Debatte im Internet Plagiatjäger stürzen sich auf Guttenberg

Das Web spottet über Guttenberg. Doch damit nicht genug: Internetnutzer tragen weitere Passagen zusammen, die der Minister bei seiner Doktorarbeit kopiert haben soll.
Minister Guttenberg: Hohn und Spott im Web

Minister Guttenberg: Hohn und Spott im Web

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Hamburg - Karl Theodor Xerox Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg - im Wikipedia-Eintrag des Verteidigungsministers haben Witzbolde den Firmennamen eines bekannten Kopiergeräteherstellers ergänzt, zumindest kurzzeitig. Im Englischen wird der Ausdruck "Xerox" übrigens auch als Verb, als Synonym für "kopieren" verwendet.

Mittlerweile wurde der Artikel für weitere Bearbeitungen gesperrt, bis sich die erste Aufregung um die mutmaßliche Kopierarbeit des Verteidigungsministers gelegt hat. Doch der Scherz zeigt: Die Copy-Paste-Vorwürfe gegen den CSU-Politiker sind ein Großthema im Web.

Die Plagiatsaffäre - Guttenberg soll ganze Passagen seiner Doktorarbeit ohne Quellenangabe übernommen haben - ist am Donnerstag das Top-Thema in den sozialen Netzwerken im deutschsprachigen Raum. Am Donnerstagmorgen hatte SPIEGEL ONLINE über weitere kopierte Passagen berichtet. Jetzt wird im Internet nicht nur erhitzt debattiert - allein im SPIEGEL-ONLINE-Forum gibt es Tausende Beiträge zum Thema - sondern auch an der Aufklärung mitgearbeitet.

Guttenberg selbst hat die Vorwürfe am Mittwoch als "abstrus" bezeichnet. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat eine gründliche Prüfung verlangt. Die Sache sollte "ganz in Ruhe aufgeklärt werden", sagte die FDP-Politikerin dem "Hamburger Abendblatt". Und schob hinterher: "Aufgeregte Kommentare sollten genauso unterbleiben wie Vorverurteilungen." An Guttenbergs Universität Bayreuth soll sich der Ombudsmann für Selbstkontrolle in der Wissenschaft, Professor Diethelm Klippel, der Angelegenheit annehmen. Laut "Süddeutscher Zeitung" saß Klippel damals auch in der Prüfungskommission, er sagte, das Promotionsverfahren sei korrekt abgelaufen.

Über die Vorwürfe informieren kann sich Klippel auch im Internet: Im GuttenPlag-Wiki  tragen freiwillige Helfer in einer gemeinsamen Anstrengung die bisher bekannt gewordenen Fundstellen zusammen. Außerdem sollen in der "kollaborativen Dokumentation der Plagiate" neue Verdachtsfälle vorgelegt werden, die zum Beispiel in Blogs veröffentlicht worden sind . Nachdem die Initiatoren von dem großen Ansturm auf ihr Crowdsourcing-Projekt überrascht wurden, mussten sie am Donnerstagmorgen hastig von einem öffentlich zugänglichen Google-Dokument zu einer leistungsfähigeren Wiki-Plattform wechseln.

Auf der Plattform bemüht man sich um Transparenz, Quellen werden angegeben und verlinkt. Dennoch können die Betreiber der Seite Missbrauch nicht völlig ausschließen: "Diese Zusammenstellung basiert in Teilen auf Berichten aus zweiter Hand. Es kann sein, dass Textstellen nicht korrekt wiedergegeben wurden", warnen sie.

Der Plagiatsvorwurf kann nach Einschätzung von Meinungsforschern für den Minister tatsächlich gefährlich werden. "Die wichtigste Politikereigenschaft ist das Vertrauen. Wer das verspielt, hat ein Problem", sagte der Chef des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid, Klaus-Peter Schöppner, am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Dies könne gerade Guttenberg treffen. Denn er genieße eine hohe Popularität, gerade weil er als authentisch, offen und vertrauenswürdig wahrgenommen werde.

Im Netz jedenfalls wird der Fall unter diesen Vorzeichen begierig aufgegriffen und diskutiert. Auf Twitter gehören #guttenberg  und Doktorarbeit  zu den "Trending Topics", den am meisten genannten und debattierten Begriffen unter deutschen Nutzern. Der Inhalt der Nachrichten: Hohn und Spott, Links auf die Berichterstattung der großen Nachrichtenseiten. Der Netzsturm ist mehr als nur ein Randphänomen: Rund 460.000 aktive Twitter-Accounts gibt es in Deutschland laut Webevangelisten. Nur eine kleine Hohn-Auswahl aus der Nachrichtenflut:

  • doc_snyder:  "Eine Doktorarbeit darf kein rechtsfreier Raum sein!"
  • bastiankbx:  "der Verteidigungsminister hat also seine Desertion geschrieben"
  • inselblogcom:  "Ich mache es jetzt auch immer wie #Guttenberg. Sobald ich zu Hause Stress habe, hau ich ab nach Afghanistan."
  • Hollarius:  "Man sollte wissen, wo man seine Anführungszeichen zu setzen hat, Herr "Dr." zu Guttenberg!"
  • peterglaser:  "Dr. zu Guttenberg in Fußnöten"

Die "Neue Zürcher Zeitung" ("NZZ"), aus der Guttenberg offenbar ebenfalls abgeschrieben hat, schaltete am Donnerstag eine Online-Anzeige. Zu sehen ist  die "NZZ am Sonntag", darunter die Auszeichnung "Summa cum laude" der Universität Bayreuth: Wenn Guttenberg mit einem abgeschriebenen Text aus der Zeitung die Bestnote verdient, so die Botschaft, dann müsse das für die Zeitung ebenso gelten.

Und wo steckt Guttenberg? Am Donnerstag war er zu einem Überraschungsbesuche bei den deutschen Soldaten in Afghanistan. Am Donnerstagabend wird der Verteidigungsminister zu einem Wahlkampftermin in Barleben in Sachsen-Anhalt erwartet. Dies wäre sein erster öffentlicher Auftritt in Deutschland nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe.

Mit Material von dpa und Reuters
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