Debatte Verbot für Ego-Shooter?

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2. Teil: Kippt der wissenschaftliche Konsens? Der bisher übliche "Freispruch" für die Medien wackelt: Bisher galten immer soziale Faktoren als wichtiger als der Einfluss gewalthaltiger Medien. Doch sind die inzwischen nicht selbst zu einem übermächtigen "sozialen Faktor" geworden? Ja, sagen immer mehr Experten und Politiker - und die könnten sich im Wahlkampf zu drastischen Maßnahmen bereit zeigen. Weiter...


Medienwirkungsforscher halten Ego-Shooter nicht für Ursachen, sondern allenfalls für Auslöser mörderischer Gewalt - so lautete bisher der wissenschaftliche Konsens. Die These: Jemand, der eine "Gewaltdisposition" mitbringe, könne sich durchaus von solchen Medieninhalten angeregt fühlen, nachahmend zum Täter zu werden.

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Zu gut Deutsch: Ego-Shooter und Gewaltvideos machen niemanden zum abgedrehten Attentäter. Wenn aber jemand diesen Schritt tut, dann "hilft" es schon, virtuelle Ballererfahrung zu haben.

Gegen solche Thesen protestieren die Ego-Shooter-Spieler gern vehement und mit großer Aggressivität. An den Tatsachen jedoch ist nichts zu drehen: Die Trainingseffekte der Ego-Shooter, bei denen teils im Sekundentakt getötet wird, nutzt nicht zuletzt das Militär immer öfter - angefangen vom ehemaligen US-Militär und späteren Politiker Alexander Haig, der sich schon Anfang der Achtziger auf die so perfekt "reaktionsgeschulte" neue Generation freute, bis hin zum Pentagon, das Ende der Neunziger ganz öffentlich eigene Trainings-Ego-Shooter in Auftrag gab.

Über den satt dotierten Auftrag freuen durfte sich im Übrigen die Entwicklerfirma ID: Die gilt als Creme der Szene und verantwortet "Kulturgüter" wie die Spiele Doom und Quake - bis dahin bevorzugtes virtuelles Stress- und Nahkampftraining der US-Militärs.

Doch ob und wie viel Verantwortung Medien für die Verrohung der Gesellschaft tragen, ist eine Wertediskussion, nicht nur eine wissenschaftliche.

"Ängstliche Weltbilder": Wie sehr verzerren Gewaltmedien die Wahrnehmung der Realität?

Mensch ist nicht Maschine, weder Video noch Spiel machen Kids zu Mördern. Darin waren sich die maßgeblichen Experten bisher einig.

Allerdings: Weltbild und Weltsicht gerade schwächerer Charaktere könnten solche Dinge durchaus aus dem Lot bringen. Die mediale Dauerberieselung mit brachialer Gewalt verändert die Sicht der Welt: Gewalt wird ganz selbstverständlich als "Lösungsmittel" für Konflikte vorgeführt.

Das meint auch der Schulpsychologe Berd Jötten: "Diese Simulationen bauen Gewaltkompetenz auf." Verbote etwa von Ego-Shootern hält er trotzdem für "Aktionismus": Das würde die Spiele nur interessanter machen.

Versagen von "Sicherheitsmaßnahmen": Die Überwachungskameras von Littleton verhinderten das Massaker nicht
REUTERS

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Da hat er wohl recht: Schon jetzt stehen die richtig Heftigen unter den Ego-Shootern längst auf dem Index, dürfen nicht beworben werden. Das ist aber auch gar nicht nötig: Als schier unbezahlbare Werbung erweist sich immer wieder die Indizierung. Nur was "verboten" ist, hat den richtigen "Wumm", wissen Fans.

Für sie ist das Element der Gewalt ein "Kick" und die öffentliche Empörung darüber letztlich bigott: Filme wie "Die Hard", die weitgehend ohne Handlung auskommen, erfreuen sich schließlich auch einer größeren Beliebtheit als das neueste Werk von Wim Wenders.

Mit nicht zu unterschätzenden Effekten: Mensch (und Wähler) fühlt sich in der mit Gewalt durchsetzten Medienwelt bedrohter, als er eigentlich ist, wie die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel vor zwei Jahren in einem Interview erläuterte.

Deutschland ist und bleibt eigentlich einer der sichersten Orte, an denen man weltweit leben kann. Das Risiko, zum Opfer von Gewalttaten zu werden, sinkt seit Jahrzehnten - subjektiv wahrgenommen wird genau das Gegenteil. Nach Ereignissen wie in Erfurt steigt das Bedrohungsgefühl beim Wähler, was auf Seiten der Politik Aktionen provoziert. Die beängstigende Kehrseite der Medaille: Nach Ereignissen wie in Erfurt steigt für eine Zeit tatsächlich das Risiko von Nachahmungstaten - doch das hat weniger mit der Gewalthaltigkeit der Medien zu tun als mit den Berichten über die Gewalt in der realen Welt.

Die Tragödie ist einmalig, die Diskussion darüber nicht

Weil das so ist, ist zumindest die anlaufende Diskussion programmiert: Stoibers und Münteferings Forderungen sind Wiederholungen von solchen, die auch im Dezember 1999 gestellt wurden, als eine bis dahin beispiellose Welle der Gewalt gegen Lehrer in Deutschland losbrach. Von der Diskussion der Verschärfung von Waffengesetzen bis hin zu Appellen an die Medienindustrie, künftig auf Gewalt weitgehend zu verzichten, ähnelt die gerade angelaufene Debatte schon jetzt der, die auch in den USA durch das Littleton-Massaker vom 20. April 1999 losgetreten wurde.

Dort stellte sich der damalige Präsident Bill Clinton 1999 publikumswirksam an die Spitze einer Bewegung, die es binnen drei Monaten schaffte, Hollywood in den Beschluss einer künftigen Gewaltabstinenz zu pressen - in "freiwilliger Selbstkontrolle". Auf die Effekte wartet man noch heute vergeblich - auf der Leinwand wie auf der Straße.

In Deutschland steht nun noch Phase drei des üblichen Forderungskataloges aus: Erfahrungsgemäß kurz nachdem die "Zensurdebatte" beginnt, melden sich die Bildungspolitiker zu Wort, die nach der Einführung eines Schulfaches "Medienkompetenz" und mehr Wertevermittlung rufen. Das könnte zwar sicherlich nicht schaden, doch darüber war man sich auch schon Anfang der siebziger Jahre klar: So alt ist die Forderung, die öffentlich immer nur dann populär wird, wenn die Gesellschaft fassungs- und verständnislos vor den Opfern eines sinnlosen Gewaltexzesses steht.

Diesmal jedoch könnte das anders sein. Zu gut passt die Geschichte des grundfrustrierten Schulversagers Robert Steinhäuser in die Diskussion um eine angeblich zunehmend gewaltbereite Jugend mit klaffenden Lücken in Wertesystem und Bildung ("Pisa"). Innere Sicherheit und Bildung werden Wahlkampfthemen, und mit Glück erkennen die Akteure, dass Investitionen in Prävention mehr bringen als Überwachungskameras in Schulen. Die gab es auch in Littleton, was nichts verhinderte, aber den Behörden immerhin einen "Real Life"-Horrorfilm bescherte.

"Counter Strike": Morden im Team
Sierra

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Prävention hingegen, da waren sich schon bisher alle Experten einig, ist hoch notwendig: Anfällig für schädigende Wirkungen gewalthaltiger Medienangebote seien "labile" Charaktere, nicht hinreichend gefestigt, oft zudem ungünstigen sozialen Einflüssen ausgesetzt. Die brauchten Orientierung, Rüstzeug für den Marsch durch die Welt der "Die Hard" und Ego-Shooter. Immer lauter werden zudem die Stimmen, die die Medien selbst zu einem übermächtigen (un-)sozialen Faktor erklären, dem so ziemlich jeder ausgesetzt sei.

All das ist kein akademisches Geschwätz oder politische Profilierungssucht im Kielwasser der Katastrophe. Die Diskussion um Medien-Gewaltverbote, Waffengesetze und Werte liegt wie ein nur dünner Teppich über der eigentlichen Angst: Wann kommen die Nachahmer?

Denn weit "inspirierender" als jeder Ego-Shooter, jedes Gewaltvideo ist das "Vorbild" des Robert Steinhäuser. Wie viele psychisch labile, innerlich kalte, hasserfüllte potenzielle Täter sitzen nun da draußen und denken sich, dass sie so "berühmt" auch gern einmal werden möchten?

Seit Jahren schon plädieren darum viele Medienwissenschaftler, abgedrehte Massenmörder in Berichten auch so zu nennen: Wenn man nicht mehr davon ausgehen könne, dass die (hier maßgebliche) Leserschaft über das Wertesystem verfüge, eine verabscheuungswürdige Tat als solche zu erkennen, dann müsse man die Dinge halt deutlichst beim Namen nennen - und die stets um "Objektivität" bemühte Sprache fahren lassen. Denn zumindest über ein Wirkungspotenzial der Medien macht sich niemand Illusionen:

Der stärkste Auslöser für Gewalttaten sind Berichte über Gewalttaten

Robert Steinhäuser "löste" seinen Konflikt mit Gewalt. Was ihn dazu gebracht hat, wird man vielleicht nie erfahren. Dass ihm die Welt von "Counter Strike" und Co. dabei möglicherweise Vorbild und "Rezept" war, wird man kaum widerlegen können. "Jemand, der auf einem Berg wohnt", sagt der angesehene Medienwissenschaftler Jo Groebel, der viel über Medien und Gewalt gearbeitet hat, "wird nie auf die Idee kommen, ein Boot zu bauen."

Möglich, aber hier geht es nicht um Boote, sondern um vielfachen Mord. Wenn jemand auf eine so inhumane Idee kommt, dann wäre es letztlich hilfreich, wenn er an eine "Wumme" nur virtuell herankäme.

Natürlich sind Ego-Shooter Trash, Schund. Natürlich haben die Filme von Lundgren und Co. nichts mit Kultur zu tun. Ob so etwas sein muss und darf, darüber kann man streiten. Dass aber ein Jugendlicher losgehen kann, um sich eine Pumpgun zu kaufen, nur weil er "mehr als ein Jahr" in einem Schützenverein war, das ist ein unglaublich bitterer Witz. Gemordet hat Steinhäuser allerdings mit seiner Pistole. Die Pumpgun hing als martialische Dekoration an seiner Schulter.

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