Debatte Die drei Krisen der Zeitung

Die Zeitungen scheinen den Höhepunkt ihrer Krise überwunden zu haben - doch die zunehmend demonstrative Fröhlichkeit ist noch immer ein Pfeifen im Walde. Zwar erholen sich die Anzeigenumsätze - doch die Printpresse steckt nicht nur in einer Krise, sondern gleich in dreien.
Von Robin Meyer-Lucht

Die Frage nach dem Verhältnis von Zeitung und Internet ist nicht nur die Frage danach, welchen Medienträger wir demnächst wie stark nutzen werden. Es ist auch die Frage danach, mit Hilfe welcher Maßstäbe, welchen Schemata und mit welchem Tempo diese Gesellschaft ihre Welt-Vermittlung organisiert. Jede Mediengattung hat ihre eigene Grammatik des Aussagbaren, ihr eigenes Werte- und Institutionensystem. Mit dem potentiellen Bedeutungsverlust der Tagesszeitung könnte zugleich der Verlust der durch sie konstituierten Wissensordnung einhergehen. Dies ist der Hintergrund der zum Teil vehement geführten Debatte um die Rede  von "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher zum Internet.

Schirrmacher geht es in seiner Rede letztlich um die "FAZ". Er möchte seine "Gelehrten-Republik mit X-Men-Einschlag" loben und schürt zur Steigerung des Antagonismus ein Unbehagen in Sachen Hektik, Bildgewalt und Beliebigkeit des Internets.

Über das eigene Haus sagt Schirrmacher: "Wir sind, wie alle anderen, durch schwierige Zeiten gegangen, die man fälschlicherweise 'Zeitungskrise' nennt, die aber in Wahrheit eine Anzeigenkrise war." Die Vollständigkeit dieser These kann man bezweifeln. Zeigen doch die Existenz und Emotionalität der Debatte, dass es hier einiges zu klären und zu verteidigen gibt. Tatsächlich durchlebt die Mediengattung Tageszeitung derzeit drei Krisen zugleich:

1. Anzeigenkrise

Die Anzeigenumsätze der Tageszeitungen steigen derzeit wieder leicht. Dennoch ist die Mediengattung als Anzeigenmedium massiv unter Druck. Im Boomjahr 2000 betrug der Netto-Anzeigenumsatz der Tagespresse hierzulande 6,6 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr wurden trotz guter Konjunktur nur noch 4,5 Milliarden Euro erreicht. Der Anteil der Tageszeitungen an den Anzeigenbuchungen sank in den in den vergangenen sechs Jahren nach Berechnungen des Zentralverbandes der Werbewirtschaft (ZAW) von 28 auf 22 Prozent. Ein Großteil der Einbußen beruht auf dem Abwandern der Rubrikenmärkte ins Internet. Nun gerät das Internet immer mehr auch zur Konkurrenz für klassische Imagewerbung.

Mit ihren Nachrichtenseiten wiederum können die Verlage bislang nicht an Anzeigenumsätzen hinzugewinnen, was sie in Print verlieren. Mit jedem Leser, den sie von der Print- an die Online-Plattform verlieren, verlieren sie Umsatz und Nutzungsdauer. Hingegen gewinnen sie teilweise an Rendite, weil das Online-Geschäft in Teilbereichen bereits margenstärker ist als das klassische Printgeschäft.

2. Leserkrise

Die Tageszeitungen erleben derzeit eine Erosion ihrer Kernleserschaft – jenem Teil ihrer Leserschaft, der die Tageszeitungen regelmäßig oder täglich liest. Eine Auswertung der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) zeigt, dass die vier führenden Titel der bundesdeutschen Qualitätspresse im Jahr 2001 noch 1,23 Millionen regelmäßige Leser zwischen 14 und 64 Jahren hatten. 2007 sind es nur noch 0,83 Millionen – ein Schwund von 33 Prozent in absoluten Zahlen und von 29 Prozent bereinigt um demografische Effekte. In der gleichen Zeit verlor die regionale Abonnementspresse über 5 Millionen tägliche Leser in dieser Altersgruppe – von 23,09 Milionen auf nun 17,88 Millionen.

Auf der anderen Seite hat sich die Zahl der 14- bis 64-Jährigen, die sich täglich auf den sechs führenden überregionalen Nachrichtenseiten von Print-Verlagen informieren, in den vergangenen sechs Jahren mehr als vervierfacht – von 180.000 im Jahr 2001 auf inzwischen eine Million (ACTA). Eine schleichende Abkehr von der regelmäßigen Lektüre des Medienträgers Tageszeitung zugunsten des Internets ist unübersehbar.

3. Rollen- und Institutionenkrise

Das Internet verändert die Rolle des Journalismus in der Gesellschaft. Journalismus war über Jahrzehnte organisiert als oligopolistischer Wettbewerb zwischen wenigen Torwärtern des Nachrichtenbetriebs. Im Internet dagegen wandelt sich das Journalismus-Geschäft vom Anbieter- zum Nachfrager-Markt. Mittelbar ist davon auch die Tagespresse betroffen, deren dominante Stellung im Medienkanon durch das Netz geschleift wird. Die Nutzer können sich zunehmend mit ihren Vorlieben gegen die teilweise paternalistisch geprägten Normen des Journalismus durchsetzen. Die Informationsasymmetrien zwischen Informierern und Informierten werden kleiner.

Während in den klassischen Medien erst gefiltert und dann veröffentlicht wurde, ist es im Internet häufig genau anders herum. Klassische Medien, Suchmaschinen und soziale Filter bilden im Netz eine neue Sphäre der kontinuierlichen Nachrichtenzirkulation und Neuigkeitenaggregation. Die journalistischen Institutionen stehen nach wie vor im Zentrum, sie sind aber anders eingefasst, nicht mehr der alleinige Ausgangspunkt. Sie sind eingebunden in ein medial vermitteltes Netzwerk der Informationsverbreitung. Sie sind herabgestuft von dem zu einem Modus der aktualitätsbezogenen Selbstwahrnehmung der Gesellschaft.

Die alten institutionellen Arrangements lassen sich nur bedingt konfliktfrei auf die neuen medientechnischen und ökonomischen Grundlagen übertragen. Dem Journalismus droht daher im neuen Medienumfeld eine De-Institutionalisierung. Seine Routinen und normativen Fundamente werden neu verhandelt.

Institutionelle Krisen sind selbstredend Phasen fruchtbarer Selbstinfragestellung – nicht zwangsläufig eine Bedrohung der Sache an sich. Mit der Bereitschaft zu Wandel und zur Suche nach neuen Antworten auf alte Fragen lassen sich sie trefflich meistern. Darum eben geht es: Optionen anzubieten, die die Haltung des Qualitätsjournalismus entfalten – in der Zeitung und im Internet.

Zur Debatte:

Auszüge der Originalrede von Frank Schirrmacher finden Sie hier ("FAZ")  und hier ("SZ")  - die beiden leicht gekürzten Fassungen unterscheiden sich in einigen Punkten.

Die Reaktion auf Schirrmachers Rede von SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christian Stöcker finden sie hier.

Frank Schirrmachers Replik darauf finden Sie hier.

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