährige nun schon im Todestrakt des kleinen Städtchens Livingston in Texas, und gerade läuft seine letzte Chance ab, dem Tod von Staats wegen noch zu entkommen. Für ein Appellationsverfahren am Obersten Gerichtshof fehlt dem jungen Texaner allerdings das Geld. Deshalb wendet er sich im Internet an die Weltöffentlichkeit. "Dies ist ein Hilfeschrei!", schreibt McDewberry auf seiner Webseite. Und: "Ich bin unschuldig, kann mir aber keinen Anwalt leisten."

Wie John McDewberry haben ein paar hundert Insassen der Todestrakte in den USA eine Webpage. Im Internet stellen die Häftlinge ihre Sicht der Dinge dar - hier suchen sie Kontakt zur Außenwelt, bitten um Spenden oder darum, den zuständigen Staatsanwalt mit Protest-Mails zu bombardieren.

Das Leben in der Todeszelle, schreibt John McDewberry, ist ein Leben in der Stille. Das Internet ist für die Gefangenen ein Tor zur Außenwelt. Und anders als das Nullmedium Fernsehen, bietet das Internet nicht nur Bilder und Informationen; man kann auch mitmischen in der großen weiten Welt. Ein bisschen zumindest. Das Internet ist die Stimme der Verdammten. Irgendwie.

Deshalb schreibt John McDewberry, schreibt um sein Leben. Erzählt, wie das alles abgelaufen ist, damals, an diesem Weihnachtsmorgen des Jahres 1994. Wie er den Tag mit einem ordentlichen Kater begann, und wie er dann, fünf Stunden später, mit zugeschwollenem Gesicht an der Hauswand lehnte, in seinem Rücken sechs Polizisten, die erst zuschlugen, bevor sie Fragen stellten. Beweise für seine Version der Dinge hat er allerdings kaum. Er hat nur die vielen Zeilen und die beiden Bilder auf seiner Webpage.

Seit der Oberste Gerichtshof 1976 die Todesstrafe wieder eingeführt hat, sind in den USA mehr als 700 Menschen hingerichtet worden. 84 allein im vergangenen Jahr. Hinrichtungen sind in Amerika wieder Alltag geworden.

Anthony Graves: "Schreibe um mein Leben..."

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Doch es ist erst wenige Wochen her, dass die Welt auf ein Gebäude in Terre Haute, Oklahoma, blickte, in dem das Leben von Timothy McVeigh zu Ende ging. Nie zuvor hatte es einen solchen Aufruhr um eine Hinrichtung gegeben. Sterben sollte Timothy McVeigh, der vor vier Jahren 168 Menschen in den Tod bombte. Für ein paar Tage stand Timothy McVeigh noch einmal im Mittelpunkt. Und seine letzten Worte auf der ersten Seite so ziemlich jeder Zeitung: "Ich bin der Herr meines Schicksals, Kapitän meiner Seele."

Nicht alle Häftlinge in den amerikanischen Todeszellen bekommen so viel Aufmerksamkeit wie McVeigh. Und Aufmerksamkeit ist in einer Zeit, in der Gerichtsverhandlungen auch in den Medien entschieden werden, oft das einzige, was zwischen einer schnellen Hinrichtung und einer neuerlichen Aufnahme der Ermittlungen entscheidet.

Zum Beispiel der Fall Anthony Graves. Die Schilderung seines Falles im Internet überzeugte den Anwalt Robert E. Greenwod von seiner Unschuld. Das Verfahren wurde wieder aufgenommen. Neue Beweise kamen vor Gericht. Heute hat Anthony Graves eine gute Chance, das Gefängnis lebend zu verlassen, sagt der Anwalt.

Doch Anthony Graves ist ein Einzelfall. Nur selten machen die Proteste und das Engagement von Menschenrechtsorganisationen überhaupt einen Unterschied.

"Murdervictims": Auch die Seite der Opfer und derer Angehöriger findet im Web eine Stimme

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Und dann gibt es im Internet auch Geschichten wie die von Olga Parlante, die 1997 mit durchgeschnittener Kehle auf dem Boden ihres Wohnzimmers gefunden wurde. Ihr Sohn hat im Internet eine virtuelle Grabstätte eingerichtet, mit Sternen und Engel und vielen Kreuzen. Das virtuelle Grab von Olga Parlante ist nur eines von über 1800 auf dem Cyber-Friedhof für Mordopfer, den die Texanerin Charleene Hall eingerichtet hat. "Im Internet gibt es nur Webseiten gegen die Todesstrafe", schreibt Hall auf ihrer Homepage. "Aber was ist mit den Mordopfern?"

Hall will den Toten eine Stimme verleihen, und sie ist sich sicher: Könnten die Toten sprechen, sie würden nach Rache schreien. Menschen, die gegen die Todesstrafe kämpfen, versteht sie nicht: "Die sollten sich mal besser informieren, bevor es ihnen so leid für diese Mörder tut."

"Solange die Gefangenen auf den Tod warten", würde Tracy Lamourie dann wahrscheinlich erwidern, "müssen wir ihnen eine Stimme geben. Auch wenn sie lügen." Lamourie ist die Vorsitzende der Canadian Coalition Against the Death Penalty (CCADP), und jede Woche treffen bei ihr Briefe von Menschen in der Todeszelle ein; Gedichte und Fotos und "neue Beweise". Ob dann stimmt, was auf den Webseiten steht, das muss jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Nach der Exekution eines Häftlings, erzählt Lamourie, nimmt sie die entsprechende Seite dann ohnehin schnell aus dem Netz. Weil die Zeit nicht stillsteht und in den USA immer neue Menschen zum Tode verurteilt werden und die Kapazitäten ihre Servers begrenzt sind. "Das Internet ist unsere beste Waffe", sagt Lamourie. Aber: "Viele Häftlinge sitzen schon so lange in ihrer Zelle, die wissen gar nicht, was das Internet ist."

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